riedhof   Natürlich war in Paris der Gestank am größten, denn Paris war die größte Stadt Frankreichs. Und innerhalb von Paris wiederum gab es einen Ort, an dem der Gestank ganz besonders infernalisch herrschte, zwischen der Rue aux Fers und der Rue de la Ferronnerie, nämlich den Cimetière des Innocents. Achthundert Jahre lang hatte man hierher die Toten des Krankenhauses Hotel-Dieu und der umliegenden Pfarrgemeinden verbracht, achthundert Jahre lang Tag für Tag die Kadaver zu Dutzenden herbeigekarrt und in lange Gräben geschüttet, achthundert Jahre lang in den Grüften und Beinhäusern Knöchelchen auf Knöchelchen geschichtet. Und erst später, am Vorabend der Französischen Revolution, nachdem einige der Leichengräben gefährlich eingestürzt waren und der Gestank des überquellenden Friedhofs die Anwohner nicht mehr zu bloßen Protesten, sondern zu wahren Aufständen trieb, wurde er endlich geschlossen und aufgelassen, wurden die Millionen Knochen und Schädel in die Katakomben von Montmartre geschaufelt, und man errichtete an seiner Stelle einen Marktplatz für Viktualien. - Patrick Süskind, Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders. Zürich 1985

Friedhof (2) Ali ben Ali, der oft nachts auf dem Friedhof zu tun hatte, da er für seine Experimente Leichen oder Teile von Leichen, besonders Herzen, brauchte, war zufällig Zeuge einer Szene, deren Vorgänge er sich zunächst durchaus nicht erklären konnte. In der nächsten Nacht ging er wieder hinaus. Die anderen Dämonen, die alle niedriger Ordnung angehörten, hatten das Spiel ihres Genossen vom Kreuzweg sehr lustig gefunden und versuchten es nun auch, indem sie sich der Toten des städtischen Friedhofes bedienten. Ali ben Ali sah zu seinem, nur durch Forschungseifer gemilderten, Entsetzen, wie die Toten aus ihren Särgen kamen, abenteuerliche Tänze aufführten, sich prügelten, einander auf den Rücken sprangen und mit ihrem Unfug den Ort des Friedens und der Stille, die Schatten von Grabfelsen und Trauerbäumen zum Spiel roher Ausgelassenheit machten. Ali ben Ali gab aus einem Taxusversteck wohl Obacht; und da die Dämonen, deren Sprache für uns sonst lautlos ist, sobald sie in den Leibern der Toten steckten, vernehmlich sprachen wie wir, so kam er bald im großen ganzen hinter den Zusammenhang des abenteuerlichen Vorganges. Bei einem der nächsten Male aber brachte ihn ein Zufall noch weiter auf die Spur des Geheimnisses. Einer der Dämonen fuhr nämlich recht leichtfertig in den Leichnam eines um die Hebung der Sittlichkeit in jener indischen Stadt sehr verdienten Eunuchen, welchem eben ein kostbares Grabmonument errichtet werden sollte, und mußte, nachdem er als Hämmling einen höchst possierlichen Moraltanz aufgeführt, die unangenehme Entdeckung machen, daß der rückwärts gesprochene Zauber seine Lage keineswegs änderte, er vielmehr im Eunuchen blieb.   - Wilhelm von Scholz, Seelenwanderungskunst. In: Jenseits der Träume. Seltsame Geschichten vom Anfang des Jahrhunderts. Hg. Robert N. Bloch. Fankfurt am Main 1990 (st 1595, zuerst 1916)

Friedhof (3)  "Was ist der Unterschied zwischen Zürich und dem Wiener Zentralfriedhof?", lautet ein alter Witz: "Der Zentralfriedhof ist nur halb so groß, aber doppelt so lustig." Der Witz ist wirklich alt, denn die schweizerische Metropole hat ihren Amüsement-Faktor in den vergangenen Jahrzehnten unbestreitbar steigern können, wohingegen der Zentralfriedhof nicht mehr ganz so lustig ist wie ehedem. Vor zwanzig Jahren fanden dort allherbstlich muntere Treibjagden statt. Selbstredend hatte der Abschuss des Wildes in einer Weise zu erfolgen, dass "die Pietät gewahrt bleibt", wie es die Verordnung vorschrieb. Kaninchen und Hasen, die als Bedrohung für die Grabbepflanzungen angesehen wurden, durften in unbegrenzter Zahl abgeknallt werden, Fasane nur unter Beachtung der gesetzlichen Schonzeiten, Rebhühner überhaupt nicht. - Ralf Leonhard (taz vom 25.11.2006)

Friedhof  (4)  ›Vielleicht sind hier die Beamten ?‹ dachte ich und sah durch das Türfenster. Entsetzt fuhr ich zurück; ich hatte in ein langes, schmales Gemach geblickt, in welchem Hunderte von Leichnamen aufgestapelt waren. Sie steckten in grauen Getreidesäcken, die man am Hals zugebunden hatte, so daß nur die Köpfe herausschauten, meistens grünliche Gesichter, die lachten und die Zähne bleckten; — viele wie getrocknet mit staubigen, zerdrückten Augäpfeln — andere waren ganz eingepackt und mit aufgeklebten Adressen versehen. Die vorstehenden Knie und Ellbogen, sowie die Schädelrundungen, ließen die verrenkten Stellungen ahnen. An der Rückwand dieses Leichenmagazins hing eine Tafel, auf der mit großen Lettern geschrieben stand:

Halle für plötzlich Verstorbene.

- Alfred Kubin, Die Andere Seite. München 1975 (zuerst 1909)

Friedhof  (5)   Ich sah heute etwas, auf dem noch nie das Auge eines Bürgers geruht hat und dessen Schauder nur ein Schauder von Hörensagen ist: ich sah den Armenfriedhof.

Es sind unter dem blauen Himmel die gelbe Böschung, die graue Silhouette einer Montmartre-Mühle, deren Flügel sich drehen, und zwei große Felder.

Das eine davon, das noch nicht gebraucht wird, aber auf die Toten der nächsten Monate wartet, bildet inmitten des Grüns der es umgebenden Gräber einen großen gelben Fleck. Es ist ein umgegrabenes Lehmfeld, wo, farblos wie der Boden geworden, Sargtrümmer hie und da herumliegen und wo die Steine alten Knochen gleichen. Dieses Feld gelber Erde ist voller Schauder.

Das andere — das andere, das der Tod schon beinahe ganz angefüllt hat — steigt in drei mit Kreuzen bedeckten Furchen bis zur Friedhofsmauer an; die Kreuze stoßen am Fuß aneinander; es sieht aus wie ein Niederholz des Todes; oder besser noch, alle diese dicht aneinandergedrängten schwarzen und weißen Kreuze lassen einen an den Aufstieg von Gespenstern denken, die sich gegenseitig auf die Hacken treten. Die drei Streifen Kreuze bedecken drei Ausschachtungen, wo Paris, das mit dem Boden geizt, seine Toten Sarg neben Sarg unterbringt. Die letzte Ausschachtung ist noch nicht bis zum Ende gefüllt; ein Brett, das dem Geruch der Verwesung durchaus nicht das Entweichen verwehrt, trennt uns von dem letzten Toten, und in dem übrigen Grabenraum schaufeln Arbeiter; die Anhäufung der herausgeworfenen Erde läßt alle Kreuze des benachbarten Grabens sich neigen und schief stehen. — Jn dieser scheußlichen Vermengung, in dieser schauerlichen Mißachtung vor dem Leichnam des Armen sah ich unter all den Kreuzen, die für eine Familie, für die Freunde die Erinnerung an ein geliebtes Wesen bewahren, — wie lange aber? Eine Woche, einen Monat? - sah ich auf einem dieser gemeinsamen Gräber einen im Friedhof gepflückten Tannenzweig mit einem Briefumschlag, der mit einem Bindfaden daran festgebunden war. - (gon)

Friedhof  (6)  Er lag in eine tiefe, feuchte Senke gebettet, von geilen Gräsern, Moosen und sonderbaren Kriechpflanzen überwuchert, und angefüllt von einem unbestimmbaren Gestank, den meine eitle Phantasie absurderweise mit verrottendem Stein in Verbindung brachte. Ringsum sprachen die Anzeichen von Verwahrlosung und Hinfälligkeit, und mich beschlich die Vorstellung, daß Warren und ich die ersten lebenden Wesen seien, die in das tödliche Schweigen von Jahrhunderten einbrächen. Über dem Talrand schimmerte zwischen den eklen Dünsten, die aus unsäglichen Katakomben zu dringen schienen, ein fahler, schwindender Halbmond, und bei seinen schwachen, zitternden Strahlen vermochte ich eine abstoßende Reihung antiker Steinplatten, Urnen, Ehrengräbern und Mausoleumsfassaden zu erkennen; alles auseinanderbröckelnd, moosbewachsen, stockfleckig und teilweise unter der fetten Üppigkeit der ungesunden Vegetation verborgen.  - H.P. Lovecraft, Die Aussage des Randolph Carter. In: Das unsichtbare Auge. Hg. Kalju Kirde. Frankfurt am Main 1979 (st 477, Phantastische Bibliothek 477)

Friedhof  (7)  Im Überrest der Totenstadt drängt sich das Volk, und sein Benehmen überrascht den Fremden, der die orientalischen Sitten noch nicht kennt. Der Muselmann fürchtet den Tod nicht. Er liebt den Schatten und die Kühle der Mausoleen. Aus dem, was wir im Westen ›Friedhof‹ nennen, haben die Orientalen einen öffentlichen Park gemacht, in welchem der Städter spaziert, ißt und schwatzt. Die Kinder machen dort das Hinkespiel, wobei sie kreischen wie die Vögel. Ganze Familien lassen sich da nieder. Man teilt die Schnitten der roten Wassermelonen, die in Rebenblätter gehüllten Pastetchen, und man findet es schön, im dichten Gras der Friedhöfe zu sitzen und den Rücken an die Grabsteine zu lehnen.

Von Zeit zu Zeit geht eine Frau vorbei. Sie ist geschminkt. Sie wirft einem einsamen Spaziergänger einen geheimen Blick zu, und die beiden entfernen sich miteinander zu irgendeinem Hain, in dem sich ein verfallenes Grab verbirgt. Für die Jünger des Propheten, denen der Himmel versprochen ist, breitet der Tod schützend seine Arme über die Lust der Liebe. - Maurice Sandoz, Der Friedhof von Skutari. In: M. S., Am Rande. Zürich 1967

Friedhof  (8)  Das um 300 abgehaltene Konzil von Elvira [i.e. das antike Illiberis bei Granada] untersagt es, am helllichten Tage auf den Friedhöfen Kerzen anzuzünden, aus Angst, die Geister der Heiligen in Unruhe zu versetzen.  - D. Calmet, Abhandlung über die Erscheinungen [1706; hier 1746],  nach (sot)

Friedhof  (9)  Das Bemerkenswerteste an dieser ehrwürdigen alten Kirche und, wie es mir schien, gleichzeitig das Barbarischste und das, was meine Gefühle der Ehrfurcht am meisten verletzte, mit denen ich dieses altehrwürdige Bauwerk betrachtete, war der Zustand des sie umgebenden Friedhofs. Da in seiner nächsten Nachbarschaft die Wohnungen der zahlreichen Dockarbeiter liegen, wird er in allen Richtungen von Fußwegen überquert und da die Grabsteine nicht aufrecht stehen, sondern flach liegen - und damit eine vollständige Pflasterung bilden -, laufen zahllose Menschen täglich über die Toten hinweg, und ihre Absätze treten die Totenköpfe und gekreuzten Knochen ab, die letzten Erinnerungen an die Verstorbenen. Mittags, wenn die mit dem Laden und Löschen der Schiffe beschäftigten Schauerleute sich für eine Stunde zurückziehen, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, machen viele ihre Pause auf dem Friedhof. Dann sitzen sie auf dem einen Grabstein und benutzen den nächsten als Tisch, öfters habe ich auf diesen Platten betrunkene Männer schlafen sehen und las einmal, als ich den Arm eines solchen Kerls wegschob, die folgende Inschrift, die eigentlich auf den Lebenden und nicht auf den Toten zutraf:

Hier ruhen die Gebeine
von TOBIAS TRINKER  

 - Herman Melville, Redburn. Seine erste Reise. In: H. M., Redburn. Israel Potter. Sämtliche Erzählungen. München 1967 (zuerst 1849)

Friedhof  (10)  Wir gehen über Hügel, die sich stark und wellig anheben. Wir gehen schon auf Gräbern.

Viele sind eingesunken, überwachsen, Steinplatten stehen unter dem Gras vor. Die letzte Beerdigung war vor 96 Jahren. An einer Stelle, wo der Hügel sich senkt, zeigt der naive fromme Mann mit dem Stock: hier haben sich vor langer Zeit zwölf fromme Juden selbst begraben, als man sie zur Taufe zwingen wollte. Überall das dichte hohe Gras, Buschwerk, das die Gräber verbirgt. Einzelne Grabsteine stehen für sich, die meisten in Gruppen. Vertiefungen haben einzelne Steine wie in Wilno: zum Aufnehmen der bittenden Zettel. Der Führer erzählt ernst, während er sich häufig mit der Hand schneuzt: «Hier liegen Männer, vor denen die ganze Welt gezittert hat.» Schöne, reichornamentierte Steine ragen hier, Tierbilder, Symbole. Er zeigt ein abseits stehendes Grab: «Da liegt ein Kohen. Täglich kommt ein Vögelein, wenn Sonne ist, und spielt da sein Lied. Verjagt man es, kommt es wieder.» Eine Gruppe von weisen Männern liegt zusammen, auch ein Reicher dazwischen: «Er hat ihnen gegeben zum Lernen.» 350 Jahre liegt der große «Marschall Lurja» von Lublin da; dem haben böse Hände sein Mal umgeworfen und beschmutzt. Die alten Bruchstücke liegen im Gras; ein neues Mal hat man ihm errichtet; das preist überschwenglich den Toten: er war eine Leuchte von Israel, hat viele Talmuderklärungen verfaßt, war ein Heiliger. Farbige Hirschornamente. Grabplatten wurden weggeschleppt, um an morastigen. Stellen Straßen zu decken. Auf einer sehr schönen Platte wird ein Schrank mit Büchern geöffnet, sehr plastisch in Stein gehauen: hier liegt eine kluge Frau. Ein Rebbe Abrom Kasche war sehr heilig. Als er starb und zum Grab getragen wurde, rief man ihm an einer Wegstelle etwas Beleidigendes zu. Da richtete sich der Tote hoch, bat, man möchte ihm warmes Wasser zum Hände-waschen geben. Man gab ihm; er spritzte nach dem Haus, aus dem man gerufen hatte, und es ging in Stücke. Wir nähern uns einem hochgelegenen Einzelgrab. Aber der Führer hält uns zurück, legt seinen Stock auf die Erde: «Vier Ellen muß man entfernt bleiben, lautet die Vorschrift.» Es ist der Rebbe Jakob Pollak, der hier 450 Jahre liegt. In einer Masse von Gräbern ruht der jüdische Eintagskönig von Polen: eine Krone gemeißelt in den Stein, eine nackte Menschenfigur, die einen Pfeil abschießt. Ich stehe'vor einem neuen Trümmerhaufen: «Hier versammelt sich ein Rebbe mit seinen zehn Schülern.» Zwei Platten berühren sich; sie sind sehr schön: eine Mutter und ihre Tochter; einen Adler hat die Tochter; bei der Mutter sitzen zwei kleine Vögel. Ein Grabmal begrüßt der Wächter mit besonderer Feierlichkeit; das ist ein Heiliger, der auf 400 Meilen alles sah. Er sah aber schließlich so viel Schmutz. Da bat er Gott, ihn nur zehn Meilen sehen zu lassen. Und es geschah; Horwitz war sein Name; vor über hundert Jahren starb er. Dann liegt da ein Mann, der hieß «Eiserner Kopf». Warum? Wenn er in einen Baum blickte, so konnte er genau sagen, wieviel Blätter daran hingen. Ein Grabmal hat doppelseitige Inschriften: die vordere ist bunt gemalt, die hintere sieht wie hebräische Spiegelschrift aus. Das Denkmal hatte im Beginn nur eine Inschrift, die vordere, bunte. Aber einmal, in einer Nacht, sind von selbst aus dem Stein die anderen Buchstaben hervorgekommen. Von selbst sind sie über Nacht hervorgekommen.  - Alfred Döblin, Reise in Polen. München 1987 (zuerst 1925)

Friedhof  (11)    Allen Pächtern statteten wir Besuche ab, und überall bekamen wir Süßwein und Plätzchen. Der Wein versetzte uns in eine so euphorische Stimmung und machte uns so viel Mut, daß wir uns auf den Friedhof wagten. Zum ersten Mal betrat ich einen Friedhof ohne Furcht und Zittern, Ich entsinne mich, daß Luis sich auf den Obduktionstisch legte und befahl, wir sollten ihm die Eingeweide herausnehmen. Ich entsinne mich ebenfalls, daß wir mit vereinten Kräften einer meiner Schwestern halfen, ihren Kopf aus einem Loch zu ziehen, das im Laufe der Zeit in einer Grabplatte entstanden war. Der Kopf war so fest eingeklemmt, daß Luis mit den Nägeln den Mörtel wegkratzen mußte, ehe wir sie herausziehen konnten.

Nach dem Krieg bin ich noch einmal auf den Friedhof gegangen, der Erinnerungen wegen. Er kam mir viel kleiner und älter vor. Sehr beeindruckt hat mich ein kleiner weißer, zerfallener Sarg mit den Überresten einer Kindermumie auf dem Boden. Da, wo der Bauch gewesen sein muß, wuchs ein Busch scharlachroten Mohns.   - Conchita Buñuel, nach: Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer. Berlin, Wien, Frankfurt am Main 1985

Friedhof  (12)

Großstadtfriedhof

Hinter den offenen Gittern zwischen den Mauern
ist schwarz die Erde, ohne Bäume und Gras,
mit hölzernen Bänken, auf die sich am Abend
ein paar wortlose Alte setzen. Ringsum
stehen Häuser, Läden sind in der Nähe,
Straßen auf denen Kinder spielen, und die Züge
fahren an den Gräbern vorbei. Es ist ein ärmliches Viertel.

Wie Flickwerk an den grauen Fassaden hängen
in den Fenstern Lumpen, durchnäßt vorn Regen.
Längst sind verwaschen die Inschriften
auf den Steinen der zweihundert jährigen Toten,
ohne Freunde, die sie vergäßen, die geheimen
Toten. Wenn aber die Sonne an manchen Tagen, gen Juni zu,
scheint, müssen die alten Gebeine in der Tiefe es spüren.

Weder Blatt noch Vogel. Stein und sonst nichts. Erde.
Ist so die Hölle? Hier ist Schmerz, kein Vergessen,
Elend und Lärm, lange Kälte, und keine Hoffnung.
Hier hat der Tod keinen lautlosen Schlaf.
Immer rührt sich und rührt sich das Leben
zwischen den Gräbern hier, wie eine Dirne
setzt es sein Geschäft fort unter der unbeweglichen Nacht.

Wenn der Schatten fällt vom bewölkten Himmel
und der Rauch der Fabriken sich niederläßt
als grauer Staub, tritt Stimmengewirr aus der Kneipe,
und der Zug, der vorüberfährt, ruft
weite Echos hervor wie eine zornige Glocke.

Es ist nicht das Gericht, ihr Namenlosen, ihr Toten.
Schlaft gelassen, schlaft, wenn ihr könnt.
Auch Gott wird euch am Ende vergessen.

- Luis Cernuda, nach (mus)

Friedhof  (13) Der Friedhof zeichnete sich fern wie ein dunkler Streifen ab, als wäre es ein Wald oder ein großer Park. Die Mauer aus weißem Stein trat hervor, das Tor zeigte sich ... Beim Mondschein konnte man die Inschrift über dem Tor lesen: »Die Stunde wird kommen, in welcher ...«Starzew trat durch das Pförtchen, und das erste, was ihm ins Auge fiel, waren die weißen Kreuze und Monumente auf beiden Seiten der breiten Allee und die schwarzen Schatten, die sie und die Pappeln warfen; und weithin war nur Schwarzes und Weißes im Umkreis zu sehen, die schlafenden Bäume neigten ihre Zweige über Weißem. Es machte den Eindruck, daß es hier heller sei als im Felde; die Ahornblätter, die Tatzen glichen, hoben sich deutlich vom gelben Sand der Alleen und von den Marmortafeln ab, und die Inschriften auf den Monumenten waren klar zu lesen. Zunächst einmal nahm Starzew all das gefangen, was er zum erstenmal in seinem Leben sah und was er wahrscheinlich nie wieder zu sehen bekommen würde: eine Welt, die mit nichts anderem verglichen werden konnte, eine Welt, in der das Mondlicht so gut und weich war, als wenn hier seine Wiege läge, in der es kein Leben gab, absolut keines, und doch spürte man in jeder dunklen Pappel, über jedem Grabe die Gegenwart eines Geheimnisses, das ein leises, schönes und ewiges Leben verhieß. Von den Grabsteinen und den welkenden Blumen wehten mit dem Herbstduft der Blätter Verzeihung, Trauer und Ruhe.

Ringsum herrschte Schweigen; in tiefer Demut blickten die Sterne vom Himmel, und Starzews Schritte hallten abrupt und nicht dazugehörig. Und erst als die Kirchenuhr schlug und er sich schon bald selber wie ein Toter, hier auf ewig verscharrt, vorkam, war ihm, daß jemand ihn anschaue, und eine Minute lang überlegte er, daß dies hier keine Ruhe und Stille sei, sondern der dumpfe Schmerz des Nichtseins und der unterdrückten Verzweiflung ...   - Anton Tschechow, Jonytsch. Nach (tsch)

 Begräbnis

 

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