oralisten habe ich mir immer alt und vertrocknet vorgestellt, mit erdfarbenem, verrunzeltem Gesicht wie ein alter gelber Schuh und nach Keuschheit stinkend. Den Geruch der Keuschheit denke ich mir wie den Geruch von Siegellack, eingetrockneter Tinte und Schimmel, wie er die Postämter und Gerichtskanzleien verpestet.

Der Moralist, im Profil gesehen, muß einen Hut haben, der ihm auf die Nase fällt, eine Nase, die auf seinen Schnurrbart hängt, und einen Schnurrbart, der ihm bis auf das Kinn reicht. - Pitigrilli, Der Keuschheitsgürtel. In: P., Betrüge mich gut. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12179, zuerst 1922)

Moralist (2)  Pantegans Hände zitterten. Es waren große, hagere Hände, die so zitternd auf die Nacht warteten, Finger, die einen tankenden Frauenleib umkrallen konnten, wie ein gefangenes Kerbtier, häßliche harte Finger, die sich kühl auf eine nackte Brust legten und aller Liebe mit dem Frost gebieten konnten. Diese Finger hatten alles getan, was Pantegan war. Sie hatten ihm das Netz geflochten, in welchem er die Stunden der Laune fing wie Menschen, die sich ihm geben sollten. Lieben konnten sie nicht, aber doch immer helfen. Mit der Großmut mancher Entwegten half Pantegan. Den Allerniedrigsten und Elendesten suchte er sich in der Gosse, richtete ihn auf und beschenkte ihn mit neuen Lebensbedingungen. Er hatte einen Stab von Jüngern und Magdalenen, die er neue Tänze tanken und fremde Weine trinken ließ. Seit er so allein war und jenseits des Schicksals, nur mit seinem silbernen Kreuz allein, mußten sie ihn täglich anbeten, jeder in seiner Art, wie er es verstand. Frauen mit lauten Augen liebte er nicht und strich sie aus der Liste seiner Verliebten, wenn sie zu laut beteten.

Die Merkmale seiner Rasse hatte Pantegan in sich verwischt. Er haßte mit kühlem Gesicht und sündigte mit roten Backen. Blasse Sünder verachtete er. Am Tage jeder großen Tat des Hasses wanderte er durch die Schenken und gab von dem Seinen so lange, bis ein großer Rausch alles in eine begeisterte Wirrnis zusammenwarf. Dann stand er aufrecht unter ihnen und. genoß die Ohnmacht der Festgänger wie eine Kraft, die von ihm ausging. In solchen Stunden war ihm ein betrunkenes Weib herrlich genug zum Liebesspiel. Er zerrte sie, warf sie nieder und spie sie an, und wenn er sie wieder aufhob, wurde sie seine Geliebte. Die andern lallten dann und schrieen ihm zu, er sollte sie noch einmal niederwerfen und töten. Er aber lachte verworren und ging mit ihr in sein Haus.

Welcher Art seine Liebe war, wußte niemand, denn, die er so richtete und liebte, waren sehr schweigsam. Erst später wuchsen ihnen Erinnerungen an solche Hochzeiten, so der Lucie und der Beatrice, die er einst heimgebracht und in einer Auferstehung gelähmt. Er gab es ihnen vielleicht im Tanze und durch die Verachtung, mit der er sie Zunächst niederdrückte. Man nannte diese Nachträusche »Ball der Biegsamen«.

»Pantegan der Dalmatiner ist ein übler Moralist«, pflegte »der schwache Rat«, ein gestrandeter Jurist, den seine Konkubine in das unbewegliche Laster verlockt hatte, zu kritisieren.   - Victor Hadwiger, Il Pantegan. Abraham Abt. Prosa. München  1984 (zuerst 1912/1919)

Moralisten (3, strenge)  Zazie hat jetzt ein schönes Tempo drauf. Niemand nimmt sich die Zeit noch die Mühe, nach ihr zu schauen. Aber auch Turandot galoppiert jetzt. Er flitzt sogar. Er holt sie ein, packt sie am Arm und ohne ein Wort zu sagen, zwingt er sie mit fester Hand zu einer Kehrtwendung. Zazie zögert nicht. Sie beginnt zu schreien:

- Hilfe! Hilfe!

Dieser Schrei verfehlt nicht, die Aufmerksamkeit der anwesenden Hausfrauen und Bürger auf sich zu lenken. Sie lassen von ihren persönlichen Beschäftigungen oder Beschäftigungslosigkeiten ab, um sich für den Zwischenfall zu interessieren. Nach diesem ersten, recht befriedigenden Ergebnis legt Zazie von neuem los:

- Ich will nicht mit diesem Herrn gehen, ich kenne diesen Herrn nicht, ich will nicht mit diesem Herrn gehen. Undsoweiter.

Turandot, der Lauterkeit seiner Sache sicher, beachtet dieses Gerede nicht.

Er sieht jedoch sehr schnell ein, daß dies ein Fehler war, denn er muß feststellen, daß er sich in einem Kreis strenger Moralisten befindet.

Vor diesem auserlesenen Publikum geht Zazie von allgemeinen Betrachtungen zu speziellen, präzisen und den Umständen angemessenen Klagen über:

- Dieser Herr, sagt sie, hat schmutzige Dinge zu mir gesagt.

- Was hat er denn zu dir gesagt? fragt eine Dame, die neugierig geworden ist.

- - Madame, schreit Turandot, dieses kleine Mädchen ist von zu Hause weggelaufen. Ich wollte sie ihren Eltern zurückbringen. Der Kreis hohnlacht mit schon festverankerter Skepsis. Die Dame läßt nicht locker; sie beugt sich zu Zazie herab.

- Na, Kleine, hab keine Angst, sag mir, was dieser böse Herr zu dir gesagt hat.

- Es ist zu unanständig, murmelt Zazie.

- Hat er von dir verlangt, daß du Dinge an ihm machen sollst?

- Ganz richtig, Madame.

Zazie flüstert der Darne einige Einzelheiten ins Ohr. Diese richtet sich wieder auf und spuckt Turandot ins Gesicht.

- Saukerl, wirft sie ihm noch als Zugabe hin. Und sie spuckt ihn ein zweites Mal von neuem an, mitten in die Visage hinein. Ein Kerl erkundigt sich:

- Was hat er denn von ihr gewollt?

Die Dame flüstert dem Kerl die zazischen Einzelheiten ins Ohr:

- Oh! macht der Kerl, darauf bin ich nie gekommen. Und macht dann wieder, aber eher nachdenklich:

- Nein, nie.

Er wendet sich an einen anderen Bürger:

-Aber nein, hören Sie sich das nur mal an... (Einzelheiten). Das ist unglaublich.

- Es gibt doch wirklich ausgemachte Schweinehunde, sagt der andere Bürger.

Unterdessen verbreiten sich die Einzelheiten in der Menge. Eine Frau sagt:

- Versteh ich nicht.

Ein Mann erklärt es ihr. Er zieht ein Stück Papier aus der Tasche

und macht ihr mit einem Kugelschreiber eine Zeichnung.

- Sehr schön, sagt die Frau träumerisch. Sie fügt hinzu:

- Und ist das praktisch?

Sie spricht von dem Kugelschreiber.

Zwei Amateure diskutieren:

- Ich, erklärt der eine, ich hab mal erzählen hören, daß... (Einzelheiten).

- Das wundert mich gar nicht, erwidert der andere, man hat mir sogar bestätigt, daß... (Einzelheiten).

Eine Geschäftsfrau, die die Neugierde aus ihrer Butike getrieben hat, läßt sich zu einigen vertraulichen Mitteilungen hinreißen:

- Ich rede aus eigener Erfahrung, weil, eines Tages kommt doch mein Mann auf die Idee,.. (Einzelheiten). Ich frag Sie nur, wo er das aufgeschnappt hat.

- Er hat vielleicht ein schlechtes Buch gelesen, meint einer.

- Vielleicht. Auf jeden Fall habe ich, so wie ich dastehe, zu meinem Mann gesagt, du willst, hab ich zu ihm gesagt, daß? (Einzelheiten). Sittenstrolch, hab ich zu ihm gesagt. Laß dich doch von den Mockchen besuchen, wenn dir das Spaß macht, und stink mich nicht mit deinen Lastern an. Das hab ich meinem Mann geantwortet, der wollte, daß ich... (Einzelheiten). Man pflichtet ihr in der Runde bei.

Turandot hat nicht zugehört. Er macht sich keine Illusionen. Er nutzt das technische Interesse, das durch die Anklagen Zazies ausgelöst wurde, aus, um sich heimlich aus dem Staub zu machen. Hart an der Mauer entlang flitzt er um die Straßenecke, kommt in aller Hast in seine Kneipe zurück, schleicht sich hinter sein Büfett, das seit der Besatzung aus Holz ist, schenkt sich einen großen Humpen Beaujolais ein, kippt ihn runter und wiederholt das. Er wischt sich mit dem Ding, das ihm als Taschentuch dient, die Stirn ab, Mado Ptits-pieds, die Kartoffeln schält, fragt ihn:

- Fehlt Ihnen was?

— Frag mich nicht. Hab nie in meinem Leben einen solchen Schiß gehabt. Diese Arschlöcher hielten mich für einen Sittlichkeitsverbrecher. Wenn ich geblieben wäre, hätten sie mich zerstückelt.  - Raymond Queneau, Zazie in der Metro. Frankfurt am Main 1999 (zuerst 1959)

 

Heuchelei Moral Menschenkenner

 

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