ehirn  Das Gehirn wird von den guten und schlechten Säften, die in einem Menschen sind, berührt und ist deshalb immer weich und feucht. Wird es einmal trocken, so tritt sofort Krankheit ein. Es ist von Natur aus sehr feucht und fett und ist auch der Stoff für die Wissenschaft, Weisheit und den Verstand des Menschen, sodaß es diese entsendend und zurückziehend enthält und auch die Kräfte der Gedanken behält. Sitzen die Gedanken im Herzen, dann haben sie Süße oder Bitterkeit; die Süße aber macht das Gehirn fett, während die Bitterkeit es entleert.

Und das Gehirn hat seine Wege, wie der Schornstein seine Öffnungen, durch die der Rauch hinauszieht; diese Wege aber sind die Augen, die Ohren, der Mund und die Nase und zeigen sich dort. Ist nun Bitterkeit darin, so zeigen die Augen Tränen, und in Zorn und Traurigkeit verraten dies das Gehör und die Sprache.

Die Augen des Menschen aber sind nach der Art des Firmamentes gemacht. - (bin)

Gehirn (2)   Erst wenn eine Maschine ein Sonett schreiben oder ein Concerto komponieren kann, und zwar auf der Grundlage von Gedanken und Empfindungen und nicht anhand zufällig vorkommender Symbole, könnten wir zustimmen, daß die Maschine dem Gehirn gleich ist — das heißt, nicht nur schreiben, sondern wissen, daß man es geschrieben hat. Kein Mechanismus könnte Freude über Erfolge wirklich empfinden (und nicht etwa bloß signalisieren, ein simpler Kunstgriff), trauern, wenn seine Röhren durchbrennen, durch Schmeichelei erwärmt, durch seine Fehler traurig gemacht, durch Sex betört werden, wütend oder niedergeschlagen sein, wenn er nicht bekommt, was er will. - Professor Jefferson, nach (hof)

Gehirn (3)  Was dürfte das erste Gehirn, das auf den Globus geriet, getan haben? Vermutlich erstaunte es über seine Anwesenheit und wußte mit sich und dem schmutzigen Vehikel unter seinen Füßen nichts anzufangen. Inzwischen hat man sich an das Gehirn gewöhnt, indem man es so unwichtig nimmt, daß man es nicht einmal ignoriert, aus sich einen Rasta gemacht (zu unterst: Schaubudenbesitzer; zu oberst: etwa Senatspräsident) und aus der mit Unrecht so beliebten Natur eine Kulisse für ein wahrhaftig sehr starkes Stück. Dieser zweifellos nicht sonderlich heroische Ausweg aus einem immer noch nicht weidlich genug gewürdigten Dilemma ist zwar vollends reizlos geworden, seit er so absehbar ist (wie blöde ist eine Personenwage!), aber eben deshalb sehr geeignet, gewisse Prozeduren vorzunehmen. - (ser)

Gehirn (4)  Das Gehirn, das aus einem Schädel läuft, bringt Glück. - (byz)

Gehirn (5) Als nächstes Stadium ist naturgemäß eine noch stärkere Entfaltung des Großhirns und damit der intellektuellen Eigenschaften zu erwarten; denn jenes ist deutlich einer nach vorne gerichteten Aufwölbung und Vergrößerung fähig.

Der Schädel würde dann mehr nach vorwärts gewölbt, das Gesicht noch mehr von ihm überschattet werden. Im selben Maß als dies geschähe, könnte das Großhirn nach rückwärts Raum lassen, wodurch die alten Organe und Fähigkeiten der Ursinnessphäre wieder mehr hervorzutreten vermöchten. Sobald dies begänne, würden damit auch die alten natursichtigen Fähigkeiten und Betätigungen über ihren derzeitigen Schlummerzustand hinaus stärker werden und zu einem Einklang mit den Funktionen der Großhirnsphäre, dem Intellekt gelangen.

Wir würden also bewußte magische Fähigkeiten damit gewinnen, die nun nicht mehr wie beim ursprünglich nur natursichtigen Menschen primitiv somnambul, nicht mehr nur organisch reaktionshaft wirkten, sondern da sie durch die Schule des Intellekts gingen und anatomisch von seinem Zentrum umschlossen wären, auch mit Außerungen hoher Bewußtheit und Planmäßigkeit verbunden wären. - Edgar Dacqué, Natur und Seele, München u. Berlin 1928

Gehirn (6)  Es ließe sich ein philosophisches Traumbuch schreiben, man hat, wie es gemeiniglich geht, seine Altklugheit und Eifer die Traumdeutungen empfinden lassen, die eigentlich bloß gegen die Traumbücher hätte gewendet werden sollen. Ich weiß aus unleugbarer Erfahrung daß Träume zu Selbsterkenntnis führen. Alle Empfindung, die von der Vernunft nicht gedeutet wird, ist stärker. Beweis das Brausen in den Ohren während des Schlafs, das bei Erwachen nur sehr schwach befunden wurde. Daß es mir alle Nacht von meiner Mutter träumt und daß ich meine Mutter in allem finde ist ein Zeichen wie stark jene Brüche des Gehirns sein müssen, da sie sich gleich wieder herstellen, sobald das regierende Principium den Szepter niederlegt.

Merkwürdig ist, daß einem zuweilen von Straßen der Vaterstadt träumt, man sieht besondere Häuser, die einen frappieren, bald darauf aber besinnt man sich und findet (wiewohl es falsch ist), es sei ehmals so gewesen. - (licht)

Gehirn (7)  Das reine / silberne wäxerne / subtile / im Netz verhüllte hart beschlossne Hirn. Der Mensch hat nichts an sich das so gar wol beschirmet und mit der Hirnschale gleichsam vermauret ist / als des Gehirns Schatz / der Verstandes Haus und Palast/ der Gedächtniß weisses Zimmer / die Quell deß Schlaffs / der Himmel in der kleinen Welt / von dem deß Regens triffte fällt / das in deß Menschen Leib die Oberstell erhalten. - (hrs)

Gehirn (8)  In einer Studie zum Bauplan des fötalen Hirnschädels vergleicht 1933 ein Verfasser das wachsende Gehirn mit einer Blase, die sich langsam mit Luft füllt. Unter einigen kannibalischen Stämmen galt das Gehirn als besondere Delikatesse bei rituellen Mahlzeiten. Erwägt man die Mühe, die ihnen das Aufbohren des Schädeldaches bereitet haben mußte, kann man ihre Wehmut beim Anblick der Fontanelle verstehen. Ein Säuglingsschädel war vermutlich weniger schwer auszublasen als jedes Straußenei. - (gr)

Gehirn (9)  In einer Operation war mir ein anderes Gehirn eingesetzt worden, schwer, klein, schmerzhaft hin und her rutschend. Als ich damit ins Freie trat, war ich schon schmerzlos; nur ein Rütteln war in mir, von meiner ins Innere abgefallenen »Ich-Rüstung«: eine wohltuende Empfindung. Ich spürte unter den Füßen die Härte der Erde - (bleist)

Gehirn (10)  Auf die Gestalt desselben, im Ganzen und in den Theilen, kommt ohne Zweifel sehr viel an: allein dies genau zu bestimmen, reichen unsere Kenntnisse noch nicht aus; obwohl wir die edle, hohe Intelligenz verkündende Form eines Schädels leicht erkennen. Die Textur der Gehirnmasse muß von der äußersten Feinheit und Vollendung seyn und aus der reinsten, ausgeschiedensten, zartesten und erregbarsten Nervensubstanz bestehn:

gewiß hat auch das quantitative Verhältniß der weißen zur grauen Substanz entschiedenen Einfluß, den wir aber ebenfalls noch nicht anzugeben vermögen. Inzwischen besagt der Obduktionsbericht der Leiche Byron' s, daß bei ihm die weiße Substanz in ungewöhnlich starkem Verhältniß zur grauen stand; desgleichen, daß sein Gehirn 6 Pfund gewogen hat. Cuvier ' s Gehirn hat 5 Pfund gewogen: das normale Gewicht ist 3 Pfund. - Im Gegensatz des überwiegenden Gehirns müssen Rückenmark und Nerven ungewöhnlich dünn seyn. Ein schön gewölbter, hoher und breiter Schädel, von dünner Knochenmasse, muß das Gehirn schützen, ohne es irgend einzuengen. Diese ganze Beschaffenheit des Gehirns und Nervensystems ist das Erbtheil von der Mutter. Dieselbe ist aber, um das Phänomen des Genies hervorzubringen, durchaus unzureichend, wenn nicht, als Erbtheil vom Vater, ein lebhaftes, leidenschaftliches Temperament hinzukommt, sich somatisch darstellend als ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach dem Kopfe hin. Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene Turgescenz [Prallheit des Zellgewebes] vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt; daher es aus jeder durch Verletzung entstandenen Oeffnung in diesen hervorquillt: zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Athemzuge noch verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse bei jedem Pulsschlage der vier Cerebral-Arterien besteht und deren Energie seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Thätigkeit ist. Dieser ist eben daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil, auf dem kürzern Wege, das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt: deshalb sind die großen Geister selten von großem Körper.  - (wv)

Gehirn (11)  Wenn ich eine Abbildung des Gehirns mit dem Rückenmark sehe, so denke ich nunmehr immer an die keimende Pflanze, welche die Wurzel unten in der Materie, die Herzblätter oben unterm Gewölbe, die Stammknospe, arbor vitae, in der Sproßachse hat. Aber das Gehirn selbst, beim jungen Säugetier, gleicht äußerlich dem Dünndarm und kann bei einem gewissen Querschnitt an das Diagramm der Niere erinnern. Das Gehirn ist der Anatomie nach eine Drüse von der Konsistenz der Milz, und die Äfflinge glauben, man denke mit dieser Drüse.  - (blau)

Gehirn (12)   Ich frage mich, was mag dort nur sein, im Herzen des Sumpfs, gibt es dort einen zentralen Ort, der die Bewegung der Gewässer, das Rinnen der Pfützen und die Verwandlungen der Dünen regiert? Existiert im innersten Herzen des Sumpfs, ganz tief unten, wo die Gedärme der verwesten Erde sind, ein schlagendes Herz, ein schreckliches Herz, dem kein Antlitz, keine Hand, kein Geschlechtsteil entspricht, sondern nur dieses graue Blut aus schlammigem Wasser? Oder könnte es sein, daß eine Art Sumpfintelligenz existiert - und ähnelt denn dieses Gewirr nicht den Berieselungen des Gehirns? -, ein lasterhafter und sentenziöser, ein strafender und leidender Verstand, der diesen Raum, den Sumpf, unablässig schafft und zerstört? Wie weit, frage ich mich, wie weit wird man hinabsteigen müssen, um das Zentrum zu erreichen, wo der Sumpf verständlich wird? Oder ist dieses Zentrum vielleicht nichts weiter als eine Phantasie unserer Säuglingsgehirne? Oder es gibt es zwar, dieses Zentrum - und wie könnte es anders sein? -, aber der Stumpf ist dann nur sein Bollwerk, sein Schutz, das, was das Zentrum, das regiert und erklärt, unzugänglich macht. - Giorgio Manganelli, Der endgültige Sumpf. Berlin 1993(zuerst 1991)

Gehirn (13)   Die Gebilde von genau symmetrischer Dreiteilung erinnerten in der Form an den Buchstaben Y. Sie hatten drei spitz auslaufende, in einer zentralen Verdickung verankerte Flügel. Bei direkter Beleuchtung sahen sie kohlschwarz aus, bei reflektiertem Licht aber schillerten sie bläulich und olivgrün wie der Hinterleib mancher irdischer Insekten, der sich wie der Rosettenschliff eines Brillanten aus winzigen Flächen zusammensetzt. Ihr Inneres wies immer dieselbe, allerdings mikroskopisch kleine Konstruktion auf. Ihre Elemente, hundertmal kleiner als ein Sandkörnchen, bildeten eine Art autonomes Nervensystem, in dem voneinander teilweise unabhängige Stränge zu unterscheiden waren.

Der kleinere, die Arme des Buchstaben Y bildende Teil stellte ein Steuersystem für die Bewegung des »Insekts« dar, das in der mikrokristallinen Struktur der Arme eine Art universellen Akkumulator und zugleich Energieumwandler besaß. Je nachdem, wie- die Mikrokristalle zusammengepreßt wurden, erzeugten sie ein elektrisches oder ein magnetisches Feld oder aber veränderliche Kraftfelder, die den Mittelteil auf eine verhältnismäßig hohe Temperatur bringen konnten, so daß die gespeicherte Wärme in einer Richtung nach außen strömte. Die schubähnliche Luftbewegung, die dadurch hervorgerufen wurde, ermöglichte es ihnen, beliebig aufzusteigen, wobei die einzelnen winzigen Kristalle mehr flatterten als flogen und — zumindest bei den Versuchen im Labor — unfähig waren, ihren Flug genau zu steuern. Verbanden sie sich hingegen durch Verkettung der Flügelenden miteinander, so entstanden Aggregate mit um so besseren aerodynamischen Eigenschaften, je größer die Anzahl war.

Jeder Kristall verband sich mit drei anderen; außerdem konnte sich sein Arm mit dem Mittelteil eines anderen verbinden und so einen vielschichtigen Bau der sich auf diese Weise vergrößernden Systeme ermöglichen. Die einzelnen Kristalle brauchten sich dabei nicht zu berühren, eine Annäherung der Flügelspitzen genügte, durch das erzeugte Magnetfeld das ganze Gebilde im Gleichgewicht zu halten. Ballte sich eine bestimmte Menge von »Insekten« zusammen, so wies das Aggregat zahlreiche Gesetzmäßigkeiten auf. Wenn es durch äußere Reize »aufgestachelt« wurde, dann konnte es seine Bewegungsrichtung, seine Form und Gestalt und die Häufigkeit der inneren Impulse ändern, und nach dieser Änderung kehrten sich die Vorzeichen des Feldes um, so daß sich die Metallkristalle nicht mehr anzogen, sondern trennten und einem individuellen Zerfall unterlagen.

Außer dem Steuersystem für diese Bewegung trug jeder schwarze Kristall ein zweites Verbindungssystem in sich oder, besser gesagt, ein Bruchstück davon, anscheinend den Teil eines größeren Ganzen. Dieses übergeordnete Ganze, das wohl erst bei der Vereinigung einer riesigen Menge von Elementen entstand, war der eigentliche Antriebsmotor für die Aktionen der Wolke. Hier waren die Wissenschaftler mit ihrer Weisheit allerdings am Ende. Sie wußten nichts über die Wachstumsmöglichkeiten dieser Leitsysteme, und das Problem ihres »Intellekts« blieb völlig im dunkeln. Kronotos nahm an, daß sich um so mehr Elemente zu einer großen Einheit zusammenschlössen, je schwieriger die Aufgabe war, die sie zu lösen hatten. Das klang ziemlich einleuchtend, aber weder den Kybernetikern noch den Spezialisten für Informationstheorie war eine damit vergleichbare Konstruktion bekannt, das heißt ein beliebig wucherndes »Gehirn«, das seine Ausmaße dem Umfang seiner Absichten anpaßt. - Stanislaw Lem, Der Unbesiegbare. Frankfurt am Main 1996 (zuerst 1964)

Gehirn (14)  Wir haben diese noch nicht lange zurückliegende und bedauerliche Affäre keineswegs vergessen: bei der Obduktion stellte sich heraus, daß der Schädel eines Schutzmanns völlig ohne Gehirn, dafür aber mit alten Zeitungen gefüllt war. Die öffentliche Meinung war bewegt und wunderte sich über das, was sie eine makabre Mystifikation nannte. Auch wir sind schmerzlich bewegt, jedoch in keiner Weise verwundert. Wir sehen keinen Grund, weshalb man hätte erwarten sollen, im Schädel eines Schutzmannes etwas anderes zu finden als das, was man tatsächlich gefunden hat. Gerade die große Verbreitung des bedruckten Blattes gehört zu den Ruhmestaten dieses fortschrittlichen Jahrhunderts; und auf jeden Fall besteht kein Zweifel daran, daß diese Ware sich weitaus häufiger nachweisen läßt als die Gehirnsubstanz. Wer von uns hat nicht schon unendlich öfters eine Zeitung, ob alt oder vom Tage, in den Händen gehalten als auch nur eine winzige Parzelle vom Gehirn eines Schutzmannes. Um so müßiger sollte es also sein, an diese obskuren und schlecht bezahlten Opfer der Pflicht das Ansinnen zu stellen, auf Verlangen ein ganzes Gehirn vorzuweisen.  - (jar)

Gehirn (15) 

Gehirn (16) FRAU GESCHWÄRZT: Es reicht aus, dass ich zu erkennen bin.
KLINIKMANAGER: Nun, das ist bei Zwillingen bedauerlicherweise nie so ganz eindeutig. Zur Not könnten wir immer noch behaupten, es sei ihre Schwester gemeint.
FRAU GESCHWÄRZT: Sie ... Sie ... Diesen hinterhältigen Trick, den hat Ihnen der Bossi verraten ... Ich könnte Sie ... Fasst nach hinten, um etwas zu greifen, kommt mit der Hand an das dort liegende Gehirn.
KLINJKMANAGER: Halt! Vorsicht! Um Gottes willen! Das Gehirn Ihrer Frau Mutter!
FRAU GESCHWÄRZT: Und was um alles in der Welt hat das hier verloren?
KLINIKMANAGER: Sehen Sie, das Gehirn ist hier in der Psychiatrie und für uns, die wir hier jeden Tag in gewissem Sinne damit arbeiten, etwas ganz Besonderes. Wir Fachleute, und ich schließe da unsere Patienten ausdrücklich mit ein, sehen das Gehirn völlig anders ais der gewöhnliche Laie. Für ihn ist es der Ursprung der Gedanken, gar der Gefühle, mit ihm meint er wahrzunehmen, Eindrücke aufzunehmen und wiederzugeben und so weiter. Deshalb glaubt er auch, man müsse am Hirn selbst oder in ihm etwas erkennen, das Rückschlüsse auf den Charakter oder gar den Irrsinn seines Trägers zulässt. Aber selbst wenn diese unsinnige Hypothese stimmte, käme denn irgendjemand auf die Idee, die Augen eines Toten zu untersuchen, um herauszufinden, was dieser während seines Lebens gesehen hat? Die Verrückten sind da, mit Verlaub, schon viel weiter. Seit jeher. Sie kennen die Bedeutung des Darms. Denken Sie an Staudenmaier mit seinen Darmerektionen.  - (raf)

Gehirn (17)  Soll ich es wagen, vom Großhirn zu sprechen, dem siebenten Himmel der Materialisten, in dem ihr höchstes Wesen wohnt, sich offenbarend durch Knöpfe und Stränge wie eine Telephonstation? Das Großhirn ist ein Brei, eingeschlossen in einer Hlaut. Wenn Wassermangel entsteht, schrumpft diese zusammen und zeigt wie alles Eingeschrumpfte Windungen und Furchen. Wer auf einem Gespensteressen dazu gebracht worden ist, einen vol-au-vent zu essen, oder wenigstens zu analysieren, hat wohl unter Halmenkämmen und anderm Abfall diesen grauen Brei konstatieren können, der von allen Eingeweiden am wenigsten intelligent aussieht. Die Gehirne, die man in Büchern abgebildet findet, sind nach Gehirnen aufgenommen, die in Bichromat verhärtet sind und wenig den wirklichen gleichen. Mit diesem Brei stellen die Äfflinge sogenannte Gedanken her, falsche Schlußfolgerungen, Diebsverträge, Börsenspekulationen und philosophische Systeme. Darum ist ihre Wissenschaft etwas breiig geworden und kann jeden Augenblick in den Mülleimer geworfen werden. (blau)

Gehirn (18)  Rönne beschäftigte sich viel mit seinen Händen. Die Schwester, die ihn bediente, liebte ihn sehr; er sprach immer so flehentlich mit ihr, obschon sie nicht recht wußte, um was es ging. Oft fing er etwas höhnisch an: er kenne diese fremden Gebilde, seine Hände hätten sie gehalten. Aber gleich verfiel er wieder: sie lebten in Gesetzen, die nicht von uns seien und ihr Schicksal sei uns so fremd wie das eines Flusses, auf dem wir fahren. Und dann ganz erloschen, den Blick schon in einer Nacht: um zwölf chemische Einheiten handele es sich, die zusammengetreten waren nicht auf sein Geheiß, und die sich trennen würden, ohne ihn zu fragen. Wohin solle man sich dann sagen? Es wehe nur über sie hin.

Er sei keinem Ding mehr gegenüber; er habe keine Macht mehr über den Raum, äußerte er einmal; lag fast ununterbrochen und rührte sich kaum.

Er schloß sein Zimmer hinter sich ab, damit niemand auf ihn einstürmen könne; er wollte öffnen und gefaßt gegenüberstehen.  - Gottfried Benn, Gehirne. In: G. B., Prosa und Szenen. Ges. Werke Bd. 2. Wiesbaden 1962

Gehirn (19)  Der Chefarzt wurde zurückgerufen, er war ein freundlicher Mann, er sagte, eine seiner Töchter sei erkrankt. Rönne aber sagte: sehen Sie, in diesen meinen Händen hielt ich sie, hundert oder auch tausend Stück; manche waren weich, manche waren hart, alle sehr zerfließlich; Männer, Weiber, mürbe und voll Blut. Nun halte ich immer mein eigenes in meinen Händen und muß immer darnach forschen, was mit mir möglich sei. Wenn die Geburtszange hier ein bißchen tiefer in die Schläfe gedrückt hätte . . .? Wenn man mich immer über eine bestimmte Stelle des Kopfes geschlagen hätte ... ? Was ist es denn mit den Gehirnen? Ich wollte immer auffliegen wie ein Vogel aus der Schlucht; nun lebe ich außen im Kristall. Aber nun geben Sie mir bitte den Weg frei, ich schwinge wieder - ich war so müde - auf Flügeln geht dieser Gang - mit meinem blauen Anemonenschwert - in Mittagsturz des Lichts - in Trümmern des Südens - in zerfallendem Gewölk - Zerstäubungen der Stirne - Entschweifungen der Schläfe.   - Gottfried Benn, Gehirne. In: G. B., Prosa und Szenen. Ges. Werke Bd. 2. Wiesbaden 1962

Gehirn (20)   Wie es Dr. Timothy Leary im Gespräch zum Audruck brachte: «Unser Gehirn besteht aus jener globalen Subquanten-Intelligenz, die Sarfatti und andere angetörnte Physiker beschreiben. Diese Intelligenz ist sowohl zentralisiert - im Innern der Atome unserer Gehirnzellen - als auch dezentralisiert in Raum und Zeit vorhanden.»

«Oh, gewiß», stimmte Sarfatti bei, «nach Bells Lehrsatz über die Globalität befindet sich die Intelligenz - falls sie irgendwo innerhalb des Systems vorhanden ist-überall.»

Überall, nicht nur in dir und mir (ein schmeichelhafter Gedanke!), sondern auch in der Laus, im Floh, im Stern und -was am schlimmsten ist - auch in jenen Leuten, die wir verabscheuen. Die Zen-Tradition weiß um diese Dinge; so fragte einst ein Mönch einen Zen-Meister:

«Was ist Buddha?»

«Derjenige, der dort im Vorraum steht.»

«Aber», protestierte der Mönch, «im Vorraum befindet sich eine Statue - ein Stück Holz!»

«So ist es», bestätigte der Meister.

«Also, was ist somit Buddha?»

«Derjenige, der im Vorraum steht.»

Nach diesen Worten erlangte der Mönch die Erleuchtung.   - (ill)

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