Racheengel  «Man kann nicht einfach aufhören, zu leben. Es ist wie mit dem Traum, den ich von Kind an immer wieder gehabt habe. Ich träume, ich bin in Afrika. Im Dschungel. Ich bewege mich im Wald auf einen einzelnen, alleinstehenden Baum zu. Herrgott, und der stinkt, dieser Baum; mir wird ganz übel von dem Gestank. Aber er sieht herrlich aus - er hat blaue Blätter, und überall an den Zweigen hängen Diamanten. Diamanten wie Apfelsinen. Das ist der Grund, weswegen ich dorthingekommen bin - um mir eine Handvoll Diamanten zu pflücken. Aber ich weiß, in dem Moment, wo ich die Hand danach ausstrecke, fällt eine Schlange über mich her. Sie bewacht den Baum. Und dieses fette Vieh lebt da oben in den Zweigen. Ich weiß das alles schon vorher, verstehst du? Und ich weiß auch, daß ich keine Ahnung hab, wie man eine Schlange bekämpft. Aber ich sage mir, ich nehme das Risiko auf mich. Und zwar deswegen, weil mein Wunsch nach den Diamanten größer ist als meine Angst vor der Schlange. Und so fasse ich zu, ich habe den Diamanten in der Hand, ich reiße daran, und in diesem Augenblick stürzt sich die Schlange auf mich. Wir ringen miteinander, aber das Vieh ist schlüpfrig und glatt, und ich kann es nicht zu packen kriegen, es zerquetscht mich, ich höre, wie meine Beine zerknacken. Und jetzt fängt das an, wobei mir der Schweiß ausbricht, wenn ich bloß daran denke. Die Schlange fängt an, mich zu verschlingen. Die Füße zuerst. Es ist, wie wenn man in Triebsand versinkt.» Perry zögerte. Er sah, daß Dick sich mit einer Gabelzinke die Fingernägel saubermachte und nicht weiter an seinem Traum interessiert war.

«So?» sagte Dick. «Die Schlange verschlingt dich also. Und?» «Ach was. Ist nicht weiter wichtig.» (Aber es war wichtig! Besonders das Ende. Es war eine tiefe, innere Freude für ihn. Er hatte es einmal seinem Freund Willie-Jay erzählt; er hatte ihm den mächtig herabschwebenden gelben Vogel beschrieben, «eine Art von Papagei». Natürlich, Willie-Jay war anders - feinfühlig, «ein Heiliger». Er hatte ihn verstanden. Aber Dick? Dick könnte womöglich lachen, und das hätte Perry nicht ertragen: Daß sich irgend jemand über den Papagei lustig machte, der ihm zum erstenmal in seinen Traum geschwebt war, als er sieben war, ein von allen gehaßtes, alle hassendes Mischlingskind in einem von Nonnen geleiteten Waisenhaus in Kalifornien - verhüllten Zuchtmeisterinnen, die ihn dafür schlugen, daß er ins Bett machte. Und nach einer dieser Züchtigungen, die er nicht vergessen konnte [«Sie weckte mich. Sie hatte eine Taschenlampe in der Hand und schlug mich damit. Wieder und wieder. Und als die Taschenlampe zerbrach, schlug sie mich im Dunkeln weiter»], war ihm der Papagei erschienen, im Schlaf, ein Vogel «größer als Jesus, gelb wie eine Sonnenblume», ein Racheengel, der die Nonnen mit seinem Schnabel blendete, ihre Augen fraß, sie niedermetzelte, während sie «um Gnade flehten», ihn dann sanft aufhob, ihn in seine Flügel hüllte und ihn hinwegtrug zum «Paradies».

Im Laufe der Jahre waren es immer andere Qualen, aus denen der Vogel ihn errettete; anstelle der Nonnen traten andere auf - ältere Kinder, sein Vater, ein treuloses Mädchen, ein Sergeant, den er in der Army kennengelernt hatte -, aber der Papagei blieb, ein schwebender Rächer. So gelang es der Schlange, Wächterin des diamantentragenden Baums, nie, ihn gänzlich zu verschlingen, sondern zu guter Letzt war immer sie es, die vernichtet wurde. Und danach der herrliche Flug! Der Aufstieg zu einem Paradies, das in einer Version nichts als «ein Gefühl» war, ein Gefühl der Macht, der unangreifbaren Überlegenheit.   - (cap)

 

Rache Engel

 

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