edusa  Ihre Vipern sind immer wach; sie lassen sie nicht schlafen, schlängeln und winden sich, beißen sie in den Hals und die längeren unter ihnen in die Brüste. Wenn man bedenkt, daß es ihr nie gelingt, Ruhe zu finden, was nützt es ihr da, weltweit geachtet und gefürchtet zu sein? Die unglückliche Medusa schließt sich in ihr Zimmer ein, ein überaus luxuriöses Gemach, und dort eingeschlossen schreibt sie Gedichte, schlängelnde und gewundene wie die Vipern, die ihr den Schlaf rauben. Sie sind nicht häßlich, ihre Gedichte, aber die Medusa behauptet, vielleicht aus Verzweiflung, daß es die schönsten Gedichte seien, die bisher auf der Welt geschrieben wurden, und sie zwingt ihre zahlreichen Verehrer dazu, derselben Meinung zu sein. Ein einziger Blick aus ihren geschliffenen Achataugen genügt: Keiner würde vor ihr wagen, das Gegenteil auch nur zu denken, aus Angst, in Marmor verwandelt zu werden wie die von ihr geliebten Knaben, die heute, von ihrem Blick versteinert, nackt die Galerien des Palastes füllen.

Jeden Abend durchirrt die Dichterin, schlangenhaarig und kurzsichtig, einen Kandelaber in der dürren Hand, ihre Statuen-Galerien, von Raserei verzehrt; bis sie sich, von Krämpfen geschüttelt, an irgendeinen dieser jungen Marmorkörper klammert und sich unter dem frenetischen Zischen sämtlicher Schlangen ihres Kopfes auf die Erde fallen läßt, schluchzend, wie die elendeste der Frauen.  - J. Rodolfo Wilcock, Das Stereoskop der Einzelgänger. Freiburg  1995 (zuerst 1972)

Medusa (2)  Im Körper der Medusa zeugte die schädliche Natur zuerst tödliche Plagen; aus diesen Kiefern ergossen sich Schlangen und stießen Gezi-schel aus mit bebenden Zungen, und wie Frauenhaar flössen sie den Rücken hinab und wogten um den Hals der entzückten Medusa. Auf ihrer Stirn, dir aufrecht zugewandt, hoben sich Schlangen, und Viperngift floß aus Medusas gekämmten Locken.

Was hilft es, daß ein Basilisk vom Speer des unseligen Murrus durchbohrt wird? Schnell strömt das Gift die Waffe entlang und befällt die Hand; mit gezücktem Schwert trennt er diese sogleich ab, trennt sie vollständig vom Arm; und so betrachtet er die furchtbare Vorankündigung seines eigenen Todes und steht doch sicher da, während seine Hand vergeht.«  - Lucan, Pharsalia. nach Anm. zu (bo)

Medusa (3)  

- Max Klinger

Medusa (4)  

 - N. N.

Medusa (5)

- Salvador Dali

 

Fabelmenschen Versteinerung Viper Blick

 

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