ildung  Man hat mehrmals versucht, die Bildung bei den Indianern einzuführen und ihnen ihre Wandergewohnheiten zu belassen. Die Jesuiten hatten es in Kanada versucht, die Puritaner in Neuengland. Weder die einen noch die andern haben Dauerndes erreicht. Das Kulturleben wurde in der Hütte geboren und starb in den Wäldern. Der große Fehler der Indianergesetzgebung bestand darin, nicht zu verstehen, daß man ein Volk, um es gesittet werden zu lassen, zuerst ansässig machen muß, und das kann man nur, wenn es den Boden bewirtschaftet; man hätte also die Indianer zu Bauern erziehen müssen.

Nicht nur besitzen die Indianer diese unentbehrliche Vorbedingung der Zivilisation nicht, es fällt ihnen auch sehr schwer, sie sich anzueignen.

Die Menschen, die sich einmal der müßigen und abenteuerlichen Lebensweise der Jäger überlassen haben, fühlen einen fast unüberwindlichen Abscheu gegen stetes und geordnetes Arbeiten, wie es das gesittete Leben verlangt. Man kann es in unseren eigenen Gesellschaften feststellen; aber es ist noch viel sichtbarer bei Völkern, in denen die Jagdgewohnheiten zum Brauch des Volkes geworden sind.

Unabhängig von dieser allgemeinen Ursache gibt es eine nicht minder mächtige, die man nur bei den Indianern antrifft.

Die Eingeborenen Nordamerikas betrachten die Arbeit nicht nur als ein Übel, sondern als eine Unehre, und ihr Hochmut kämpft fast ebenso hartnäckig wie ihre Faulheit gegen die Zivilisation an.

Es gibt keinen Indianer, und sei er noch so elend, der unter seiner Rindenhütte nicht eine stolze Vorstellung von seiner persönlichen Würde hegte; er hält den Arbeitsfleiß für eine schmachvolle Beschäftigung; er vergleicht den Bauer mit dem Ochsen, der die Furche pflügt, und in allen unseren Handwerken sieht er nur Sklavenarbeit. Nicht als hätte er keinen sehr hohen Begriff von der Macht der Weißen und der Größe ihres Verstandes; aber wenn er auch das Ergebnis unserer Anstrengungen bewundert, so verachtet er die Mittel, mit denen wir es erreichen, und unserem Einfluß erliegend wähnt er sich uns immer noch überlegen. Allein die Jagd und der Krieg erscheinen ihm als menschenwürdige Beschäftigungen. Mitten im Elend seiner Wälder nährt der Indianer die gleichen Vorstellungen, die gleichen Ansichten wie der Adlige des Mittelalters in seiner Burg, und um ihm vollends ähnlich zu sein, fehlt ihm nur, daß er ein Eroberer werde. Wie seltsam! - Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika. München 1976 (dtv 6063, zuerst 1835/1840)

Bildung (2)  Das Regal mit dem Buchstaben 'D' befand sich ganz unten, am Boden. Nur von dort konnte man, ohne Verdacht zu erregen, die schlanken Beine der Bibliothekarin betrachten, die von einem schmalen Riemchen umspannten Knöchel und die Füße, die in zwei an kleine Särge erinnernde Holzklötze eingesperrt waren. Ich brütete über Dumas, griff nach Dostojewski. - Andrzej Stasiuk, Sueddeutsche Zeitung, 30.10.2004

Bildung (3)  »Wir genossen die allerbeste Erziehung - wir gingen sogar jeden Tag in die Schule -«

»Das tue ich auch«, sagte Alice; »darauf brauchst du dir noch lange nichts einzubilden.«

»Hast du auch Wahlfächer?« fragte die Falsche Suppenschildkröte etwas ängstlich.

»Ja«, sagte Alice, »Französisch und Musik.«

»Und Waschen und Bügeln auch?« fragte  die Falsche Suppenschildkröte.

»Aber woher denn!« sagte Alice verächtlich.

»Ah!  Dann besuchst du  eben doch keine erstklassige Schule«, sagte die Falsche Suppenschildkröte mit hörbarer Erleichterung. »Also, bei uns stand unten auf der Quittung für das Schulgeld immer: ›Französisch, Musik und für Waschen und Bügeln zusätzlich‹«.

»Aber damit konntet ihr doch nichts anfangen«, sagte Alice, »mitten auf dem Meeresgrund.« »Ich konnte es auch gar nicht lernen«, sagte die Falsche Suppenschildkröte, »weil ich zu arm war. Ich hatte nur die Pflichtfächer.« »Und die waren?« fragte Alice.

»Also, zunächst einmal das Große und das Kleine Nabelweh, natürlich«, antwortete die Falsche Suppenschildkröte, »aber dann auch Deutsch und alle Unterarten - Schönschweifen, Rechtspeibung, Sprachelbeere und Hausversatz. «

»Davon habe ich noch nie gehört«, sagte Alice. »Was ist denn Hausversatz?«

Der Greif hob vor Erstaunen beide Vordertatzen. »Wie! Noch nie von Hausversatz gehört!« rief er aus. »Aber was ›versetzen‹ ist, weißt du doch wohl ?«

»Ja«, sagte Alice zögernd, »das ist — wenn man für etwas Geld bekommt.«

»Na also«, fuhr der Greif fort. »Und wenn du jetzt noch immer nicht weißt, was ein Hausversatz ist, bist du wirklich auf den Kopf gefallen.«

Alice verging der Mut, noch weiterzufragen; sie wandte sich also wieder der Falschen Suppenschildkröte zu und fragte: »Was habt ihr denn sonst noch gelernt ?«

»Nun, da gab es noch die Erdbeerkunde«, antwortete die Falsche Suppenschildkröte und zählte dabei die einzelnen Fächer an ihren Flossen ab: »- Erdbeerkunde mit und  ohne Schlagrahm - und Seeographie. Ja, und dann die Marterhatmich - dazu kam jede Woche ein alter Zitteraal, und mit dem lernten wir Zusammenquälen, Abmühen, Kahldehnen und Bruchlächeln.«

 »Wie war das denn ?« fragte Alice.

»Nun, ich kann es dir leider nicht vormachen«, sagte die Falsche Suppenschildkröte, »weil ich nicht gelenkig genug dazu bin. Und der Greif hat diese Fächer nicht gehabt.« »Keine Zeit dazu«, sagte der Greif; »aber dafür war ich in den Alten Sprachen gut. Da hatten wir vielleicht einen alten Krebs!«

»Bei dem war ich nicht«, sagte die Falsche Suppenschildkröte; »er gab Viechisch im Verein, wie es immer hieß.«

»Richtig, richtig«, sagte der Greif und seufzte nun auch seinerseits; und dann schlugen sie sich beide, von Trauer überwältigt, die Pfoten vors Gesicht.

»Wie viele Stunden Unterricht hattet ihr denn am Tag ?« fragte Alice, um schnell das Thema zu wechseln.

»Zehn Stunden am ersten Tag«, sagte die Falsche Suppenschildkröte; »neun am nächsten und so fort.« »Einen schönen Stundenplan müßt ihr da gehabt haben!« rief Alice; »der wurde ja von Tag zu Tag leerer!« »Es waren ja auch lauter Lehrer im Haus«, bemerkte der Greif, »da war das ganz unvermeidlich.«  - Lewis Carroll, Alice im Wunderland. Frankfurt am Main 1970 ( IB 896, zuerst 1865)

Bildung (4) Grosz  begann, eine Sammlung seltsamer Bücher anzulegen. Seine Vorliebe wird aus einer Liste von Titeln erkennbar, die er bei einer Buchhandlung in Girard, Kansas, bestellte. Eine kleine Auswahl: Das Geheimnis der Selbstentwicklung, Verbessern Sie Ihre Konversation, Zoologie im Selbstunterricht, Hypnose leicht verständlich, Wie man Möbel polstert und mit Rohr bezieht, Was man über Handlesen wissen sollte, Bauchreden im Selbstunterricht, Erfolgreiche Partys, Analysieren Sie die Psyche Ihrer Nachbarn, Varietétricks und ihre Erklärung, Wein, Weib und Gesang, Die Magie der Zahlen, Seelenwanderung für jedermann, Leben ohne Angst. Insgesamt wurden achtzig Titel bestellt, unter ihnen aber auch Kant, Tschechow und das Tagebuch von Pepys. In einem Brief an Peter Zingler schrieb Grosz: «Ich habe in meinem Leben viel-zuviel gelesen. Bin ganz Deiner Meinung: Bildung führt zu mehr Bildung und mehr Bildung führt zu Nischt- Hans Hess, George Grosz. Dresden 1982

Bildung (5)   Bei der Beschäftigung mit den 'freien Künsten', so warnt der Rhetoriker Isokrates, droht die Gefahr, die eigene Freiheit zu verlieren: Übertriebene Gründlichkeit nämlich macht den Schüler zum Sklaven des Faches. Man dürfe nirgends Totalität anstreben, indem man mit zu großer Sorgfalt, akribos, vorgeht. Es reiche das 'Einigermaßen', das man 'im Vorübergehen', ek paradromes, behält, man solle nur 'hineinschmecken', sich die Sachen 'wie Probierhappen', hosper ekgeumatos, zu Gemüte fuhren. Jemanden als wandelndes Lexikon zu bezeichnen, wäre in dieser Sicht ein eher zweifelhaftes Kompliment. Gregor von Nazianz läßt sein Lob auf Basilius und dessen Bildung in der Bemerkung gipfeln, man müsse an ihm mehr bewundern, was er ausgelassen, als was er sich angeeignet habe. - Klaus Vogelsang, nach: Stammen / Weber (Hg.): Wissenssicherung, Wissensordnung und Wissensverarbeitung. Das europäische Modell der Enzyklopädien. Berlin 2004

Bildung (6)   Deine wahren Erzieher und Bildner verraten dir, was der wahre Ursinn und Grundstoff deines Wesens ist, etwas durchaus Unerziehbares und Unbildbares, aber jedenfalls schwer Zugängliches, Gebundenes, Gelähmtes: deine Erzieher vermögen nichts zu sein als deine Befreier. Und das ist das Geheimnis aller Bildung: sie verleiht nicht künstliche Gliedmaßen, wächserne Nasen, bebrillte Augen — vielmehr ist das, was diese Gaben zu geben vermöchte, nur das Afterbild der Erziehung. Sondern Befreiung ist sie, Wegräumung alles Unkrauts,Schuttwerks, Gewürms, das die zarten Keime der Pflanzen antasten will, Ausströmung von Licht und Wärme, liebevolles Niederrauschen nächtlichen Regens, sie ist Nachahmung und Anbetung der Natur, wo diese mütterlich und barmherzig gesinnt ist, sie ist Vollendung der Natur, wenn sie ihren grausamen und unbarmherzigen Anfällen vorbeugt und sie zum Guten wendet, wenn sie über die Äußerungen ihrer stiefmütterlichen Gesinnung und ihres traurigen Unverstandes einen Schleier deckt. - Friedrich Nietzsche, Schopenhauer als Erzieher (1874)

Bildung (7)  Meine wirkliche Bildung erhielt ich erst als Hure und als Madame, denn da mußte ich mit den gebildeten Gästen sprechen. Viele Männer kommen in ein Bordell, nur um etwas zu trinken und sich zu unterhalten. Es gab Nächte, da saßen diese Männer einfach herum, ließen die Karaffe mit Bourbon kreisen und sprachen über Politik, Geld, Geschichte, das kleinliche Getriebe der Regierung, über die Bedeutung der Demokratie und die Hoffnung, die sie darein setzten. Auf diese Weise erhielt ich meine Bildung, und es war bestimmt keine schlechte Schule, in die ich da ging. Es sind gute Köpfe unter den Männern, die in ein Bordell kommen, wennf es ordentlich geführt ist und die Gäste sich wohlfühlen. - Nell Kimball, Madame - Meine Mädchen, meine Häuser. Hg. Stephen Longstreet. Frankfurt am Main, Wien und Berlin 1982 (entst. ca. 1917-1932)

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