riseur   Oben hatte er einen Stempel auf den Urlaubsschein bekommen und erfahren, in Paris dürfe man nur als Gruppe herumgehen. Ein dicker Pfälzer hatte solch einen »Rumschlampschein« bekommen, und dieser Mann ging nun voraus; hinter ihm drei andere, zu denen auch Eugen gehörte.

Da wollte nun der Pfälzer zum Friseur, und auch die anderen mußten mit ihm gehen. Eugen wunderte sich, weil die Pariser das Haar kurzgeschnitten trugen, wie die Deutschen. Und er sagte zum Friseur, als Zivilist trage er langes Haar. Da machte der mit den Händen nach, wie Eugens dicke Mähne vom Kopf abstand, und schüttelte sich vor Abscheu. Der dicke Pfälzer ließ sich das Gesicht mit heißen Handtüchern pressen. Dann brachte ein Gehilfe eine Art nickelblanker Kaffeekanne, unter der eine Spiritusflamme bläulich brannte, kniete nieder, blies in ein Röhrchen hinein und sprühte dem Pfälzer erwärmte Creme auf sein dickes Gesicht. Davon bekam der eine glatte und marmorgelbliche Haut, als wäre er ein Standbild, freilich kein besonders schönes. Der mit seiner edeln Maske ... dachte Eugen und war neugierig, wie lange die anhalten würde. Nach ein paar Schritten aber und bis sie bei der U-Bahn-Station waren, hatte dieser Pfälzer wieder sein gerötetes Gesicht, allerdings mit ein paar gelben Flecken. Und als er sich schneuzte, war auch seine rote Nase wieder da.  - Hermann Lenz, Ein Fremdling. Frankfurt am Main 1988 (st 1491, zuerst 1983)

Friseur (2)   Ich war des Geredes des Mannes überdrüssig geworden, der mir mit Fragen über den von mir gewünschten Haarschnitt und allerhand Ratschlägen, wie sie diese Leute zu geben pflegen, gar zu sehr zusetzte. Ich fragte mein Spiegelbild: Wollen wir tauschen?, es nickte, und wir wechselten sofort die Plätze. Es war sehr angenehm für mich. Zweifellos hatte ich das bessere Teil erwählt. Ich blickte nun meinerseits belustigt meinem ehemaligen Bilde zu, wie es dort im Stuhle saß, wie ihm der Kopf hin und her gestoßen wurde, wie ihm der Friseur mit einem Handbesen über das Gesicht fuhr und ihm die Haarreste in den Kragen beförderte. Dann stand das Opfer auf, bezahlte und gab, worauf ich sehr gespannt war, allem Anschein nach ein reichliches Trinkgeld. Damit wollte mein Ebenbild den Laden verlassen, und auch ich gedachte mich zu entfernen, zumal bereits ein anderer Kunde auf dem Stuhl vor dem Spiegel Platz genommen hatte. Ich blickte mich jedoch am Rahmen des Spiegels noch einmal um und erschrak, weil ich sah, daß der andere meine Aktentasche vergessen hatte. Ich hatte sie beim Schirmständer hingestellt. Zum Glück fiel es dem anderen gerade noch ein, ehe er die Ladentür schloß. Er kam zurück, und ich winkte ihm zornig zu. Er verstand sofort, daß ich den Tausch rückgängig machen wollte, und gehorchte. Es schien mir damals besser so, denn in der Aktentasche waren wichtige Papiere. - Hans Erich Nossack, Klonz. In: Ders., Die Erzählungen. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1948)

Friseur (3)

Im leeren Salon sitzen Friseure und schauen drein.
Sie warten und seufzen, kein Kunde kommt, wie langweilig, ach.
Sie kämmen sich selbst, rasieren sich selbst, selbst, allein, sagen sich alles,
schlummern und schnarchen, und werden wach.

Sie gehn ans Fenster, doch dort ist weit und breit nichts zu sehn.
Sie gehn zurück zum Spiegel, im Spiegelrahmen - Friseure,
pomadisiert, frisiert, rasiert, sehr traurig und schön,
gepuderte Menschmisere, solitäre Friseure.

Sie lesen das Tagblatt, reiben die Stirnen, pfeifen sich was.
Sie wippen, warten auf etwas Neues, auf etwas Fremdes.
Indes verneigen sie sich vorm Siegel, feixen ins Glas,
gähnen und schlucken schläfrige Öde des weißen Hemdes.

Die Hähne krähn, ein Gewitter naht, das Städtchen wird naß,
und schneller gehn die Friseure, ängstlich - schon zuckt ein Blitz.
Friseure weinen, Friseure singen und werden blaß,
sie hören auf zu laufen und gehn nun langsamen Schritts.

Sie heben langsam die Arme hoch und warten sich wund,
drehen dabei mit dem Kopf, sehr langsam, bangen und hoffen.
Im stummen Flüstern bewegen sie ihren blutleeren Mund,
glotzen zum Tisch, auf ein Nickelding, wie vom Blitz getroffen.

Und winden sich nun, gehn hoch an der Wand, weil der Regen pufft,
und liegen flach vor dem staunenden Spiegel - »Ei was denn, schau!«
Friseure tanzen, schreien und hängen frei in der Luft
und fliegen hoch als Engel im himmlischen Spiegelblau.

- Julian Tuwim, nach (mus)

Friseur (4)  In dem Stummfilm "Die Mysterien des Frisiersalons" von 1922 - nach Drehbucheinfällen von Bertolt Brecht, unter der Regie des später berühmten Theaterregisseurs Erich Engel - tritt Karl Valentin als Verunstalter von Frisuren auf, der einem Kunden aus Versehen den Kopf absäbelt. Zwischendurch wird elektrisiert, gefoltert und an Liesl Karlstadts Gesicht herumgemeißelt. Keiner der Macher hatte Ahnung vom Film, sie drehten mit früher Punk-Attitüde auf dem Dachboden eines Privathauses einfach drauflos. Der Film wurde kaum beachtet. - Ekkehard Knörer, taz vom 20. Juli 2007

Friseur (5)  Ein Friseur hielt lange Reden und ließ dabei Wahrheiten von folgendem Kaliber los: Wenn einer Geld hat, zieht man vor ihm den Hut; sonst aber, wenn man wie ich all seine Habseligkeiten in Papieren angelegt hat, die nichts einbringen, heißt es: »Iß trocken Brot, Marie, iß trocken Brot, Marie.« Jedesmal nämlich, wenn ich Wertpapiere gekauft habe, fielen sie am Tage darauf; ich könnt es mir übrigens nicht verkneifen, ich brauche Aufregung.

Seine Tischgenossen hatten ihr Vergnügen daran; sie füllten ihm das Glas, und mit seinen trüben Augen, seiner stolzen Kretinmiene legte er wieder los: Ich bin sehr für Erotik; wer darauf verzichten kann, der muß schon ein Vogel sein, der nur hinter seinen Kindern herpfeift - und indem er mit einem Kalauer auf seinen Beruf anspielte, fügte er hinzu: Ich beschäftige mich immer gern mit Vögeln, manchmal sogar mit tollen. - Joris-Karl Huysmans, nach (hum)

Friseur (6) Der ganze Raum war von braunen, schwarzen, grauen Locken übersät.

»He«, begann ich, gespielt jovial, »ganz schön was los gewesen heute, oder?«

»Du weißt doch«, sagte Cal und schaute weiter zum Fenster hinaus, »daß das Zeug da schon fünf, sechs Wochen herumliegt. Hier kommt doch keiner rein, der richtig im Kopf ist, nur Tramps, und dazu gehörst du nicht, oder Idioten, und du bist ja keiner, oder Glatzköpfe, und das bist du ja auch nicht, die fragen alle nur nach dem Weg zum Irrenhaus. Ja, und dann kommen auch noch Leute, die kein Geld haben, so wie du, also setz dich da hin und fühl dich wie auf dem elektrischen Stuhl, die elektrische Haarschneidemaschine ist seit zwei Monaten nicht in Ordnung, und ich wüßte nicht, warum ich sie reparieren lassen sollte. Setz dich!«

Ich folgte den Anweisungen meines Henkers, setzte mich in den Stuhl und schaute auf die am Boden verstreuten Haare, stumme Symbole vergangener Ereignisse, die eine Bedeutung haben mußten, die sich mir jedoch nicht erschloß. Auch wenn ich schräg von der Seite daraufsah, konnte ich keine merkwürdigen Gestalten, keine Weissagungen ausmachen.

Schließlich drehte Cal sich um und durchschritt dieses verlorene Meer aus Porzellan und Locken, ließ seine Hände, ohne hinzusehen, nach Kamm und Schere greifen. Als er hinter mich trat, zögerte er einen Augenblick, wie ein Henker, den es betrübt, daß er einem jungen König den Kopf abschlagen muß.   - Ray Bradbury, Der Tod ist ein einsames Geschäft. Zürich 1989

Friseur (7)  Was für ein Kontrast zum benachbarten Laden! Hier gibt es keine Draperien aus blauem Velours und auch keine enigmatisch dreinblickende Kassiererin. Anstatt wie der vorhergehende einen abenteuerlichen Opernnamen wie Norma zu führen, der wie ein Fenster auf Weinberge ist, empfiehlt sich das Haus mit den Vornamen von sieben Friseuren;

VINCENT
PIERRE
HAMEL
ERNEST
ADRIEN
AM£DEE
CHARLES

Korrekte und etwas lüsterne Friseure. Sie gleichen ihrem Laden aus dunkler Holztäfelung und Spiegeln. Sie rasieren gut. Sie schneiden die Haare und damit hat sich's. Das war's für heute. Sie sind durch eine Schule gegangen, wo man den Friseur als Präzisionsinstrument betrachtete: ihre Methoden haben nichts Menschliches. In einem Land, wo man das Einseifen der Wangen mit der Hand, wie das in Deutschland üblich ist, für scheußlich erklärt und lieber den althergebrachten Dachspinsel benutzt, war es vorauszusehen, daß solche puritanischen Friseure, auch wenn sie von den heiligen Stätten der Sinnenlust nur zwei Schritte trennten, dahinkamen, die Tradition angelsächsischer Nüchternheit fortzuführen. Da habe ich noch eher unter den kleinen Friseuren in den Randbezirken, in Auteuil zum Beispiel, ja selbst in Ternes, gefühlvolle Praktiker gefunden, die fähig sind, in die Pflege von Bart und Haar eine gewisse unprofessionelle Liebe hineinzulegen und die durch plötzliches überraschendes Zartgefühl instinktive anatomische Kenntnisse verraten, was mir fürwahr die Bezeichnung Haarkünstler erklärt, die heute nur noch ironisch gebraucht wird.  - (ara)

Friseur (8) Anschließend an die Briefmarken-Handlung gibt es gleich zwei Friseurläden: der erste für Damen, der zweite ein Salon für Herren. Friseure für beide Geschlechter, eure Spezialisierung hat etwas Genüßliches. In weißen Lettern stehen auf euren Schaufenstern die Weltgesetze geschrieben; die Tiere der Urwälder sind eure Kunden: sie kommen, um sich in euren Sesseln auf das Vergnügen und die Vermehrung der Art vorzubereiten. Ihr schert die Haare, glättet die Wangen, ihr schneidet die Krallen, ihr macht die Gesichter zurecht für die große Zuchtwahl. Man hat heisere Nachtigallen in euren Leichentüchern gesehen: bevor sie sich setzten, hatten sie in den kleinen Sandspucknapf ihre mit den Sternen der Nacht banderolierte Zigarre geworfen, um sich dann der singenden Schere und dem magischen Parfümzerstäuber zu überlassen. Wer hätte dich, melodischer Vogel, also erkennen sollen in diesem geduldigen Kunden, der oberflächlich die Klatschgeschichten der Vie Parisienne liest; Ich möchte doch gern einmal wissen, welche Sehnsüchte ein Lehrling hat, welche poetischen Kristallisationen sich in seinem Kopf bilden, welche Luftschlösser er baut, welche Form sein Schmachten und seine Hoffnung annimmt, wenn er zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn beschließt, Damenfriseur zu werden und anfängt, seine Hände zu pflegen. Ein beneidenswert gewöhnliches Los, er wird fortan den lieben langen Tag den Frauen die ganze Farbskala der Schamröte ins Gesicht treiben, das weiche Haar lösen, den Haarduft entfesseln, diese hübschen Kabinenvorhänge beiseite ziehen. Er wird in diesem Dunst der Liebe leben, die Finger im Zartesten, Feinsten und für Liebkosungen empfänglichsten, das eine Frau besitzt, ohne daß es ihr selber bewußt zu sein scheint. Sollte es nicht auch Friseure geben, die, wie Bergarbeiter in ihren Schächten, davon geträumt haben, einzig und allein Brünette zu bedienen oder sich auf Blondinen zu spezialisieren; Hatten sie vor, dieses Gespinst zu enträtseln, in dem eben noch etwas von der Verwirrung des Schlafs hing. Ich bin oft an der Schwelle dieser für Männer verbotenen Läden stehengeblieben und habe zugesehen, wie in ihren Grotten die Haarpracht sich entfaltete. Schlangen, Schlangen, ihr fasziniert mich immer wieder. So beobachtete ich eines Tages in der Passage de l'Opéra die langsamen und makellosen Windungen einer blonden Riesenschlange. - (ara)

Friseur (9) Was mir not täte, wäre ein wenig Zärtlichkeit, und oft, wenn man mir ein Kind anvertraut, damit ich ihm die Haare schneide, lockt es mich in meiner Häßlichkeit Vereinsamten, es zu küssen; auch bei den Erwachsenen geht es mir so, wenn sie unter meinen Händen einschlafen. Dann vollführe ich rings um sie ein großes Gebärdenspiel, um mich selbst zu täuschen, und man könnte meinen, ich 2elebrierte da eine seltsame Opferhandlung, bei welcher Schere, Zerstäuber, Rasierpinsel, Kamm, Abbrennkerze und die weißen Tücher als heilige Gerätschaften mitwirken. Welche Freude für mich, mit meinen Händen in einer üppigen Haarflut zu verweilen, sie lasten zu fühlen auf einer Stirne, deren Hoheit oder Reinheit ich bewundere! Das Licht, das icb von allen Seiten auf ein regloses Antlitz mit geschlossenen Augen fallen lasse, versetzt mich bisweilen in eine Art Verzauberung, und die Zeremonie will gar kein Ende nehmen, solche Lust gewährt es mir, den Gegenstand einer jahrtausendalten Versuchung zu erhellen und wieder ins Dunkel zu stürzen. Ich rasiere zwischen zwei Liebkosungen, die keiner erbeten und jeder unwissend empfangen hat.   - Marcel Jouhandeau, Das Tagebuch des Friseurs. In: M. J., Chaminadour. Reinbek bei Hamburg 1964

Friseur (10) Was zum Beispiel ist ein Schreiber auf der anderen Seite? hatte er gefragt. Nehmen wir die Schreiber im Westen, was ist ein Schriftsteller dort? Marktabhängiger Zulieferer der Mediengesellschaft! Er ist dort etwas wie ein Friseur, nichts weiter... ein Friseur, der die Denkübungen seiner Kunden begleitet und sie gegebenenfalls bestätigt. Zwar wäscht man den Kunden in aller Form die Köpfe, aber man läßt sie dabei ungeschoren, die Kunden und ihre Denk- und Sprechübungen. Da können wir doch wohl mit Fug und Recht behaupten, daß wir etwas tiefer waschen, ein wenig tiefer unter die Kopfhaut! Ja, ein Frisiersalon, das ist der Westen mit seiner freien Literatur, und besonders sind das die Bundesrepublik und die Selbständige Einheit Westberlin. Es erstaunt mich immer, sagte der Chef, daß dort noch niemand einen Nobelpreis für Friseure bekommen hat! Übertreibe ich ... vielleicht ein bißchen. Ob Sies glauben wollen oder nicht, ich würde an Ihrer Stelle vorsichtig sein mit meiner Hoffnung auf die freie Literatur des Westens.   - Wolfgang Hilbig, »ICH«. Frankfurt am Main 1995

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