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Kamel

Bei der Nahrungswahl sind Kamele genügsam; sie fressen Gräser, Kräuter und Zweige, und wenn das Futter knapp wird, sogar das Zelt ihres Besitzers. - (Reilly)

Kamel (2) Ich setzte oder vielmehr kauerte mich nieder. Mit heller, lauter Stimme sprach ich die Beschwörungsformel und rief dann mit noch stärkerer Stimme dreimal in kurzem Abstand: »Beelzebub! Beelzebub! Beelzebub !«

Ein Schauer rann mir durch alle Adern, und die Haare sträubten sich mir auf dem Kopf.

Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, so ging gerade mir gegenüber ein Fenster weit auf, und ein Lichtstrom, blendender als das Tageslicht, flutete durch die Öffnung herein. Ein scheußlicher Kamelskopf, abscheulich in Größe und Ausdruck, zeigte sich im Fenster. Besonders seine unmäßig großen Ohren fielen sofort ins Auge. Das greuliche Gespenst tat das Maul auf und fragte in einem Ton, der zur Erscheinung paßte: »Che vuoi

Und alle Gewölbe ringsum, alle Keller weit in der Runde erdröhnten und widerhallten von diesem grausigen Che vuoi?

Meine Lage kann ich nicht schildern, noch könnte ich sagen, was meine Standhaftigkeit stärkte und mich abhielt, angesichts dieser Erscheinung ohnmächtig hinzufallen und bei dem noch weit schauerlicheren Getöse, das an meine Ohren schlug, den Verstand zu verlieren.

Ich fühlte, daß ich um jeden Preis alle Kräfte zusammennehmen mußte. Die Sinne schwanden mir. Kalter Schweiß trat auf meine Stirn. Schließlich aber wurde ich wieder Herr meiner Sinne. Unsere Seele muß sehr weiträumig sein und ungeheure Spannkraft besitzen. Eine Unzahl von Gedanken, Gefühlen, Stimmungen und Erwägungen fuhren mir durch den Kopf, wühlten mein Herz auf und stürmten auf mich ein.

Dann trat der Umschwung ein. Ich ward Herr über den Schrecken. Beherzt und kühn blickte ich das Gespenst an.

»Was willst du selbst, und was fällt dir ein, dich so dreist in dieser scheußlichen Gestalt zu zeigen ?«

Einen Augenblick wurde das Phantom unsicher. »Du hast mich gerufen!« sagte es dann leise und kleinlaut.

»Darf ein Sklave wagen, seinen Herrn zu erschrecken?« fragte ich zurück. »Wenn du kommst, um meine Befehle entgegenzunehmen, so nimm eine schicklichere Gestalt an und sprich zu mir in unterwürfigem Ton!«

»Meister«, sprach nun das Gespenst, »in welcher Gestalt soll ich erscheinen, um Euch genehm zu sein?«

Das erste, was mir einfiel, war ein Hund. »Erscheine mir in der Gestalt eines Wachtelhundes«, befahl ich. Kaum hatte ich diesen Befehl ausgesprochen, so streckte das fürchterliche Kamel seinen sechzehn Fuß langen Hals aus, neigte den Kopf bis in die Mitte des Gewölbes herab und spie einen schneeweißen Wachtelhund aus, mit feinem, glänzendem Fell und mit Ohren, die fast die Erde streiften.

Dann schloß sich das Fenster wieder. Die ganze Erscheinung verschwand, und unter dem spärlich erleuchteten Gewölbe blieb nichts zurück außer dem Hund und mir.

Er kreiste rund um den magischen Zirkel, wedelte mit dem Schwanz und kroch demütig vor mir herum. »Meister«, sagte er dann, »ich möchte dir gern die Fußspitzen lecken, doch der furchtbare Kreis, der dich umgibt, stößt mich zurück.«

Mein Selbstvertrauen war bis zur Tollkühnheit gewachsen. Ich trat aus dem Kreis, streckte meinen Fuß hin, und der Hund leckte ihn unterwürfig. Nun streckte ich die Hand aus, um ihn an den Ohren zu zupfen. Da legte er sich auf den Rücken, als wollte er um Gnade betteln. Ich sah, daß es ein Weibchen war. - Jacques Cazotte, Der verliebte Teufel. In: Meistererzählungen des französischen Rokoko. München 1962

Kamel (3)  Als die Menschen das Kamel zum ersten Male sahen, erstaunten sie über die Größe des Tieres und flohen bestürzt davon.

Bald merkten sie aber, daß es nicht so furchtbar sei, wie sie es erwartet hatten, sondern daß man es leicht bändigen könne. Sie fingen es mit geringer Mühe ein und verwendeten es zu ihrem Nutzen. Ganz geduldig ließ es alles mit sich geschehen und wich jeder Gefahr aus. Nun fingen die Menschen an, weil es trotz seiner Größe und Stärke sich nie widerspenstig zeigte, sondern sich jede Kränkung ruhig gefallen ließ, es zu verachten, zäumten es auf und ließen es von ihren Kindern leiten.

Laß dich nicht von jedem gefährlich scheinenden abschrecken. - Aesop

Kamel (4)  Der große Lehrer Basilius sagt von dem Kamel, daß es Böses sehr lange nicht vergißt und schwer und lange zürnt; und wenn man es schlägt, so vergilt es das lange nicht, sondern wartet, bis es einen passenden Ort und eine geeignete Zeit findet, dann rächt es sich unverzüglich. Es schlingt die Gerste sehr schnell herunter und behält sie deshalb bei sich, weil es sie in der Nacht durch Wiederkäuen noch einmal verzehrt. Einige sagen auch, daß es die gute Eigenschaft hat, daß, wenn in einer ganzen Herde oder in einem Stall ein Kamel ist, das krank ist und das nicht frißt, auch all die anderen nicht fressen, gerade als ob sie mit ihm litten.

Wenn seine Brunstzeit ist, daß es sich paaren will, so sucht es einen verborgenen Ort auf, damit es die Menschen nicht sehen, denn es begattet sich von hinten, und das Weibchen empfindet dabei eine so große Wonne, daß es vor Lust grunzt. Plinius sagt, daß das getrocknete Hirn des Kamels, mit Essig getrunken, von der Fallsucht  heilt. Solinus sagt, daß die Kamele sich keine unzumutbar schwere Last aufladen lassen. Meister Michael von Schottland sagt, daß das junge Kamel sofort nach der Geburt auf der Weide zu grasen beginnt. Aristoteles berichtet, daß ein Mann die Mutter eines jungen Kamels mit einem Mantel zudeckte, damit das Junge sie begattete und nicht wußte, daß es seine Mutter war. Bevor es jedoch seinen Paarungsakt vollbracht hatte, bemerkte es die Wahrheit und ließ davon ab und tötete den Mann, denn es liegt in seiner Natur, daß es nicht Unkeuschheit mit seiner Mutter treibt.   - (meg)

Kamel (5)   »Ich bin jetzt der neue Marquis von Z.«, sagte er, ohne das leiseste Anzeichen von Stolz.

Er eröffnete mir, die Tatsache, daß er jenen Adelstitel geerbt habe — einen der ältesten im Land —, reiche nicht aus, ihn glücklich zu machen, und er gestand mir zugleich, er habe sich entschlossen sämtliche Ländereien zu verhökern — darunter das Schloß seiner Ahnen — um sich in irgendeinem algerischen Beduinendorf am Rand der Sahara niederzulassen. »Keine schlechte Idee«, sagte ich, indem ich versuchte, mein Erstaunen zu verbergen. »Zum Teufel mit der Zivilisation. Mit der Zeit wird alle Welt in jene algerischen Nester ziehen. Die sind jetzt der letzte Schrei.«

Calixto war kein Dummkopf und verstand, daß ich nicht im Ernst geredet hatte. Er sagte, ich könne mir meine Plattitüden sparen, denn seine Reise nach Afrika sei mehr als nur eine einfache Abkehr vom Leben in der großen Stadt. »Ich versichere Dir, daß ich ernstere Gründe habe«, seufzte er, indem er seinen langen Hals im Gleichgewicht zu halten bemüht war.

Er trank sein Bier in einem Zug aus und mir schien, daß sein Buckel ein wenig größer geworden war. Ich fragte ihn, warum er sich in Nordafrika niederlassen wolle und eine ganze Weile lang schwieg er, mit vorgeschobener Unterlippe und einer seltsam kreisenden Bewegung des Unterkiefers. Dann, nach einem dumpfen Grunzlaut, gestand er mir, er sei ein baktrisches Kamel und es erscheine ihm ungerecht, daß Kamele in riesigen gotischen Schlössern, umgeben von Gobelins und altem Waffenschmuck, ihr Leben verbringen. Sein Geständnis versetzte mich in Erstaunen, und im ersten Moment wußte ich nicht, -was ich sagen sollte. »Calixto, mein Freund«, bemerkte ich schließlich. »Du irrst, wenn du denkst, du seist ein baktrisches Kamel. Das kann gar nicht sein. Diese Kamele haben zwei Höcker, du aber hast nur einen.«

Meine Worte konnten ihn nicht trösten. Er schüttelte den Kopf von links nach rechts und erklärte mir, einmal abgesehen von dem Höcker habe er noch mehr Gründe, um sich zumindest für ein Dromedar zu halten.

»Erstens«, sagte er, »so wie du mich hier sitzen siehst, bin ich in der Lage, acht Tage zu verbringen, ohne einen Tropfen Wasser zu mir zu nehmen. Zweitens: Ich bin nicht fähig, vor Zeugen den Beischlaf auszuüben, ganz so wie die Kamele, die ebenfalls sehr zurückhaltend sind. Drittens: Ich jage allen Pferden einen unerklärlichen Schrecken ein und bis heute ist es mir, trotz zahlloser Versuche, noch nicht gelungen, die edle Stute zu besteigen, die ich von meinem Großvater geerbt habe. Viertens: Ich habe allen Lebewesen gegenüber eine angeborene Abneigung, eingeschlossen die paar Menschen, die zu erdulden ich mich beschränkt habe. Fünftens: Ich habe in meinen Beinen vier Gelenke sowie vier Kniescheiben. Möchtest du, daß ich fortfahre?«

»Nein, nicht nötig«, sagte ich, tief bewegt von dem seltsamen Wahnsinn meines Freundes. »Du hast mich überzeugt. Du bist ein Dromedar. Sag mir bitte Bescheid, wann du dich nach Afrika einschiffst. Ich möchte zum Hafen kommen, um dir Lebewohl zu sagen.«

Calixto erwiderte, er habe weder die Absicht per Schiff noch mit dem Flugzeug zu reisen, sondern ziehe es vor, zu Fuß zu gehen, mit dem gesamten Gepäck auf dem Rücken, denn Kamele könnten acht Kilometer pro Stunde mit zweihundert Kilo auf dem Buckel zurücklegen, und das sogar während der schlimmsten Hundstage. - Javier Tomeo, Zoopathologie. Berlin 1994 (zuerst 1992)

Kamel (6)  Eines der schönsten Dinge ist das Kamel. Ich werde nicht müde, dieses fremdartige Tier vorbeiziehen zu sehen, das wie ein Truthahn hüpft und seinen Hals wiegt wie ein Schwan. Sie stoßen einen Schrei aus, den ich bis zur Erschöpfung nachzumachen versuche. Ich hoffe ihn mit zurückzubringen, doch ist es schwierig wegen eines bestimmten Gurgelns, das in der Tiefe des Röchelns, das sie ausstoßen, zu hören ist. - Flaubert an Louis Bouilhet, nach (flb)

Kamel (7) Burton haßte Kamele. Man könnte aus seinen Werken eine Kamelbeschimpfungsrhapsodie gewinnen. Wie soll man auch ein Tier mögen, das nachts gerade einmal zwanzig Minuten schläft, um danach weiterzukauen, weiterzumampfen, weiterzuschmatzen, die restliche Nacht hindurch, ein Wiederkäuer des eigenen Schlafes. Manchmal steht es nur da, die hinteren Beine etwas gespreizt, und starrt in eine Richtung, für sehr lange Zeit, und man weiß nicht, ob es einem meditierenden Weisen ähnelt oder einem gaffenden Idioten. Und dann ist da noch die dreimonatige Brunftzeit, während deren das Männchen nicht zu beherrschen ist, kaum wittert es ein paarungswilliges Weibchen, und sei es auf eine Entfernung von zehn Kilometern. Dann wird es bockig, aggressiv und gefährlich, seine Zunge bubbert, es greift konkurrierende Männchen an und versetzt diesen häßliche Bißwunden. Ich habe erlebt, wie ein Kameltreiber ein Männchen, das die Herrschaft über einen Harem von hundert Weibchen innehatte, vergeblich von einem Rivalen wegzuziehen versuchte, bis ihn dieses in den Oberschenkel biß und sich auf ihn warf. Der Mann überlebte nur knapp.  - Ilija Trojanow, Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton. München 2008 (zuerst 2007)

Kamel 8) Das Kamel hat jähe Hitze in sich, die aber zuweilen gemildert ist... In seinen Höckern hat es die Kraft des Löwen, Panthers und Pferdes, am übrigen Körper aber Eselsnatur. Der Höcker zunächst am Halse besitzt Löwenstärke, der folgende Pantherkraft und der letzte Pferdestärke. Durch diese Naturen wächst es in die Größe und Höhe, und wäre es nicht zahm, so wäre es stärker als der Löwe und die übrigen Tiere.

Hat jemand Schmerzen am Herzen, so nehme er von dem Knochen des löwenstarken Höckers, schabe ihn in Wasser ab und trinke oft davon ...   - (bin)

Kamel (9) Albufaki liebte Einöden sehr. Es grunzte immer, wenn eine menschliche Behausung in der Nähe war. Karathis, die ihm gern den Willen ließ, lenkte es dann schleunigst dort vorbei. So kam es, daß die armen Holzer nicht die geringste Zehrung auftrieben, denn die Ziegen und Melkschafe, die die Vorsehung in diesem Landstrich leben ließ, damit sich an ihrer Milch die Reisenden laben könnten, flohen alle entsetzt beim Anblick des schrecklichen Kamels und seiner furchtbaren Reiter. Karathis jedoch bedurfte gewöhnlicher Nahrung nicht, denn sie hatte sich vorsorglich mit einer Art Hungerpillen eigner Erfindung versehen, wie sie jede Regung des Magens völlig betäuben. Von diesen gab sie auch ihren stummen Negerweibern zu schlucken. Als es dunkelte, blieb Albufaki mit einem Ruck stehen, was Karathis. die seine Mucken genau kannte, ankündigte, daß in nächster Nähe ein Friedhof sei. - William Beckford, Vathek. Stuttgart 1983 (Bibliothek von Babel, Bd. 3., Hg. J. L. Borges)

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