elt, Neue Als dieses Amerika um vier Uhr morgens des folgenden Tags endlich am Horizont auftaucht, erscheint das nun sichtbare Bild der Neuen Welt ihres Duftes würdig. Zwei Tage und zwei Nächte lang entfaltet sich eine ungeheure Kordillere; ungeheuer ist nicht ihre Höhe, sondern die Tatsache, daß sie sich endlos zu wiederholen scheint, ohne daß man einen Anfang oder eine Unterbrechung in der wirren Verkettung ihrer Gipfel zu erkennen vermag. Hunderte von Metern ragen die glatten Felswände dieser Berge aus den Wellen, aufreizende, irrwitzige Formen greifen ineinander, Formen, wie man sie zuweilen bei von den Fluten zerfressenen Sandburgen beobachten kann, von denen man aber niemals vermutet hätte, daß es sie auf unserem Planeten in so riesigem Maßstab gibt.

Dieser Eindruck des Riesenhaften ist überhaupt ein Merkmal Amerikas; man empfindet ihn überall, in den Städten wie auf dem Land; ich verspürte ihn vor der Küste und auf den Hochebenen Zentralbrasiliens, in den bolivianischen Anden wie in den Rocky Mountains, in Colorado, in den Vorstädten von Rio und Chicago, in den Straßen von New York. Allenthalben erlebt man denselben Schock; dieses Schauspiel erinnert an andere, diese Straßen sind Straßen, die Berge Berge, die Flüsse Flüsse: woher rührt das Gefühl der Fremdartigkeit? Einfach daher, daß sich das Verhältnis zwischen der Größe des Menschen und der Größe der Dinge so sehr verzerrt hat, daß kein gemeinsames Maß mehr besteht. Später, wenn man mit Amerika vertraut geworden ist, vollzieht man fast unbewußt jene Anpassung, die zwischen den Extremen wieder eine normale Beziehung herstellt und die so unmerklich vonstatten geht, daß man sie gerade noch an dem geistigen Klicken erkennt, das sich beim Verlassen des Flugzeugs einstellt. Diese ursprüngliche Inkommensurabilität der beiden Welten prägt und verfälscht jedoch unser Urteil. Diejenigen, die New York häßlich finden, sind lediglich Opfer einer Wahrnehmungstäuschung. Da sie noch nicht gelernt haben, andere Maßstäbe anzulegen, versteifen sie sich darauf, New York als eine Stadt zu beurteilen und an den Straßen, Parkanlagen und Denkmälern herumzunörgeln. Objektiv ist New York zweifellos eine Stadt, aber das Schauspiel, das es europäischen Augen bietet, gehört zu einer anderen Größenordnung, nämlich zu der unserer eigenen Landschaften; während uns die amerikanischen Landschaften wiederum in ein noch gewaltigeres System führen, für das wir kein Äquivalent besitzen. Die Schönheit von New York beruht also nicht auf seinem städtischen Charakter, sondern darauf, daß sich diese Stadt - was unser Auge unweigerlich erkennt, sobald wir uns nicht mehr dagegen sperren - in eine künstliche Landschaft verwandelt, in der die Prinzipien des Urbanismus nicht mehr gelten: die einzigen signifikanten Werte sind das samtene Licht, die durchsichtige Zartheit der Fernen, die erhabenen Abgründe zwischen den Wolkenkratzern und die schattigen Täler, die mit bunten Automobilen übersät sind wie mit Blumen.

Um so verlegener fühle ich mich nun, wenn ich von Rio sprechen soll, das mich abstößt, trotz seiner so oft gepriesenen Schönheit. Wie soll ich mich ausdrücken? Mir scheint, daß die Landschaft von Rio dem Anspruch ihrer Dimensionen nicht gewachsen ist. Der Zuckerhut, der Corcovado, all jene vielgerühmten Gipfel erscheinen dem Reisenden, der in die Bucht einfährt, wie verlorene Stümpfe in den vier Ecken eines zahnlosen Mundes. Fast immer in den schlammigen Nebel der Tropen gehüllt, gelingt es diesen geographischen Zufällen in keiner Weise, den allzu weiten Horizont auszufüllen. Will man ein Schauspiel erleben, so muß man die Bucht von hinten angreifen und sie von oben betrachten. Vom Meer aus gesehen ist es hier, im Gegensatz zu New York, die Natur, die das Aussehen einer Baustelle annimmt.

So ist auch die Ausdehnung der Bucht von Rio nicht mit Hilfe sichtbarer Anhaltspunkte zu erkennen: das Schiff, das sich langsam nähert, seine Manöver, den Inseln auszuweichen, die frischen Düfte, die plötzlich von den an die Hügel geklammerten Wäldern herunterwehen, stellen im voraus eine Art körperlichen Kontakt zu den Blumen und Felsen her, die zwar noch nicht als Dinge existieren, aber den Reisenden auf die Physiognomie eines Kontinents vorbereiten.

Und wieder kommt mir Kolumbus in den Sinn: »Die Bäume waren so hoch, daß sie den Himmel zu berühren schienen; und wenn ich richtig verstanden habe, verlieren sie nie ihre Blätter, denn noch im November sah ich sie ebenso grün und frisch wie in Spanien im Mai; einige standen sogar in voller Blüte, andere trugen Früchte . . . Wohin ich auch blickte, sang die Nachtigall, begleitet von tausend anderen Vogelstimmen.«

So offenbart sich Amerika, der Kontinent. Er besteht aus all den Lebensäußerungen, die in der Abenddämmerung den dunstigen Horizont der Bucht beseelen; doch für den Neuankömmling bedeuten diese Bewegungen, Formen und Lichter noch keine Provinzen, Weiler und Städte, weder Wälder noch Wiesen, weder Täler noch Landschaften; sie erzählen nichts von den Unternehmungen und Arbeiten von Individuen, die nichts voneinander wissen, da jeder im engen Kreis seiner Familie und seines Berufs eingeschlossen ist. All dies zehrt noch von einer einzigen umfassenden Existenz. Was mich umgibt und überwältigt, ist nicht die unerschöpfliche Vielfalt von Dingen und Wesen, sondern eine einzige großartige Entität: die Neue Welt.  - (str2)

Welt, Neue (2)  Der Hintergrund Amerikas ist Amerika. Wenn es eine neue Welt geben soll, darf Europa nicht bei uns eindringen. Es geht nicht darum, das y in ein i zu ändern wie in Chile. Die haben ihre Verpflichtungen.

Der Hintergrund von Amerika ist nicht Europa, sondern Amerika.

Eh bien mon vieux coco, willst du sagen, daß du mit dem Zeug, was du heut geschrieben hast, den Hintergrund Amerikas festlegst? Du wirst verrückt werden. Warum? Weil du versuchst, gar nichts zu tun. Der Hintergrund Amerikas? Das ist Europa. Es kann nichts anderes sein. Deine Methode beweist ja gerade, was ich sage. Du hast keine Ahnung, was du von einem Wort zum nächsten schreiben willst. Das ist Verrücktheit. Heißt bei dir der Hintergrund des amerikanischen Lebens so? Verrücktheit?

Soviel ich weiß, trifft das zu.

Es ist ein Bemalen des Windes.

Ja, das wäre doch etwas.  - William Carlos Williams, Prolog zu (kore)

Welt, Neue (3)  

Eines Morgens, bräutlich blühend,
Tauchte aus des Ozeanes
Blauen Fluten ein Meerwunder,
Eine ganze neue Welt -

Eine neue Welt mit neuen
Menschensorten, neuen Bestien,
Neuen Bäumen, Blumen, Vögeln,
Und mit neuen Wellkrankheiten!

Unterdessen unsre alte,
Unsre eigne alte Welt,
Umgestaltet, ganz verwandelt
Wunderbarlich wurde sie

Durch Erfindnisse des Geistes,
Des modernen Zaubergeistes,
Durch die Schwarzkunst Berthold Schwarzes
Und die noch viel schlaure Schwarzkunst

Eines Mainzer Teufelfaanners,
So wie auch durch die Magie,
Welche waltet in den Büchern,
Die von hangen Hexenmeistern

Aus Byzanz und aus Ägypten
Uns gebracht und hübsch verdolmetscht-
Buch der Schönheit heißt das eine,
Buch der Wahrheit heißt das andre.

Beide aber hat Gott selber
Abgefaßt in zwei verschiednen
Himmelsprachen, und er schrieb sie,
Wie wir glauben, eigenhändig.

Durch die kleine Zitternadel,
Die des Seemanns Wünschelrute,
Fand derselbe damals auch
Einen Weg nach India,

Nach der lang gesuchten Heimat
Der Gewürze, wo sie sprießen
Schier in liederlicher Fülle,
Manchmal gar am Boden ranken

Die phantastischen Gewächse,
Kräuter, Blumen, Stauden, Bäume,
Die des Pflanzenreiches Adel
Oder Kronjuwelen sind,

Jene seltnen Spezereien,
Mit geheimnisvollen Kräften,
Die den Menschen oft genesen,
öfter auch erkranken machen -

Je nachdem sie mischt die Hand
Eines klugen Apothekers
Oder eines dummen Ungars
Aus dem *** Banat.

Als sich nun die Gartenpforte
Indias erschloß - balsamisch
Wogend jetzt ein Meer von Weihrauch,
Eine Sündflut von wollüstig

Ungeheuerlichen Düften,
Sinnberauschend, sinnbetäubend,
Strömte plötzlich in das Herz,
In das Herz der alten Welt.

Wie gepeitscht von Feuerbränden,
Flammenruten, in der Menschen
Adern raste jetzt das Blut,
Lechzend nach Genuß und Gold -

Doch das Gold allein blieb Losung,
Denn durch Gold, den gelben Kuppler,
Kann sich Jeder leicht verschaffen
Alle irdischen Genüsse.

- Heinrich Heine, Bimini

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