iebesgeschichte  An die Tür klopfte Anton Bobrow. Hinter der Tür, den Blick an die Wand geheftet, ein Mützchen auf dem Kopf, saß Maria. In ihrer Hand blitzte ein kaukasisches Messer, die Uhr zeigte Mittag. Maria, die die törichten Träume aufgegeben hatte, zählte ihre Tage und fühlte ein Schaudern im Herzen. Verwirrt, ohne auf sein Klopfen Antwort erhalten zu haben, blieb Anton Bobrow vor der Tür stehen. Hinter die Tür durchs Schlüsselloch zu lugen hinderte ihn ein Tuch. Die Uhr zeigte Mitternacht. Anton war mit einer Pistole erschossen, Maria von dem Messer durchbohrt worden. Auch schien die Lampe nicht mehr an die Decke.  26. Januar (1935) - (charms)

Liebesgeschichte (2) Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch geberden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja, ist durchaus nur ein näher bestimmter, specialisirter, wohl gar im strengsten Sinn individualisirter Geschlechtstrieb. Wenn man nun, dieses fest haltend, die wichtige Rolle betrachtet, welche die Geschlechtsliebe in allen ihren Abstufungen und Nuancen, nicht bloß in Schauspielen und Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt spielt, wo sie, nächst der Liebe zum Leben, sich als die stärkste und thätigste aller Triebfedern erweist, die Hälfte der Kräfte und Gedanken des Jüngern Theiles der Menschheit fortwährend in Anspruch nimmt, das letzte Ziel fast jedes menschlichen Bestrebens ist, auf die wichtigsten Angelegenheiten nachtheiligen Einfluß erlangt, die ernsthaftesten Beschäftigungen zu jeder Stunde unterbricht, bisweilen selbst die größten Köpfe auf eine Weile in Verwirrung setzt, sich nicht scheut, zwischen die Verhandlungen der Staatsmänner und die Forschungen der Gelehrten, störend, mit ihrem Plunder einzutreten, ihre Liebesbriefchen und Haarlöckchen sogar in ministerielle Portefeuilles und philosophische Manuskripte einzuschieben versteht, nicht minder täglich die verworrensten und schlimmsten Händel anzettelt, die werthvollsten Verhältnisse auflöst, die festesten Bande zerreißt, bisweilen Leben, oder Gesundheit, bisweilen Reichthum, Rang und Glück zu ihrem Opfer nimmt, ja, den sonst Redlichen gewissenlos, den bisher Treuen zum Verräther macht, demnach im Ganzen auftritt als ein feindsäliger Dämon, der Alles zu verkehren, zu verwirren und umzuwerfen bemüht ist; — da wird man veranlaßt auszurufen: Wozu der Lerm? Wozu das Drängen, Toben, die Angst und die Noth? Es handelt sich ja bloß darum, daß jeder Hans seine Grethe* finde: weshalb sollte eine solche Kleinigkeit eine so wichtige Rolle spielen und unaufhörlich Störung und Verwirrung in das wohlgeregelte Menschenleben bringen? - Aber dem ernsten Forscher enthüllt allmälig der Geist der Wahrheit die Antwort; Es ist keine Kleinigkeit, worum es sich hier handelt; vielmehr ist die Wichtigkeit der Sache dem Ernst und Eifer des Treibens vollkommen angemessen. Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen auf dem Sockus [Niederschuh], oder dem Kothurn [Stelzschuh] gespielt werden, ist wirklich wichtiger, als alle andern Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, womit Jeder ihn verfolgt, völlig werth. Das nämlich, was dadurch entschieden wird, ist nichts Geringeres, als die Zusammensetzung der nächsten Generation. Die dramatis personae [Gestalten des Dramas], welche auftreten werden, wann wir abgetreten sind, werden hier, ihrem Daseyn und ihrer Beschaffenheit nach, bestimmt, durch diese so frivolen Liebeshändel.

* Ich habe mich hier nicht eigentlich ausdrücken dürfen: der geneigte Leser hat daher die Phrase in eine Aristophanische Sprache zu übersetzen.

- (wv)

Liebesgeschichte (3)  Bei unserer Rückkehr nach Renishaw konzentrierte ich meine Zuneigung auf den dort beheimateten Pfau. Diese Zuneigung wurde zu jener Zeit erwidert. Wenn wir auf Renishaw waren, stand der Pfau jeden Morgen Punkt neun (es ist seltsam, welch genauen Zeitsinn Vögel und andere Tiere haben) auf dem Bleidach vor dem Schlafzimmer meiner Mutter und wartete darauf, daß ich kam und ihr guten Morgen sagte. Sobald er mich sah, stieß er ein rauhes Willkommenskreischen aus (in der Regel habe ich für häßliche Stimmen nichts übrig, aber ihn mochte ich so sehr, daß von meinem Standpunkt aus kein Fehl an ihm sein konnte). Immer wartete er, bis ich das Zimmer meiner Mutter verließ, und flog mir dann mit einem weiteren rauhen Kreischen in den großen Park voraus. Wir gingen darin umher, wobei ich den Arm um seinen wunderbaren Hals gelegt hielt, der wie Tränen in einem dunklen Wald glänzte. Ohne sein Krönchen, mit dem er mich überragte, wären wir beide von gleicher Größe gewesen. Davis fragte mich: »Warum mögen Sie Peaky so sehr?«

Ich sagte: »Weil er schön ist und eine Himmelskrone trägt.«

(»Der Stolz des Pfaus«, heißt es bei William Blake, »ist der Ruhm Gottes.«)

Diese Romanze dauerte mehrere Monate. Dann kaufte mein Vater für Peaky eine Frau (in meinen Augen ein äußerst reizloser und unbedeutender Vogel), woraufhin sich jener von mir abwandte und sich ausschließlich der Aufgabe widmete, seinen Kindern beizubringen, wie sie die Schwänze, die sie von der Natur mitbekommen hatten, zu Fächern ausbreiten konnten.

Ich glaube nicht, daß mir die Kränkung meines Stolzes naheging, die darin bestand, daß mich ein Pfau hatte sitzen lassen; was mich kränkte, war die Zurückweisung meiner Zuneigung. Das war meine erste Erfahrung mit der Treulosigkeit. Meine anderen Freunde zu dieser Zeit waren ein Papageientaucher mit einem Holzbein (er war bei einem Unfall verletzt worden und wirkte wie ein alter Kapitän aus einem Dickensbuch) und eine aus dem Nest gefallene Jungeule, die täglich mit dem Kopf an meiner Schulter schlief, wobei sie so tat, als schnarche sie, um Mäuse anzulocken. - Edith Sitwell, Mein exzentrisches Leben. Frankfurt am Main 1994 (Fischer-Tb. 12126, zuerst 1965)

Liebesgeschichte (4)  Rosa verliebt sich in Zürich in einen schwierigen, nach außen spröd und verschlossen wirkenden, bei all seinen Fähigkeiten immer wieder von Selbstzweifeln geplagten Mann. Eine Art graue Eminenz unter den polnischen Sozialisten, der Drahtzieher im Hintergrund.

Jemand, der von sich sehr viel verlangt, aber von den anderen nicht weniger, dem es nicht darauf ankommt, unerhört autoritär zu sein, wenn er es für »die Sache« als richtig erachtet. Ein Mann, dessen Wahlspruch lautet: »Man muß arbeiten, das ist alles.« Sie rüttelt an diesem Menschen, der Person gewordene Konspiration zu sein scheint. Er ist ein schon manischer Geheimniskrämer, jemand, der seine Identität hinter nötigen und unnötigen Tarnnamen versteckt. Sie zwingt ihn, sich ihr zu öffnen, bestürmt ihn immer wieder, nicht nur ein Politik machender Genosse zu sein, sondern auch ein zu Liebe, Freude, zur persönlichen Hinwendung an einen anderen Menschen fähiges Individuum. Unter einer für uns schon fast ungeheuer anmutenden Diskretion vollzieht sich zwischen diesem Mann - sein Name ist Leo Jogiches — und Rosa eine der großen Liebesgeschichten der sozialistischen Bewegung. Für fünfzehn Jahre sind sie ein Paar. Aus Gründen der Staatsbürgerschaft und der Tarnung sind sie nicht in der Lage zu heiraten; doch besteht während dieser Zeitspanne zwischen ihnen eine enge, aber immer auch konfliktbeladene Bindung. Was Rosa Jogiches bedeutet haben mag, wird eigentlich erst in dem tragischen Nachspiel sichtbar. Er ist es, der für die Aufklärung des Mordes an Rosa sorgt und dafür mit seinem Leben bezahlt. - Frederick Hetmann, Rosa L. - Die Geschichte der Rosa Luxemburg und ihrer Zeit. Frankfurt am Main 1979

Liebesgeschichte (5)

"Love Story"

"Love Story"

 - Paul Flora

Liebesgeschichte (6)  1869 tauchte Martha Jane in Cheyenne auf und verwirrte die Männerwelt, allerdings nicht wegen ihrer weiblichen Reize. Sie trug Männerhosen, kaute Tabak und fluchte und trank wie ein Mann. So etwas hatte man bisher noch nie bei einer Frau gesehen. So kam es, daß das Mädchen aus Missouri bald zu einer bekannten Gestalt wurde.

In den folgenden Jahren führte Martha Jane Cannaray ein unruhiges Wanderleben zwischen Kansas und Montana. Die verstörten Zeitgenossen hielten sie mit Recht für eine eigenartige Attraktion und gaben ihr den Spitznamen »Calamity Jane«. -»Here is Calamity«, hieß es bald allgemein in den Saloons zwischen Abilene und Livingston, Montana, wenn das männlich wirkende Mädchen auftauchte und in betrunkenem Zustand die Spiegel an den Wänden zerschoß. »Calamity« heißt Unglück. Martha Jane Cannaray schien es in der Tat als Unglück zu empfinden, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein. Sie suchte und fand Anschluß an das rauhe Leben im Westen.

Angeblich nahm Calamity Jane Anfang der siebziger Jahre als Scout an den Indianerkriegen in Arizona teil. Erst beim Baden soll der kommandierende Offizier das Geschlecht des Kundschafters Cannaray bemerkt und ihn daraufhin empört entlassen haben.

Während man diese Episode wohl der Legende zurechnen muß, steht fest, daß Calamity Jane in den Black Hills von South Dakota eine Sehenswürdigkeit war. Sie schloß sich Wild Bill Hickok an und genoß an seiner Seite kurzen Ruhm. Später munkelte man von einer Liebesgeschichte zwischen den beiden, aber da der schöne Marshal sehr wahrscheinlich homosexuell war, erscheint eine Romanze zwischen Wild Bill und Calamity Jane nicht sehr wahrscheinlich.

Calamity Jane

Nach Wild Bill Hickoks Tod 1876 in Deadwood ging es mit Calamity Jane schnell abwärts. In den Saloons von Deadwood sah man sie meistens betrunken. - Hans C. Blumenberg, Wanted. Steckbriefe aus dem Wilden Westen. München 1973 (dtv 933)

Liebesgeschichte (7)

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