egenseitigkeit  Im Circus Maximus, erzählt Apion im fünften Buch seiner ‹Ägyptischen Geschichten›, wurde für die Volksmenge eine prächtige Tierhetze veranstaltet. Als ich zufällig einmal in Rom weilte, wurde ich Augenzeuge dieser Schau. Viele wilde Tiere waren da zu sehen, Bestien von herausragender Größe. Sei es vom Äußeren her, sei es durch ihre Gefährlichkeit, alle boten sie den Anblick des Nochniedagewesenen. Vor allem anderen jedoch, galt die Bewunderung der ungeheuren Größe der Löwen, unter allen übrigen aber besonders einem einzigen.

Dieser eine Löwe hatte mit seiner Sprungkraft und Körpergröße, seinem furchteinflößenden wie durchdringenden Gebrüll, seinen Muskelpartien und seiner flatternden Nackenmähne aller Aufmerksamkeit und Augen auf sich gezogen. Zusammen mit den meisten anderen zum Tierkampf Verurteilten hatte man den Sklaven eines ehemaligen Konsuls hereingetrieben. Dieser Sklave hieß Androclus. Als denjener Löwe von weitem erblickt hatte, hielt er unvermittelt inne, als ob er sich wunderte; dann kam er allmählich und gelassen näher an den Menschen heran, so, als ob er ihn kennenlernen wollte. Dann wedelt er sanft und freundlich mit dem Schweif, wie es Hunde zu tun pflegen, die sich einschmeicheln wollen, schmiegt sich eng an den Körper dieses Menschen an und beleckt Beine und Arme des vor Furcht fast Entseelten sanft mit der Zunge. Der Mensch Androclus gewinnt seine Fassung wieder, die er bei den Liebkosungen der so gefährlichen Bestie verloren hatte, ganz allmählich hebt er seine Blicke, um den Löwen zu betrachten. Dann aber, nach dem wechselseitigen Wiedererkennen, konnte man die beiden, den Menschen und den Löwen, sehen, wie sie froh waren und sich beglückt begrüßten.

Durch dieses staunenerregende Ereignis, so erzählt uns Apion, sei riesige Unruhe unter der Volksmenge entstanden. Androclus sei vom Kaiser herbeibefohlen und nach dem Grund befragt worden, warumjener wildeste Löwe gerade ihn allein verschont habe. Da nun erzählt der Androclus eine wunderbare und erstaunliche Geschichte:

»Zur Zeit, als mein Herr«, so seine Worte, »die Provinz Afrika mit prokonsularischer Vollmacht verwaltete, sah ich mich durch seine tagtäglichen ungerechten Prügelstrafen zur Flucht veranlaßt, und um vor meinem Herrn, dem Gebieter dieses Landes, einen sicheren Unterschlupf zu haben, zog ich mich in die Einsamkeit der weiten Wüstentäler zurück. Sollte mir die Nahrung ausgehen, war ich fest entschlossen, auf irgendeine Art den Tod zu suchen. Dann endlich — die Sonne stand hoch, es war sengend und heiß — hatte ich eine entlegene schattige Höhle entdeckt, nahm sie in Besitz und fühlte mich geborgen. Nicht viel später kam jener Löwe da mit einem verletzten, blutenden Bein in diese Höhle, stöhnte und stieß Klagelaute aus, die auf Schmerz und Pein hinwiesen, die ihm seine Wunde verursachte. « Wie er den Löwen zum ersten Mal hereinkommen sah, sei er daher — nach eigener Aussage — freilich erschrocken und eingeschüchtert gewesen. »Doch nachdem der Löwe offenbar in seine Stammbehausung«, so erklärt er, »eingetreten war und sah, wie ich mich weit zurückgezogen hatte, kam er sanft und zahm näher, zeigte seine erhobene Pranke und streckte sie mir gewissermaßen hilfeflehend entgegen, so wenigstens schien es mir. Dann entfernte ich einen riesigen Splitter, der in seinem Fußballen steckengeblieben war, drückte den Eiter heraus, der sich tief in der Wunde gesammelt hatte, dann tupfte ich, bereits ohne große Furcht, die Wunde sehr sorgfältig und gründlich aus, zuletzt wischte ich das Blut ab. Durch meine Hilfeleistung und Heilmittel fühlte er sich erleichtert, legte seine Pranke auf meine Arme, streckte sich aus und schlief ein.

Volle drei Jahre lang, von da an, lebten und aßen wir, ich und der Löwe, zusammen in der gleichen Höhle. Denn von den Tieren, die er erjagte, schleppte er die fetteren Brocken zu mir in die Höhle. Da mir Feuer nicht zur Verfügung stand, mußte ich sie mir in der Mittagssonnenglut rösten und verspeisen. Als ich schließlich«, erzählte er, »dieses tierischen Lebens überdrüssig geworden war, verließ ich die Höhle, als mein Löwe gerade auf Jagd war, marschierte etwa drei Tage, dann sahen mich Soldaten, nahmen mich fest und verfrachteten mich von Afrika nach Rom zu meinem Herrn. Der sorgte unverzüglich dafür, daß ich auf Tod und Leben angeklagt und zum Tod durch die Bestien verurteilt wurde.

Jetzt verstehe ich: Nachdem wir uns getrennt hatten, wurde auch dieser Löwe gefangen, und jetzt stattet er mir seinen Dank für Hilfeleistung und medizinische Betreuung ab. « - (gel)

Gegenseitigkeit (2)

Wallfahrtskirche.

DER MESNER: Hier sehen Sie ein interessantes Weihegeschenk für unsere Wallfahrtskirche, das zwei Soldaten aus Lana verehrt haben: einen Rosenkranz, dessen Korallen aus italienischen Schrapnellkugeln bestehen. Das Material für die Kettelung stammt von Drahtverhauen. Das Kreuz ist aus dem Führungsring einer geplatzten italienischen Granate geschnitten und hat drei italienische Gewehrkugeln als Anhängsel. Der Christus ist aus einer Schrapnellkugel gebildet. Auf der Rückseite des Kreuzes steht eingraviert: Aus Dankbarkeit. Zur Erinnerung an den italienischen Krieg, Cima d' Oro, am 25. 7. 1917. A. St. und K. P. aus Lana. Dieser Rosenkranz wiegt mehr als ein Kilogramm, erfordert also für ein längeres Beten eine starke Hand. Wollen die Herrschaften vielleicht versuchen?

DER FREMDE (versucht es): Uff! - Nee, nich zu machen. (Die Glocke läutet.)

DER MESNER: Hören Sie! Zum letztenmal! Gleich wird sie abgenommen. Man macht aus Schrapnellkugeln Rosenkränze und dafür aus Kirchenglocken Kanonen. Wir geben Gott, was des Kaisers, und dem Kaiser, was Gottes ist. Man hilft sich gegenseitig, wie man kann.  - Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit. München 1964 (dtv sr 23, zuerst 1926)

Gegenseitigkeit (3) Am 19. November 1942, am „Blutigen Donnerstag von Drohobytsch“, im Ghetto einer ehemals polnischen Stadt, an dem die Nazis wahllos Menschen ermordeten, wurde Bruno Schulz, der polnische Intellektuelle, Avantgardist, auf Druckplatten und mit Worten all das zeichnend, was zu erträumen war im XX. Jahrhundert vor 1942, beim Brotholen vom SS-Mann Karl Günther aus nächster Nähe und auf offener Straße erschossen. Wie es heißt, fiel Bruno Schulz einer Querelle zwischen Günther und dem Gestapomann Landau zum Opfer. Wie es heißt, hatte Landau Günthers „Protegé“, den Zahnarzt Dr. Löwe erschossen. Die gezielte Ermordung von Bruno Schulz war Günthers Rache an Landau, der wiederum Schulz protegiert hatte, weil dieser ihm seine Villa mit deutschen Märchen ausmalte. Günther soll nach dem Mord triumphierend zu Landau gesagt haben: „Du hast meinen Juden getötet – und ich deinen!“ Alexander S. Emanuely

Gegenseitigkeit (4) 

Gegenseitigkeit (5)  Der Geizhals spottet über den Verschwender und der Verschwender über den Geizigen, der Ungläubige über den Frommen und der Fromme über den Ungläubigen: sie sehen sich gegenseitig für Einfaltspinsel an. - Rivarol, nach (riv)

Gegenseitigkeit (6)  Freyr kämpft gegen Surtr, wobei Freyr erliegt, weil er sein Schwert seinem Knecht Skirnir gegeben hatte. Der Hund Garm, der Wächter der Unterwelt, greift Tyr an. Beide töten sich gegenseitig. Thor gelingt es, die Midgardschlange zu besiegen. Kaum ist er neun Schritte von der Schlange weggegangen, stirbt er an ihrem Gift. Odin tritt gegen den Fenriswolf an, der ihn verschlingt. Odins Sohn Vidar rächt den Vater. Er steigt dem Fenriswolf mit seinem ledernen Stiefel ins Maul, reißt sein Maul entzwei und ersticht ihn durch den Rachen. -  Ragnarök, nach Wikipedia

Gegenseitigkeit (7) 

Lieben und geliebet werden ist das höchste Vergnügen

Was ist Vergnüglichers im ganzen Rund der Erden,
Als Lieben und zugleich mit Ernst geliebet werden?
Was ist Annehmlichers als ein ambrierter Kuss,
Den reine Liebe schenkt aus innerm Herzen-Fluss?
Was ist erquickender als schöne Brust-Granaten,
Worinnen Milch und Blut zur Kühlung hingeraten?
Was ist Bezaubernders als der gewölbte Schoß,
Der uns entzücket, macht der satten Sinnen los?
Was ist verzuckerter als feuriges Umhalsen,
Das Honig-Kuchen macht aus bittern Wermuts-Salzen?
Was ist anmutiger als ein polierter Leib
Von zartem Helfenbein zur Nächte Zeit-Vertreib?
Was ist Gewünscheters, als Leib an Leiber leimen,
Und feuchten Perlen-Tau in Liebes-Muscheln schäumen?
Was ist entzückender als in der Muschel ruhn,
Wo Lust und Kitzelung der Wollust Tor auftun?
Was ist begierlicher, als da den Eintritt nehmen,
Wo Perl und Perlen-Milch das seichte Feld besämen?
Nichts ist Vergnüglichers, nichts, das mehr Wollust schafft,
Als wenn nur gleicher Will in beider Herzen haft'.
Nichts ist, das mehr erquickt, das mehr die Geister blendet,
Als wenn man seine Brunst im Schoß zur Kühlung sendet,
Nichts ist verzuckerter, nichts kommt gewünschter an,
Als wenn man in der Lieb sich recht ergötzen kann.

- Celander

Gegenseitigkeit (8) Gegen John Stuart Mill. — Ich perhorresziere seine Gemeinheit, welche sagt „was dem einen recht ist, ist dem andern billig"; „was du nicht willst usw., das füg' auch keinem andern zu"; welche den ganzen menschlichen Verkehr auf Gegenseitigkeit der Leistung begründen will, so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für etwas, das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung unvornehm im untersten Sinne: hier wird die Äquivalenz der Werte von Handlungen vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist der persönlichste Wert einer Handlung einfach annulliert (Das, was durch nichts ausgeglichen und bezahlt werden kann —). Die „Gegenseitigkeit" ist eine große Gemeinheit; gerade daß etwas, das ich tue, nicht von einem andern getan werden dürfte und könnte, daß es keinen Ausgleich geben darf (— außer in der ausgewähltesten Sphäre der „meinesgleichen", inter pares —), daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgibt, weil man etwas Einmaliges ist und nur Einmaliges tut, — diese Grundüberzeugung enthält die Ursache der aristokratischen Absonderung von der Menge, weil die Menge an „Gleichheit" und folglich Ausgleichbarkeit und „Gegenseitigkeit" glaubt.   - Friedrich Nietzsche, Der Wille zur Macht

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