chriftsteller   Aus der »Times«  »Gestern lieferten die Beamten der Heil- und Pflegeanstalt Mr. James R. Colston, einen Schriftsteller von einiger lokaler Berühmtheit, der für den Messenger schreibt, in die geschlossene Anstalt ein. Man wird sich daran erinnern, daß Mr. Colston am 15. dieses Monats von einem seiner Mitmieter im Baine-Hotel in Sicherheitsverwahrung gegeben wurde, nachdem dieser ihn bei verdächtigen Handlungen beobachtet hatte, wie z. B. beim Halsentblößen und Rasiermesserwetzen, sowie bei Versuchen, die Schärfe zu prüfen, indem er sich in die Haut seines Armes schnitt, usw. Als er der Polizei übergeben wurde, leistete der unglückliche Mann heftigen Widerstand und ist seitdem so gewalttätig, daß er eine Zwangsjacke tragen muß. Die meisten anderen Schriftsteller unserer geschätzten zeitgenössischen Zeitschrift befinden sich noch auf freiem Fuß.« - Ambrose Bierce, Angemessene Umgebung.  Frankfurt am Main 1979. In: Das unsichtbare Auge. Eine Sammlung von Phantomen und anderen unheimlichen Erscheinungen.  (st 477, zuerst 1891)

Schriftsteller (2)  Wir würden uns viele Enttäuschungen ersparen, wenn wir nicht einen jeden »Schriftsteller« nennen würden, der »schreiben« kann . . . Ich hatte diese »Schriftsteller« gekannt - es waren dies Personen von vorwiegend nicht tiefer Intelligenz und von ziemlich engen Horizonten, die, soweit ich denken kann, nicht zu jemand geworden waren ... so daß sie eigentlich heute nichts haben, worauf sie verzichten müssen. Diese Leichname zeichneten sich zeit ihres Lebens durch folgende Eigenschaft aus: daß es ihnen leichtfiel, ihr moralisches und ideologisches Angesicht zu fabrizieren, wodurch sie auf diese Weise das Lob der Kritik und des größeren Teils der Leser erwarben. Keine fünf Minuten lang hatte ich an den Katholizismus von Jerzy Andrzejewski geglaubt, und nach dem Lesen von einigen Seiten seiner Erzählungen hätte ich sein leidensschweres und durchgeistigtes Gesicht im Café Zodiak mit einer solch zweifelnden Miene begrüßt, daß der Autor augenblicklich die Beziehungen mit mir abbrach. - (gom)

Schriftsteller (3) sein heißt, in seinen Schriften einen Menschen, einen Charakter, einen Geist, Vorzüge oder Mängel, Beobachtungs- und Urteilsgabe, Fortschrittlichkeit zeigen; es heißt, eine kleine oder große, erfreuliche oder unerfreuliche Persönlichkeit bekunden - was, ist gleich. Es heißt außerdem, einen eigenen Stil haben, an dem man den Autor erkennt, ohne seine Signatur zu sehen; es heißt nicht, nur ein Fabrikant von Romanen und anderen Arbeiten sein, mit denen man seine Miete bestreitet. - (leau)

Schriftsteller (4)  Sind die Schriftsteller die Ingenieure der Seele, dann vergesst nicht, dass die höchste Aufgabe des Ingenieurs das Erfinden ist. Die Kunst ist nicht Unterwerfung - sie ist Eroberung und Sieg. - André Malraux, Carnet d'U.R.S.S., (ca. 1934), NZZ vom 30. August 2007

Schriftsteller (5)   Er schrieb weiter nachts seine Geschichten, aber nachdem er ungefähr fünfzig geschrieben hatte, bemerkte er, daß sie ihm nicht gefielen. Er dachte, es sei nur in der Einsamkeit einer Wüste oder im Angesicht des Todes der Mühe wert, etwas zu schreiben.

Er machte sich also auf in die Cevennen und baute in einer Höhle mitten in den Bergen sein Zelt auf. Zweimal in der Woche stieg er in das nächste Dorf hinunter, um das Nötigste einzukaufen, in der übrigen Zeit füllte er etliche Hefte mit Notizen über alles, was er sah, über die gewöhnlichsten und ungewöhnlichsten Aspekte seiner Umwelt.

In der Höhle zog er sich einen Hexenschuß zu, der ihn in fast allen Bewegungen behinderte, und einen Schnupfen, so daß er unentwegt niesen mußte. Er schickte seiner Freundin einen Brief, in dem er ihr erklärte, es sei unmöglich, den äußeren Schein der Dinge zu beschreiben; die Worte, so sagte er, sind aus ganz anderem Stoff gemacht, und was einem der Schein der Dinge sagt, kann man auf keine Weise wiedergeben. Außerdem schiene ihm, seitdem er dort oben lebte, ohnehin jede Geschichte falsch.

Eines Tages stieg er hinunter in die nächste Stadt und warf seine Hefte in die erstbeste Mülltonne. Dann bestieg er einen Zug und fuhr nach Hause.

Zu Hause fand er einen Zettel vor, auf dem ihm seine Freundin mitteilte, daß sie inzwischen weggegangen sei.  - (gcel)

Schriftsteller (5) Ich erzählte von einem, der Schriftsteller sein sollte und Scherze folgender Art leiden mußte: Während er schrieb, bildeten sich an den Rändern des Blattes kleine weiße Würmchen, die sich kaum vom Blatt unterschieden. Und während der oben Genannte nachdachte und dabei zur Decke schaute, näherten sie sich ganz langsam den Wörtern aus Tinte, so daß, wenn er die Idee, die ihm gerade gekommen war, niederschreiben wollte, sie genau unter der Feder ankamen und ihn nur Gekritzel und Gekleckse zu Papier bringen ließen.

Und während er die Feder putzte oder auf das Papier blies, entwischte ihm die Idee.

So fing er wieder an zu denken; aber auch die Würmchen bildeten sich aufs neue, beinahe unsichtbar, und schließlich verschmierte er nur die Blätter.

Er hätte schneller sein sollen, aber das gehörte nicht zu seinem Stil.

Später wechselte er dann zum Kugelschreiber über, weil er einen Roman schreiben wollte; aber da geschah es, daß ihm die Würmchen den Kugelschreiber austrockneten, oder daß sich die kleine Kugel nicht mehr drehte, oder daß sie an manchen Stellen das Papier fettig machten, so daß es das Geschriebene abstieß. Und so verlor er einen Haufen Zeit und konnte nicht Schriftsteller werden.  - (mond)

Schriftsteller (6) Ich glaube, der echte Schriftsteller beginnt erst bei dieser Abschreiberei und Verknüpferei der Texteinschübe. Genau deshalb ist Tolstoi für mich ein Genie, der »Krieg und Frieden« insgesamt siebenmal, im Stehen, umschrieb und dabei noch, seinen Tagebüchern zufolge, Zeit hatte, es mit sei­ner Gräfin auf dem Teppich im Kämmerlein zu treiben. Hut ab, Tolstoi ist ein wahrer Schriftsteller und obendrein das Gewissen nicht nur eines Volkes, sondern der ganzen Welt!   - Bohumil Hrabal, Die Katze Autitschko. Nach: B. H., Leben ohne Smoking. Frankfurt am Main 1993 (BS 1124, zuerst 1986)

Schriftsteller (7)

Schriftsteller (8)  Ein Schriftsteller kann immer nur über eines schreiben: was seine Sinne im Augenblick des Schreibens wahrnehmen... Ich bin ein Instrument, das Sinneseindrücke registriert... Ich maße mir nicht an, dem Leser eine »Story«, eine »Handlung«, eine »Kontinuität« aufzunötigen... Nur sofern es mir gelingt, gewisse psychische Vorgänge direkt aufzuzeichnen, mag ich eine begrenzte Funktion haben... Ich bin kein Entertainer...

»Sich in der Gewalt haben«, wie man das nennt... Doch manchmal macht sich etwas im Körper selbständig—die Umrisse verschwimmen zu einer gelbroten Gelatine—, und die Hände schlitzen wie von selbst der vorübergehenden Hure den Bauch auf oder erwürgen das Kind des Nachbarn in der Hoffnung, einer chronischen Knappheit auf dem Wohnungsmarkt abzuhelfen. Als sei ich gewöhnlich voll da, und nur gelegentlich leicht weggetreten... Falsch! Ich bin nie da... Jedenfalls nie voll da ... aber dennoch irgendwie in der Lage, unbedachte Handlungen rechtzeitig zu verhindern... Mein Geschäft ist das Patrouillieren ... das ist geradezu meine Hauptbeschäftigung... Die Sicherheitsmaßnahmen können noch so strikt sein, ich bin immer draußen und gebe Anweisungen, und gleichzeitig stecke ich in dieser Zwangsjacke aus Gallerte, die sich verformt und nachgibt, aber immer schon vor jeder Bewegung, jedem Gedanken oder Impuls wieder ihre ursprüngliche Form annimmt, wie von unsichtbarer Hand mit dem Stempel einer technischen Prüfstelle versehen...    -(lun)

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