ichterin    Die arme Lisa! Natürlich hatte sie ihre künstlerischen Momente, etwa wenn sie in einer Mainacht verzückt in einer schmutzigen Straße stehenblieb, um im Licht einer Straßenlaterne an einer nassen schwarzen Mauer die buntscheckigen Überreste eines alten Plakats und das durchscheinende Grün der neben der Laterne schlaff herabhängenden Lindenblätter zu bewundem — nein, anzuhimmeln, aber sie war eine von jenen Frauen, die gesundes gutes Aussehen mit hysterischer Schlampigkeit verbinden; lyrische Ausbrüche mit einem sehr praktischen und sehr alltäglichen Gemüt; ein bösartiges Naturell mit Sentimentalität; und schmachtende Hingabe mit einer derben Fähigkeit, Leute für sich einzuspannen und dann in den Rauch sehen zu lassen. Als Ergebnis von Gefühlen und im Verlauf und Geschehnissen, deren Wiedergabe von keinerlei öffentlichem Interesse wäre, schluckte Lisa eine Handvoll Schlaftabletten. Als sie in Ohnmacht taumelte, kippte sie eine offene Flasche mit jener tiefroten Tinte um, mit der sie ihre Verse niederzuschreiben pflegte, und dieses unter ihrer Tür hervorkommende glänzende Rinnsal wurde von Chris und Lew gerade noch so rechtzeitig bemerkt, daß sie gerettet werden konnte.  - Vladimir Nabokov, Pnin. Reinbek bei Hamburg 2004 (zuerst 1957)

Dichterin (2)   Im grünseidenen Kleid ging neben ihm eine kleine und dicke Frau, die eine Dichterin war und deren breite Füße in spitzen Schuhen mit hohen Absätzen steckten ; dazu die Keulen ihrer Waden, deren Härchen vom Stoff durchsichtiger Strümpfe an die Haut gepreßt wurden. Buschig sträubte sich ihr dichtes, schwarzgefärbtes Haar überm rosigen Gesicht, aus dem eine spitze Nase ragte. Ein schlaksiger junger Mann begleitete die Dichterin und neigte sich vor, als wäre er in der Leibesmitte eingeknickt. Er trug eine Sonnenbrille und flüsterte unterm hängenden Schnauzbart: »Wie wär's mit einem Seitensprung?«

»Danke. Ich bin doch froh, daß ich endlich in festen Händen bin«, antwortete die Dame.  - Hermann Lenz, Der Wanderer. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1986)

Dichterin (3)   Das Weib George Sand ist der Prudhomme der Sittenlosigkeit.

Sie ist stets Moralistin gewesen.

Nur daß sie früher einmal Gegenmoral betrieb.

Sie war auch niemals Künstlerin. Sie besitzt den berühmten fließenden Stil, welcher den Bürgern teuer ist.

Sie ist dumm, sie ist schwerfällig, sie ist eine Schwätzerin. In den sittlichen Ideen besitzt sie die gleiche Tiefe des Urteils und das gleiche Zartgefühl wie die Portiersfrauen und die ausgehaltenen Mädchen.

Was sie über ihre Mutter sagt.

Was sie über die Dichtkunst sagt.

Ihre Liebe zu den Arbeiten.

Daß einige Männer in Liebe zu diesem Abtritt verfallen konnten, ist wohl ein Zeichen des Niederganges der Männer dieses Jahrhunderts.

Man sehe das Vorwort zu Mademoiselle La Quintinie, wo sie behauptet, daß die wahren Christen nicht an die Hölle glauben.

Die Sand ist für den Gott der braven Leute, den Gott der Portiers und gaunerischen Bedienten.

Sie hat gute Gründe, die Abschaffung der Hölle zu wollen.   - (cb)

Dichterin (4)

Die unerfahrene Lyrikerin als Spielball
ihrer schadenfrohen
Dämonen

- Paul Flora, Floras Taschenfauna. Berlin 1964 (Ullstein Buch 469)

Dichterin (5)  In der weichen, duftgeladenen Luft des heißen Spätsommermorgens mußte ihr kleiner verweinter Besuch nun schon mindestens zwei volle Minuten unter dem Zelt des Kastanienbaums gestanden und sie unausgesetzt angestarrt haben. Und plötzlich richtete Miss Miller langsam ihre stechenden, kohlrabenschwarzen Augen und ihre zwischen ihnen hängende lange, spitze Nase direkt auf das Kind.

»Na, Rosie«, sagte sie, »was willst du denn hier?«

»Danke, gar nichts«, entgegnete ihr Besuch, »ich habe nur geschaut.«

»Und ich auch«, sagte Miss Miller. »Was ist denn schon dabei?«

Der Pagenkopf unter dem blauen Hütchen neigte sich ein wenig nach vorn. »Mein Name«, sagte die Kleine beinahe flüsternd, als wolle sie niemanden beleidigen, »ist nicht Rosie - ich heiße Nella.«

»Na, das ist doch wieder mal komisch«, kreischte Miss Miller unter ihrem hohen Hut hervor,» meiner ist nämlich Miller - Miss Miller. So nennt man mich wenigstens:

Denn die Rosie heißt nicht Bella -
Bei Miss Miller steht Klein-Nella.«

Nach Edward Gorey

»Können Sie sich viele solche ausdenken?« fragte die Kleine.

»Es kommt ganz drauf an, für wen, und auf die Worte und die Reime«, erwiderte Miss Miller. »Manchmal geht's, manchmal nicht. Aber zunächst und zunächst und zunächst muß man doch mal fragen, Rosie: Warum bist du weggelaufen? Und - von wer? Oder sollten wir sagen: von wem-m-m?

Kein Grund, daß man sich so verrennt -
Wenn man nur die Grammatik kennt.

Und antworte ja nicht, wenn du keine Lust dazu hast.«

Das kleine Mädchen schaute verstohlen über seine Schulter zurück, sah Miss Miller noch einmal prüfend an, drehte sich um und lüftete sein Geheimnis.

»Von meinem neuen Kindermädchen«, sagte es. »Aber nicht von meiner richtigen Nannie. Meine richtige Nannie ist krank. Die neue ist ein Biest, und ich hasse sie.«

»Ach, was du nicht sagst,  ›ein Biest‹!« schrie Miss Miller und packte ihren langschnabligen Regenschirmgriff noch fester. »Ganz bestimmt mit vier Beinen, was? Aber doch keine, nein, nein, doch nicht am Ende auch noch eine Petze! Was sage ich da! Ist es nicht genau das, Rosie, was wir jetzt zu erwarten haben? Und dabei bin ich todsicher, daß sie nicht mal was dafür kann. Das ist meine Meinung.

Sowas ist, wie man das nennt, angeboren. Also du bist ausgerückt. Ist das nicht begreiflich? Doch immerhin - und das mußt du zugeben - ohne Erlaubnis, wie?

Dort fliegt ein leichtes, buntes Ding,
Ein flatterhafter Schmetterling -
Geschäftig, schau, mit ernster Miene
Hingegen tut's die Honigbiene!

Herrje, was sagt man nun dazu? Kindermädchen! Es ist schon Jahre und Jahre und Jahre her... aber was ist das schon? Siehst du, Rosie, schließlich ist es nur die Zeit, die uns trennt. Mit uns meine ich nur dich und mich. Und was ist schon Zeit? Nichts anderes als ›Vergehen‹, glaube mir. Nichts anderes.«   - Walter de la Mare, Die Orgie - Eine Idylle. Phantastische Erzählungen. Mit Zeichnungen von Edward Gorey. Zürich 1965

Dichterin (6)  »Herr Kisserup«, sagte Madam, »nun werde ich Ihnen  etwas zeigen, was ich noch niemals irgendeiner irdischen Seele, am wenigsten einem Manne, gezeigt habe, meine kleinen Verse; einige sind freilich etwas lang; ich habe sie ›Geklingel eines biederen Frauenzimmers‹ genannt, ich liebe die alten Worte so sehr.«

»Das muß man auch!« sagte der Seminarist, »man muß die Fremdwörter ausrotten.«

»Das tue ich!« sagte Madam; »niemals werden Sie mich ›Kakes‹ oder ›Kompott‹ sagen hören, ich sage Gebäck und Eingemachtes.«

Und sie nahm ein Schreibebuch mit hellgrünem Umschlag und zwei Tintenklecksen aus dem Tischkasten.

»Es ist viel Ernstes in diesem Buche!« sagte sie. »Ich habe ein großes Gefühl für das Traurige. Hier ist nun ›Seufzer in der Nacht‹, vMein Abendbrot‹ und ›Als ich Klemensen bekam‹, mein Mann; das können Sie überspringen, obwohl es empfunden und durchdacht ist. ›Die Pflichten der Hausfrauv ist das beste Stück; alle sehr traurig, darin liegen meine größten Fähigkeiten. Nur ein einziges Stück ist scherzhaft, es hat einige muntere Gedanken, wie man sie ja auch haben kann, Gedanken - Sie dürfen mich nicht auslachen! -, Gedanken über das Wesen einer Dichterin; das ist nur mir selbst, meinem Tischkasten und nun auch ihnen bekannt, Herr Kisserup! Ich liebe die Poesie, sie kommt über mich, sie treibt, beherrscht und regiert mich. Ich habe das unter der Überschrift ›Der kleine Kobold‹ ausgesprochen. Sie kennen wohl den alten Bauernglauben vom Hauskobold, der überall im Hause sein Unwesen treibt; ich habe mir gedacht, daß ich selbst das Haus bin und daß die Poesie, die Empfindungen in mir der Kobold sind, der Geist, der herrscht; seine Macht und Größe habe ich in ›Der kleine Kobold‹ besungen, aber Sie müssen mir mit Hand und Mund versprechen, es niemals meinem Manne oder sonst jemandem zu verraten. Lesen Sie es vor, damit ich hören kann, ob Sie meine Schrift lesen können.«

Und der Seminarist las, und Madam hörte zu, und der kleine Kobold hörte zu; er lauschte, weißt du, und war gerade hereingekommen, als die Überschrift »Der kleine Kobold« gelesen wurde.

»Das geht ja auf mich!« sagte er. »Was kann sie nur von mir geschrieben haben! Ja, ich will sie zwicken, ihre Eier wegschnappen, ihre Kücken wegschnappen, ihrem Mastkalb das Fett abjagen, sieh dich vor, Madam!«

Und er hörte mit gespitztem Mund und langen Ohren zu; aber je mehr er von des Kobolds Macht und Herrlichkeit, seiner Herrschaft über Madam hörte - es war die Dichtkunst, die sie meinte, wie du weißt, aber der Kobold hielt sich an die Überschrift -, desto mehr lächelte er, seine Augen glänzten vor Freude, seine Mundwinkel bekamen fast einen vornehmen Zug, er hob die Hacken hoch, stand auf den Zehenspitzen und wurde dadurch einen ganzen Zoll größer als zuvor.  - (and)

Dichterin (7)  1936 erschien Carson McCullers erste Erzählung, Wunderkind, in einer Zeitschrift. 1937 heiratete sie Reeves McCullers und zog mit ihm nach Charlotte in North Carolina. Im selben Jahr begann sie mit der Arbeit an ihrem ersten Roman The Mute, die sie 1939 abschloss. Ebenfalls 1939 schrieb sie einen zweiten Roman Reflections in a Golden Eye. 1940 wurde The Mute unter dem Titel The Heart is a Lonely Hunter (deutsch Das Herz ist ein einsamer Jäger) veröffentlicht und Reflections in a Golden Eye erschien in Harper’s Bazaar. Der neue Titel für ihr Buch The Mute (Der Stumme) wurde ihr vom Verlag auferlegt. McCullers gefiel der neue Titel allerdings sehr gut.

1941 verschlechterte sich McCullers Gesundheitszustand erheblich. Sie litt an Herz- und Kreislaufproblemen, Sehstörungen und teilweiser Lähmung, hinzu kam eine Lungenentzündung. Ebenfalls 1941 leitete sie die Scheidung von ihrem Mann ein – 1945 heirateten die beiden jedoch erneut. 1946 erschien The Member of the Wedding. 1947 erlitt McCullers zwei Schlaganfälle; der zweite lähmte sie linksseitig. 1948 versuchte sie sich umzubringen und wurde in New York in ein Krankenhaus eingewiesen.

1950 fand die Uraufführung des Stücks The Member of the Wedding in New York statt, das noch im selben Jahr den New York Drama Critics’ Circle Award für das beste neue Stück erhielt. 1951 erschien die Novelle The Ballad of the Sad Café. 1953 gab es eine erneute Ehekrise, die zum Suizid ihres Mannes führte.

1955 hielt sich McCullers mit Tennessee Williams für einige Zeit in Key West auf, wo sie unter anderem an Theaterversionen von The Ballad of the Sad Café und The Square Root of Wonderful arbeitete. Letzteres wurde 1957 in New York uraufgeführt; die Resonanz fiel jedoch gemischt aus. 1961 erschien der Roman Clock Without Hands. McCullers war zu dieser Zeit bereits meist an den Rollstuhl gefesselt. 1962 musste sie mehrmals operiert werden, wobei ihr unter anderem die linke Brust amputiert wurde. 1964 brach sie sich bei einem Sturz mehrere Knochen. 1967 erlitt sie einen erneuten Schlaganfall, an dessen Folgen sie kurze Zeit später verstarb. - Wikipedia

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