ann, junger  Die Scherben eines gläsernen, gelben Lampions klirrten auf die Stimme eines Frauenzimmers: wollen Sie den Geist Ihrer Mutter sehen? Das haltlose Licht tropfte auf die zartmarkierte Glatze eines jungen Mannes, der ängstlich abbog, dem Überlegen über die Zusammensetzungen seiner Person vorzubeugen. Er wandte sich ab von der Bude der verzerrenden Spiegel, die mehr zu Betrachtungen anregen als die Worte von fünfzehn Professoren. Er wandte sich ab vom Zirkus zur aufgehobenen Schwerkraft, wiewohl er lächelnd einsah, so die Lösung seines Lebens zu versäumen. Das Theater zur stummen Ekstase mied er mit stolz geneigtem Haupt: Ekstase ist unanständig, Ekstase blamiert unser Können, und ging schauernd in das Museum zur billigen Erstarrnis, an dessen Kasse eine breite verschwimmende Dame nackt saß. Sie trug einen ausladenden gelben Federhut, smaragäfarbene Strümpfe, deren Bänder bis zu den Achselhöhlen liefen und den Körper mit sparsamen Arabesken schmückten. Von ihren Seehundhänden starrten rote Rubinen senkrecht: »Abend, den Bebuquin.«

Bebuquin betrat einen mühsam erleuchteten Raum, wo eine Puppe, dick, rot geschminkt, gemalte Brauen, stand, die seit ihrer Existenz einen Kuß warf. Erfreut über das Unkünstlerische setzte er sich wenige Schritte der Puppe entfernt. Der junge Mann wußte nicht, was ihn in das Banale zog. Hier fand er eine stille, freundliche Schmerzlosigkeit, die ihm jedoch gleichgültig war. Was ihn immer anzog, war der merkwürdige Umstand, daß ihn dies ruhig konventionelle Lächeln bewußtlos machen konnte. Ihn empörte die Ruhe alles Leblosen, da er noch nicht in dem nötigen Maße abgestorben war, um für einen angenehmen Menschen gelten zu können. Er schrie die Puppe an, beschimpfte sie und warf sie von ihrem Stuhl vor die Tür, wo die dicke Dame sie besorgt aufhob. Er wand sich in der leeren Stube:

»Ich will nicht eine Kopie, keine Beeinflussung. Ich will mich, aus meiner Seele muß etwas ganz Eigenes kommen, und wenn es Löcher in private Luft sind. Ich kann nichts mit den Dingen anfangen, ein Ding verpflichtet zu allen Dingen. Es steht im Strom, und furchtbar ist die Unendlichkeit eines Punktes.«

Die dicke Dame, Fräulein Euphemia, kam und bat, fortzusetzen, da ein dicker Herr ihn anfuhr:

»Jüngling, beschäftigen Sie sich mit angewandten Wissenschaften. «

Peinlich ging ihm das Talglicht eines Verstehens auf, daß er, in Erwartung eines Schauspiels, einem anderen zum Theater gedient hatte: Er schrie auf: »Ich bin ein Spiegel, eine unbewegte, von Gaslaternen glitzernde Pfütze, die spiegelt. Aber hat ein Spiegel sich je gespiegelt?« - (beb)

Mann, junger (2) Er war mager, wie ein Stutzer gekleidet, und trug eine hübsche Lackmaske vorm Gesicht, eine Maske mit blondem krausem Schnurrbart, dazu eine Lockenperücke.

Er sah aus wie dem Wachsfigurenkabinett entsprungen, eine seltsame, phantastische Karikatur des reizenden jungen Mannes der Modekupfer, und tanzte mit überzeugter Anstrengung, aber ungeschickt, mit einem grotesken Eifer. Neben den anderen wirkte er verrostet, wenn er ihre Luftsprünge nachahmte; er war lahm, schwerfällig, ein Köter, der mit Windhunden spielt. Mokante Bravos feuerten ihn an. Und er, berauscht vor Glut, geriet in eine solche Raserei, daß er plötzlich, von wildem Schwung getragen, mit dem Kopf vornweg in die Mauer der Umstehenden flog, die sich spaltete, um ihm Platz zu machen, und sich dann um den starr auf dem Bauch liegenden Körper des bewußtlosen Tänzers schloß. Männer hoben ihn auf, trugen ihn fort. Man schrie: »Einen Arzt!« Ein Herr stellte sich ein, jung, sehr elegant, in schwarzem Frack mit großen Perlen am Ballhemd. »Ich bin Professor der Medizinischen Fakultät«, sagte er bescheiden. Man bildete ihm eine Gasse zu einem kleinen Raum voller Aktendeckel, wie ein Geschäftsbüro, wo man den Tänzer, der immer noch ohne Bewußtsein war, auf Stühle langlegte. Der Doktor wollte als erstes die Maske abnehmen und erkannte, daß sie auf komplizierte Weise, durch eine Unmenge feiner Metallfäden, exakt mit dem Rand der Perücke verbunden war, so daß der ganze Kopf in einer soliden Umwicklung steckte, deren Geheimnis man kennen mußte. Sogar der Hals war von einer falschen Haut umfangen, die unterm Kinn anschloß, und diese Haut aus fleischfarbenem Handschuhleder hing wiederum fest am Hemdkragen.

Das Ganze mußte mit einer kräftigen Schere aufgeschnitten werden; und als der Arzt das verwunderliche Gewirk mit einem Schnitt von der Schulter bis zur Schläfe durchtrennt hatte und den Panzer öffnete, fand er darunter ein verlebtes Altmännergesicht, bleich, mager und runzlig. Die Ergriffenheit war so groß, daß von denjenigen, die den gelockten Jüngling hergebracht hatten, keiner lachte, keiner ein Wort sprach.

Alle betrachteten dies traurige Gesicht mit den geschlossenen Augen, den weißen Haaren, die einen lang und in die Stirn fallend, die anderen, an Backen und Kinn gesprossenen, kurz, und neben dem armen Kopf die hübsche kleine Lackmaske, diese frische Maske mit dem ewigen Lächeln.  - (nov)

Mann, junger (3) Paris. 30. Mai 1930. Freitag Aristide Maillol kam zum Frühstück. Er erzählte, daß, seit unserem letzten Zusammensein, il s'était passé des histoires tragiques chez lui. Seine Frau, die an den Türen horcht und durch Schlüssellöcher guckt, hat ihn und die Passavant in seinem Atelier bei irgendwelchen Zärtlichkeiten überrascht, worauf sie wie eine Furie hereingestürzt ist und ›a dechiré tous mes dessins‹, das heißt, die großen Aktzeichnungen nach der Passavant, die Maillol an die Wände seines Ateliers geheftet hatte, unter andren auch eine große Rötelzeichnung, die ich bewundert hatte. Dann hat sie einen tiefroten Kopf bekommen, comme si elle etait congestionnée, und ist in Ohnmacht gefallen. Worauf Maillol und seine siebzigjährige Schwester Mme. d'Espie ihr vier Stunden lang Wasser ins Gesicht gießen und ihr die Hände streicheln mußten, bis sie wieder zum Leben erwachte. »Mais ce qu'il y a de plus étonnant, c'est que depuis ce temps, elle est douce comme un agneau. Depuis trente ans elle n'ajamais été aussi douce.« Maillol schien hiervon entzückt. Mir kommt diese plötzliche Sanftmut etwas verdächtig vor. Er fügte hinzu, qu'elle n'avait pas à se plaindre. Er liebe sie trotz allem noch immer. »Je fais l'amour avec elle comme un jeune homme.«  - Harry Graf Kessler, Tagebücher 1918 bis 1937. Hg. Wolfgang Pfeiffer-Belli. Frankfurt am Main 1982 (it 659)

Mann, junger (4) Während ich den Speisen Ehre antat, trat eine Gestalt in die Hütte, die schrecklicher aussah als alles, was ich bis dahin erblickt hatte. Es war ein dem Anschein nach junger Mann, aber von abstoßender Magerkeit. Sein Haar sträubte sich, das eine Auge war ausgeschlagen und blutete. Die Zunge hing weit aus dem Mund, und Geifer floß an ihr herab. Er trug ein ziemlich gutes schwarzes Gewand, hatte sonst aber nichts weiter am Körper, nicht einmal ein Hemd oder Strümpfe.

Die abscheuliche Erscheinung sagte kein Wort, begab sich in einen Winkel, kauerte sich dort nieder und blieb unbeweglich wie eine Statue, das einzige Auge auf ein Kruzifix geheftet, das sie in der Hand hielt. - (sar)

Mann
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