amilienleben   Seit ich von den Eltern weg bin, und das ist schon mehr als zehn Jahre her, empfinde ich ihnen gegenüber Schuld und mir selbst gegenüber Schmerz. Und ich kann mir nicht erklären, wo dieses Schuld- und Schmerzgemisch herkommt und wie es entsteht. Ich habe die Eltern verlassen, weil es bei ihnen nicht mehr auszuhalten war. Aber seither muß ich mit dieser Schuld und diesen Schmerzen herumlaufen, die ich mir nicht erklären kann. Aber ich will eine Erklärung haben, weil ich ohne Erklärung vielleicht eines Tages verrückt werde, verstehen Sie das, Herr Dr. Buddenberg. Ich erkläre es mir so: Die Grundlage eines funktionierenden Familienlebens muß die Fähigkeit aller in der Familie lebenden Personen sein, alle Kränkungen, die das Familienleben hervorbringt, und das heißt, das Familienleben selbst, immer wieder vergessen zu können. Wer am schnellsten vergißt, daß er gekränkt, verletzt oder beleidigt worden ist, kann das Familienleben am sichersten fortsetzen. Alles muß jeden Tag von allen vergessen werden, dann blüht die Familie. Das bedeutet aber einen ungeheuren Verschleiß des Erlebens, und während dieses Verschleißes geschieht mit jedem Familienmitglied etwas Unheimliches: Jeder hat nämlich durch das ständige Vergessenmüssen seiner selbst das Gefühl seiner Wertlosigkeit bekommen. So ist es mir ergangen, glauben Sie mir, Herr Dr. Buddenberg. Ich bin davon überzeugt, absolut wertlos zu sein. Denn dieses Vergessen ist zwar eine Methode, die familiären Tageskränkungen zu überwinden, aber man selbst geht dadurch in winzig kleinen Raten verloren. Und in dem Augenblick, so erkläre ich mir das, wenn jemand — wie ich — aus der Familie ausscheidet, spürt er sofort seine Wertlosigkeit und Nichtigkeit. Man hat ja alles den anderen gegeben, und es ist nichts mehr da von einem selbst! Das eigene Leben ist in das Leben der anderen eingegangen und von ihnen nicht mehr ablösbar, und deswegen ist man bloß ein Wesen geworden, aber keine Person, ja? Und der Schmerz ist wahrscheinlich der Ausdruck des Verrats an der eigenen Würde, der sich im jahrelangen Vergessen angesammelt hat und nun als nicht zu stillender Schmerz überlebt. Diesen Schmerz muß ich dauernd aushalten. Diesen Schmerz könnte ich nur beseitigen, wenn es mir gelingen würde, meine auf meine Familie verteilte Person wieder einzusammeln, und eben das geht nicht. Die Angst vor diesem Schmerz ist ja der Grund, warum so viele gräßliche Familien so prächtig zusammenleben. Aber ich kann doch nicht, rief Abschaffel aus, zu meinen Eltern zurückkehren, nur damit dieser Schmerz endlich aufhört! - (absch)

Familienleben (2)  Uranos zeugte mit Mutter Erde die Titanen, nachdem er seine aufständischen Söhne, die Kyklopen, in den Tartaros geworfen hatte. Dies ist ein finsterer Ort in der Unterwelt, der so weit von der Erde liegt wie die Erde vom Himmel; ein fallender Amboß würde neun Tage brauchen, um seinen Grund zu erreichen. Auf Rache sinnend verleitete Mutter Erde die Titanen, den Vater anzugreifen. Geführt von Kronos, dem jüngsten der sieben, den die Mutter mit einer Sichel aus Feuerstein bewaffnet hatte, überraschten sie Uranos im Schlafe. Und mit der steinernen Sichel entmannte der erbarmungslose Kronos den Uranos. Er faßte des Vaters Genitalien mit der linken Hand (die seit jener Zeit immer als Hand det bösen Omens gilt) und warf sie, zusammen mit der Sichel, in das Meer bei Kap Depranon. Doch die Blutstropfen, die aus der Wunde flossen, fielen auf Mutter Erde, und sie gebar die drei Erinyen — Alekto, Tisiphone und Megaira —, Furien, die Vatermord und Meineid rächen. Auch die Nymphen der Esche, genannt Meliai, entsprangen diesem Blute.

Die Titanen befreiten dann die Kyklopen aus dem Tartaros und sprachen die Oberherrschaft über die Erde dem Kronos zu.

Kaum fand sich aber Kronos im Besitze der Macht, verbannte er die Kyklopen, zusammen mit den Hundertarmigen, wieder in den Tartaros und regierte, nachdem er seine Schwester Rhea zur Frau genommen hatte, in Elis. - (myth)

Familienleben (3)

Strubelimutz, mein Kind ist krank.
Strubelimutz, was fehlt ihm denn?
Strubelimutz, ein Schöpplein Wein.
Strubelimutz, das kann nicht sein.
Strubelimutz, zum Doktor, lauf!
Strubelimutz, jetzt steht es auf.

Heidewidewum, der Hans ist hier!
Heidewidewum, was will er hier?
Heidewidewum, er will ein Weib.
Heidewidewum, er ist nicht gescheit.

Dubbedubbedub, mein Mann ist kommen.
Dubbedubbedub, was hat er bracht?
Dubbedubbedub, ein Scheffel Junge.
Dubbedubbedub, was solin die Jungen?
Dubbedubbedub, die Trauben lesen.
Dubbedubbedub, was soll der Wein?
Dubbedubbedub, getrunken sein.

Widdewiddewit, mein Mann ist kommen.
Widdewiddewit, was mitgebracht?
Widdewiddewit, ein Sack voll Kohlen.
Widdewiddewit, er hats gestohlen.
Widdewiddewit, er wird gehangen.
Widdewiddewit, er bummelt schon.


- Allerleirauh. Viele schöne Kinderreime. Hg. H. M. Enzensberger. Frankfurt am Main 1974 (it 115)

Familienleben (4)

Die Hauptpersonen

ANNE FAULKNER 

liebt den Mann einer anderen.

GUY HAINES

ist verheiratet und leidet darunter.

MIRIAM JOYCE-HAINES

erwartet das Kind eines anderen und wird erwürgt.

OWEN MARKMAN

empfindet darüber Erleichterung.

CHARLES BRUNO

 trinkt und leidet unter seinem Vater.

SAMUEL BRUNO

leidet unter seinem Sohn und wird erschossen.

ELSIE BRUNO

leidet unter Elsie Bruno, aber sie merkt es nicht.

ARTHUR GERARD   

glaubt nicht an perfekte Alibis.

- Patricia Highsmith, Alibi für zwei. Reinbek bei Hamburg 1968 (zuerst 1950)

Familienleben (5)

Familienleben

- Uli Lust, in: alltagsspionage. Comicreportagen aus Berlin. Monogatari, Berlin 2001

Familienleben (6)  Sie war eine der Töchter des Appius Claudius Pulcher, der einmal Konsul gewesen war. In jungen Jahren schon fiel sie unter ihren Geschwistern durch den Überglanz ihrer Augen auf. Tertia, die ältere Schwester, vermählte sich sehr bald; die jüngere gab den Launen der Clodia in allem nach. Ihre Brüder, Appius und Cajus, waren damals schon um ihre ledernen Sparbeutel besorgt und um die Schiffchen, die man ihnen aus Nußschalen herstellte; später sorgten sie sich um ihre Geldgeschäfte. Nur der hübsche, mädchenhafte Clodius hielt sich an die Schwestern. Clodia überredete sie mit erhitztem Blick, dem Clodius eine Ärmel-Tunika anzuziehn, ihn mit einer kleinen Goldmütze zu schmücken und ihm unter der Brust einen weiten Gürtel umzulegen; dann warfen sie ihm einen hochroten Schleier über und führten ihn in die Kammern des Obergeschosses, wo er sich mit allen dreien zu Bett legte. Clodia war ihm die liebste, doch entjungferte er auch die Tertia und die jüngste.

Als Clodia achtzehn Jahre alt war, starb ihr Vater. Sie blieb in dem Haus auf dem Palatin. Der Bruder Appius übernahm die Güter, und Cajus bereitete sich auf die Staatsämter vor. Clodius aber, immer von zarter Art und bartlos, schlief mit seinen Schwestern, von denen man zwei Clodia nannte. Sie begannen mit ihm heimlich die Bäder zu besuchen. Sie gaben den hochgewachsenen Sklaven, die sie einrieben, einen Viertelgroschen — den sie ihnen dann wieder abnahmen. Mit Clodius wurde wie mit seinen Schwestern verfahren, und das vor ihren Augen. So waren ihre Vergnügungen vor ihrer Hochzeit. - Marcel Schwob, Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe. Nördlingen 1986 (Krater Bibliothek, zuerst 1896)

Familienleben (7)  Es ist Juli. Alle frieren. Die Frau prügelt die Kinder durchs Haus. Die Kinder zeigen mir ihre blauen Flecken. Ich will die Flecken nicht sehen. Ich habe wirklich anderes zu tun, mein Gott. Seht ihr denn nicht, daß ich hier sitze und arbeite. Seite um Seite füll ich. Also bitte, ja. Sobald die Frau nicht mehr kann, hockt sie sich an den Eßtisch, fällt über die Tischplatte und wimmert. Die Kinder fangen an, einander zu verprügeln. Die Größeren prügeln die Kleineren.  - Martin Walser, Die Gallistl'sche Krankheit. Frankfurt am Main  1974 (es 689, zuerst 1972)

Familienleben (7)  Ethel und Anne Andersen waren die Töchter eines Farmers. Er hatte ihre Erziehung mit einer blutschänderischen Unterweisung im Fach Sex begonnen, eine Tatsache, die beträchtlich zu ihrer kaltblütigen Handlungsweise gegenüber Männern in späteren Jahren beigetragen hatte. Bis auf Sex hatte er ihnen nichts weiter beigebracht - es sei denn, daß Gier und Unwissenheit schlechtes Handwerkszeug für einen Farmer darstellen.

Jahr für Jahr hatte er das gleiche bodenzermürbende Korn angebaut. Alle Warnungen und die langsam schwindenden Erträge ignoriert. Düngte geizig, wenn überhaupt, gab dem erschöpften Boden keine Chance, sich durch Brache zu regenerieren. Und dann, als der ; einst fruchtbare Boden nicht länger trug, verfluchte er ihn wegen seiner Wertlosigkeit, die er selbst verursacht hatte - und fing an, sich nach noch mehr Land umzusehen, das er ruinieren konnte.

Nun, er war glücklich gestorben, dachte Ethel grimmig. Hat das Beil in den Kopf gekriegt, als er sich gerade über Klein-Schwesterlein hermachte. - (thom2)

Familienleben (8)   Schanis Bett wurde  ins Kabinett gestellt, neben das der Mutter, so daß er Seite an Seite mit ihr lag. Die Mutter kam nun in der Nacht zu ihm, drückte ihn an sich, damit er sich nicht fürchten solle. Sie nahm seine Hände, legte sie sich auf die Brüste, und Schani spielte damit, bis er einschlief. Diese Brüste waren nicht so voll und rund wie die seiner Schwestern, aber doch noch fest genug. Das ging so einige Nächte, bis Schani mutiger wurde und sich enger an die Mutter schmiegte, daß sie merkte, wie ihm die Nudel stand. Sie spürte den harten kleinen Schweif an ihrer Lende und zuckte zurück. Aber sie wühlte ihm dabei ihre Brüste noch fester in die Hände, und Schani hörte, wie sie keuchte. Wieder vergingen in diesem Spiel ein paar Nächte. Schani schob seinen Schwanz an den nackten Schenkel. Sie fuhr jedesmal davor zurück, sagte wohl auch hie und da leise: »Nicht!«, aber sie drängte ihm ihre Brust auf, so daß seine Erregung immer höher stieg. Nach zehn oder zwölf Nächten ließ sie seinen Schwanz an ihrem Schenkel liegen, und langsam, langsam fuhr sie mit der Hand herunter, faßte ihn und streichelte ihn leise. Endlich warf sie sich auf Schani, nahm seinen Schweif, und auf ihrem Buben reitend stieß sie sich die Nudel hinein, beugte sich vor und preßte ihren Busen an sein Gesicht. »Na, stoß! Stoß!« ächzte sie. »Die Mutter erlaubt's dir! Stoß nur! Fest!«

Schani erzählte, wie er jede Nacht, von da ab, seine Mutter gevögelt hatte. Einmal von unten, dann von der Seite, dann von hinten, dann oben liegend. Manchmal drei- oder viermal, immer aber mußte er zwei Nummern machen. Bei Tag liefen ihm die Schwestern nach, die es ja bald belauscht hatten, was im Kabinett der Mutter vorging, und die nun keine Scheu mehr kannten. Es gab keine Tageszeit, wo er nicht schon eine seiner Schwestern oder die Mutter hatte vögeln müssen. Keine Stellung, in der er es nicht schon getan hätte, kein Winkel in der ganzen Wohnung, das nicht schon hatte herhalten müssen, auf dem Sofa, auf den Sesseln, auf dem Tisch, auf der Küchenbank, auf dem Fußboden, mit den drei Weibern, von denen jede ihm sofort nach dem Schwanz griff, wenn sie ihn nur allein erwischte. Die beiden Schwestern genierten sich voreinander längst nicht mehr, weil sie gegen ihre Mutter zusammenhielten. Waren die beiden Schwestern ohne die Mutter, dann ließen sie sich von ihrem Bruder vögeln, schauten einander zu und nahmen seinen Schwanz in den Mund, damit er ohne Pause nach einer Minute wieder steif werde, ehe sie gestört würden. Auch die Mutter behalf sich mit dem Schlecken, um seine Leistungsfähigkeit zu erhöhen, trotzdem merkte sie bald, daß der Schani anderweitig geschwächt werde. Es kam zu einem Riesenskandal zwischen den drei Weibern, die es aber zuletzt doch für geraten fanden, sich friedlich in den Knaben zu teilen. - Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt. München 1969 (zuerst 1906)

Familienleben (9)  Bei meiner Entjungferung hatte ich meinen Vater zum Hahnrei gemacht; einem Bruder mütterlicherseits hatte ich Hörner aufgesetzt, indem ich eine Schwester väterlicherseits beschlief, die ich übrigens dabei schwängerte: denn Bourgelat hatte nur dieses eine Kind, das neun Monate nach der Fickerei auf dem Heuboden zur Welt kam. – Immerhin hatte ich noch Arbeit mit acht Schwestern, von denen sechs oder wenigstens fünf gut zu begatten waren. - Restif de la Bretonne, Anti-Justine

Familienleben (altfränkisches)   In jungen Jahren lebte Guntram, der Sohn des Frankenkönigs Chlotar und Herrscher von Burgund, so sittlich verwahrlost, wie es an den Höfen der Merowinger üblich war. Er nahm die Magd eines seiner Gefolgsmänner als Beischläferin in sein Bett, bis sie ihm einen Sohn gebar. Dann heiratete er die fränkische Herzogstochter Marcatrud. Als sie ihm ebenfalls einen männlichen Nachkommen schenkte, wurde sie eifersüchtig und mischte dem unehelichen Sohn Gift in den Wein. Dieser starb, aber kurz danach verlor sie auch den eigenen Sohn, und Guntram verstieß sie im Zorn. Nun erhob er Austrichild zu seiner Gemahlin. Nach dem Tode seines Bruders Charibert, der gleich mehrere Witwen hinterließ, bot sich eine von ihnen, Theodichild, dem König Guntram aus freien Stücken als Gemahlin an. Der versprach ihr die Ehe, und sie kam mit ihren Schätzen zu ihm. Er aber nahm ihr den größten Teil davon ab und schickte sie in ein Kloster. Seine Schwäger führten zu der Zeit viele schändliche und abscheuliche Reden gegen Königin Austrichild. In einem Wutanfall ließ Guntram sie köpfen und zog auch ihre Güter ein. - Albert Christian Sellner, Immerwährender Heiligenkalender. Frankfurt am Main 1993

Familienleben (römisches)  Die Türe zu Alduccios Wohnung stand halb offen, und das Licht brannte. Auf einem Stuhl saß seine Schwester. Hinten in der unaufgeräumten Küche stand die Mutter und schrie noch immer rum. Die Teller im Spülbecken mußten noch abgewaschen werden, der Fußboden starrte vor Dreck, und auf dem Tisch unter der Glühbirne, die die nassen Flecken zum Glänzen brachte, waren noch zwei, drei Brotreste, ein schmutziger Suppenteller und ein Messer. Auch die Tür zu einem der beiden Zimmer stand halb offen, und im Dunkel erkannte man Alduccios Vater, angezogen und mit breiten Beinen auf dem Ehebett, in dem auch das jüngste Töchterchen schlief. Die anderen kleinen Geschwister schliefen auf Matratzen auf dem Fußboden. Das andere Zimmer dagegen, das Riccettos Familie bewohnte, war verschlossen, und es sah aus, als wäre da drinnen überhaupt niemand.

»Ich bring mich um, ich bring mich um«, schrie die Schwester und drückte ihren Kopf zwischen die dünnen, nackten Arme, was aussah, als hätte sie Krämpfe. — »Machs doch endlich«, stieß Alduccio zwischen seinen Zähnen hervor, ohne jemanden anzusehen, und ging zu seiner Pritsche, die an der Wand zu dem Zimmer stand, wo sein Vater schlief. Plötzlich und unvermittelt stand die Schwester von ihrem Stuhl auf und warf sich vor die Zimmertüre. - »Hör auf!« sagte Alduccio, packte sie in der Hüfte und schleuderte sie mit solcher Wucht in die Küche zurück, daß sie auf den Boden flog.

Sie blieb liegen, wo sie war, zwischen dem umgekippten Stuhl und dem Tisch, heulte weiter, ohne Tränen, voller Wut, und krümmte sich auf dem nassen Fußboden.

»Mach die Tür zu«, sagte die Mutter zu Alduccio.

»Machse doch selber zu!« sagte er, indem er sich ein Stück Brot vom Tisch nahm und es sich in den Mund stopfte.

»Du Lumpenhund!« schrie die Mutter ihn an, allerdings nicht sehr laut, damit die Nachbarn sie nicht hören konnten, was sie aber nur noch tierischer machte: sie hatte völlig zerwühlte Haare, war halb nackt, genau so, wie er sie verlassen hatte, mit verschwitzten Titten, die ihr fast aus dem offenen Morgenrock sprangen. Sie schlurfte mit nackten Füßen über den Steinfußboden und schloß die Türe.

»Der bestialische Zuhälter der!« fing sie wieder an, während die auf dem Fußboden liegende Schwester in diesem Augenblick einen Ton von sich gab, als würde sie röcheln, und von Zeit zu Zeit mit halblauter Stimme sagte: »Gott, mein Gott!« - Alduccio würgte den Bissen Brot runter und ging zum Wasserhahn, um einen Schluck Wasser zu trinken. Torkelnd durchquerte der Vater die Küche, in Unterhosen und schwarzer Arbeitsjacke, halb blind vom Wein, den er gesoffen hatte, mit ungekämmtem Haar und verschwitzter Stirn. Er blieb kurz stehen, wahrscheinlich weil er vergessen hatte, was er eigentlich wollte. Dann hob er eine Hand vor seinen Mund und bewegte sie durch die Luft rauf und runter, zwischen dem Herzen und einem unbestimmten Punkt vor seiner Nase, als wolle er einen langen, komplizierten Gedanken unterstreichen, der ihm nicht über die Lippen kam. Als er endlich kapierte, daß er nichts rausbrachte, kehrte er schleunigst wieder zum Bett zurück. Alduccio ging einen Augenblick hinaus, um ein Geschäft zu erledigen, denn in den Wohnungen selber gab es keine Toiletten. Als er zurückkam, ging die Mutter wieder auf ihn los: »'n ganzen Tag nich zu Hause!« sagte sie. »Frißt, säuft, aber nich 'n einziges Mal bringt er auch nur 'ne Lira nach Haus, nich 'n einziges Mal!«

Alduccio schoß herum: »Du gehst mir gewaltig auf die Nerven, Mamma, hör auf damit!« schrie er.

»Warum soll ich aufhörn«, sagte sie und warf ihre Haare nach hinten, die ihr die Augen verdeckten und am verschwitzten Hals klebten, der fast bis zu den Brustwarzen nackt war, »du willst doch, daß ich rumbrülle, du mieses Stück von Verbrecher du!«

Alduccio, blind vor Zorn, spuckte ihr das Stück Brot, das er gerade kaute, vor die Füße. »Hier«, sagte er, »nimm 's, ich spuck 's aus!« - Er stieß gegen den Tisch, als er ins Schlafzimmer gehen wollte, dabei fielen der Teller und das Messer runter. »Soll das etwa der Dank sein?« sagte die Mutter und ging auf ihn zu. »Meinste etwa, damit war alles wieder im Lot?« - »Leck mich doch am Arsch!« sagte Alduccio zu ihr. - »Tu du 's doch, du verfressenes Dreckschwein, wie de 's bisher ja auch immer getan hast!« schrie die Mutter. - Alduccio sah rot. Er bückte sich und griff nach dem Messer, das vor seine Füße auf den schmutzigen Boden gefallen war.   - (rag)

Familienleben (japanisches)  

- Shigenobu

Familienleben (13)  Der Vater dachte darüber nach, wie er doch wohl den Sohn umbringen könnte, um sich sein Weib zu nehmen. Endlich ließ er den Sohn wieder rufen und sagte ihm: »Bringe mir den Ring, den ich mit der Königin bei der Trauung gewechselt habe!« — »Aber wo ist denn die Königin?« — »Die Königin ist seit 18 Jahren tot, und den Ring hat sie am Finger, von dort sollst du ihn mir holen!« Da sprach der Prinz: »Aber wie kann ich ihn denn holen, wenn sie schon so lange tot ist?« Der König, erzürnt, fuhr ihn barsch an und sprach: »Wenn du mir nicht den Ring bringst, so wisse, daß ich dich töten lasse und dein Weib nehme.« - (zig)

Familienleben (14)

Lot und seine Töchter

- Hendrik Goltzius

Familienleben (15)  »Wie werden wir Uaiçá töten?« fragte einer den anderen. Schließlich beschlossen sie, ihn mitten im Dorf zu töten, wenn er äße. Der Schwager bereitete alles vor. Am verabredeten Tag brachte er viele Fische auf den Platz und rief alle zusammen. Auch Uaiçá war eingeladen, und er ging hin. Er setzte sich auf eine Bank und begann zu essen. Der Schwager nutzte die Gelegenheit und trat mit erhobener Keule hinter ihn. Uaiçá sah seine Bewegung mit den Augen, die er auf dem Rücken hatte. Als die Keule niederfiel, entkam er und verschwand sogleich mit seiner ganzen Habe, Hängematte, Waffen und allem anderen, in der Erde. Er drang in den Boden ein und kam weit von dem Platz heraus. Mit ihm verschwand auch sein Haus, sein Acker und alles übrige.  - Südamerikanische Indianermärchen. Hg. Felix Karlinger und Elisabeth Zacherl. München 1992 (Diederichs, Märchen der Weltliteratur)

Familienleben (16)  Lévyberg war das Opfer eines Erpressungsversuchs. Alles deutete darauf hin. Und Esther erwartete sicher von mir - auch wenn sie es mir nicht eingestehen wollte -, daß ich rauskriegte, weswegen er erpreßt wurde. Dann hatte sie ihn in der Hand. Ein sehr harmonisches Familienleben! Die Fäuste waren schon geballt und warteten nur darauf, in den Zähnen des andern zu landen.  - Léo Malet, Stoff für viele Leichen. Reinbek bei Hamburg 1989 (zuerst 1982)

Familienlabyrinth Leben
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