pologie   1)      Die Mafia hat die eingewurzelte Gewohnheit, immer Dialekt zu sprechen ... Was wollen Sie? Für mich ist es die melodischste Sprache der Erde. Da bin ich mit dem Abt Meli, Gott hab‘ ihn selig, einer Meinung.

2)      Hören Sie? Hören Sie? Und so reden sie alle! Aus purer Lust, dieses unglückliche Land zu verleumden. Gibt es in Mailand, in Cuneo oder in Pontelagoscuro eine Schlägerei, einen Raubüberfall, eine Entführung, einen Brand, dann waren es Diebe, Mörder, Landstreicher, gewöhnliche Kriminelle.., aus den untersten Rängen. Passiert es hier... o nein! Dann ist es etwas anderes... etwas Schreckliches, Dumpfes, Geheimnisvolles, Übernatürliches... die Mafia!

3)      Ich bin ein Mann der Ordnung, den staatlichen Institutionen treu ergeben, ich achte die Gesetze... Was hat das damit zu tun?... Das Vertrauen der Wähler hat mich ganz ohne mein Verdienst in den Rat der Provinz entsandt... Sagen Sie selbst, habe ich nicht immer Ihre Vorschläge unterstützt? Bei den Parlamentswahlen habe ich immer für den Kandidaten der Regierung gestimmt und werde es auch immer tun...

4)      Daß ich nicht lache! Recht gibt es, aber nur für den, der genügend Mut hat, es mit Füßen zu treten. Sie zum Beispiel, stehen Sie in Ihrem Fall auf seiten des Rechts oder nicht? Ihre Tochter gibt sich aus Liebe, Schwärmerei und blindem Vertrauen dem Mann hin, den sie sich erwählt hat.

 Der junge Mann seinerseits kann es kaum erwarten, sie zu heiraten und glücklich zu machen. Doch da ist der despotische Baron, der sich aus eitlem Ehrgefühl dem widersetzt. Recht und billig wäre es, wenn jemand diesem guten alten Herrn solch anmaßendes Verhalten verwehren würde. Aber wer kann das? Sie? Nein. Das Gesetz? Nein. Aber ich, ich kann es. Weil ich nicht das Gesetz bin. Das Gesetz ist das Recht einiger weniger. Aber ich bin die Stärke, und die Stärke ist das Recht aller. Als die Schwachen, die Betrogenen, die Unterdrückten gewahr wurden, daß das Recht Betrug und Gewalt ist, haben sie gesagt: — Dann vertauschen wir die Seiten, und Gewalt und Betrug sollen unser Recht sein. Das nennen Sie Mafia: im Grunde ist es nur eine soziale Revolte.

5)      Wenn eine Gesellschaft so verfault ist wie die Ihre, bleibt nichts weiter, als sie mit Eisen und Feuer zu traktieren! Das Gesetz ist ungerecht, provozierend, verlogen? Dann stelle ich mich über das Gesetz. Die Moral unserer Zeit besteht darin, seine eigenen Interessen durchzusetzen, indem man auf Zehenspitzen die Dornenhecke des Gesetzes durchquert? Ich springe lieber einfach oben drüber. Ich gehe geradeaus, ohne Skrupel und ohne Ängste. Genug der Worte. Schreiten wir zur Tat. Die Regierung soll sich ernsthaft Gedanken darüber machen. Sie soll ausrechnen, was die Jagd auf die Briganten sie kostet, an Menschen, an Geld und an verlorener Würde! ... Und außerdem, in sechs Monaten sind Wahlen... Und dann... Die Abgeordneten bestimme ich...

Bei diesen lobenden Außerungen über die Mafia bemerkt eine Person, die zugleich vermittelnde und provozierende Funktion hat, ironisch:

Wer könnte daran zweifeln? Sie rauben, metzeln, legen Brände, begehen Diebstähle und Überfälle... und alles um der Gerechtigkeit willen!... Aber sicher doch!

Und darauf Rasconà:

Weder verteidige ich die Mafia, noch klage ich sie und ihre Ubergriffe an: Übeltäter gab und gibt es immer, in der Mafia wie überall. Der Mensch ist so, wie er eben von Natur aus ist, halb Schwein, halb Wolf. Ich kenne mehr als einen dieser Galgenstricke, die die Scheu, die sie durch ihren Mut einflößen, ausnutzen, um alle möglichen Ubergriffe zu begehen, auch zum Schaden der armen Leute. Ich kenne welche, die sich für ein Stück Brot zum Werkzeug der Herrschsucht ihres Herrn machen lassen. Elende Kerle, zugegeben. Aber wer ist schuld daran? Was hat der Staat für uns getan? Er hat uns ausgebeutet, er hat uns demoralisiert und verleumdet... - Cavalière Rasconà, in 'La Mafia' (Komödie), nach: Leonardo Sciascia, Mein Sizilien. Berlin 1995 (Wagenbach, 53. Salto)

Apologie (2) «Und du», fragte er ihn, «was treibst du?»

«Nichts», entgegnete der Bleiche mit großer Selbstverständlichkeit, «Christine arbeitet für mich. Wenn ich, wie Christine, ohne große Mühe arbeiten könnte, würde ich für sie arbeiten. Aber da ich es nicht kann...»

Titos Freund konnte einen leichten Ausdruck der Verwunderung nicht unterdrücken über die Dreistigkeit, mit der dieser Mensch seine Profession als alphonse, als Zuhälter erklärte.

«Der Bourgeois», sagte jener, auf den Kellner deutend, «euer Freund, der Bourgeois, ist verblüfft. Aber was ist so Besonderes dabei? Christine und ich, wir arbeiteten in einer Fabrik, wo fünfhundert Frauen beschäftigt waren. Alle miteinander waren der Schwindsucht oder wenigstens der Bleichsucht verfallen. Der Fabrikbesitzer beutete sie aus. Da ich nicht alle fortnehmen konnte, veranlaßte ich Christine, fortzugehen. Jetzt beute ich sie aus. Ich weiß nicht, warum ich deswegen verachtenswerter sein soll als dieser Fabrikbesitzer, der fünfhundert auf einmal ausbeutet. Um so mehr als die Arbeit, die sie jetzt tut, weniger mühevoll, hygienischer und einträglicher ist. Man sagt, daß sie das Gewissen beschmutzt. Aber was tut's? Wenn sie nur nicht die Hände beschmutzt.»

«Wie spät ist es?» fragte Tito, um aufzubrechen.

«Ich habe keine Uhr. Der Mann, der die Uhren erfand, hat die Tage verkürzt, und der die Kalender erfand, verkürzte die Jahre: ich besitze weder Uhr noch Kalender.»

«Meinen Kalender habe ich hier», sagte Christine, indem sie eine unzüchtige Gebärde machte.

«Und sie irrt sich nie», fügte ihr Geliebter lachend hinzu.

Tito wandte sich zu seinem Freund und sagte leise zu ihm: «Die ersten Dinge, die das Kokain vernichtet, sind der Wille und die Scham

«Welches Schamgefühl ist denn bei diesen Leuten noch zu vernichten?» scherzte der Kellner. «Sie sind schlimmer als die anständigen Frauen.»  - Pitigrilli, Kokain. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12225, zuerst 1922)

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