quarium   Heidelandschaften mit urzeitlichen Riesengrabsteinen, die von zähflüssigem Schmuck überzogen sind, Arenen mit basaltenen Treppen, wo Krebse in dumpfer und tappiger Wohllaune nach dem Abendessen sich zu Paaren verhäkeln, kleinäugige Spaßmacher, die zwicken können, ohne das Gesicht zu verziehen . . .

Ebenen, Ebenen von feinem Sand, so fein, daß er manchmal aufgewirbelt wird vom Wind des Schwanzschlages einer Scholle, die aus der Ferne herannaht, ein flatterndes Flammenbanner der Freiheit, dann ein schneller Blick, der vorübergeht und uns verläßt und fortgeht, mit großen Augen, hier und da ganz nah über dem Sand, und das ist auch schon ihr gesamter Zeitungsstoff für den Tag. Und die Verlassenheit von Steppen, auf denen nur ein einziger vom Blitz getroffener und verknöcherter Baum sich breit macht, den schwingende Trauben von Seepferdchen besiedeln . . .

Und, überspannt von natürlichen Brücken, bemooste Engpässe, wo hingelümmelt die schieferblauen Schabracken der rattenschwänzigen Molukkenkrebse wiederkäuen, einige sind umgekippt und schlagen um sich, aber zweifellos tun sie es so ganz aus sich selbst, um sich übers Ohr zu hauen . . .

Und unter einem Wirrwarr von verfallenen Triumphbögen, Meernadeln, die fortlaufen wie tändelnde Bänder; und struppiger Nukleen ziellose Wanderungen, büschelige Wimpernhärchen um den Mutterkern herum, der sich so befächert in der Öde langer Reisen . . . Und Felder von Schwämmen, von Schwämmen aus Trümmern von Lungenflügeln; Trüffelkulturen von orangefarbenem Samt; und ein ganzer Friedhof von perlmutternen Weichtieren; und dann die Spargelanpflanzungen, die eingemacht und aufgetrieben sind im Alkohol des Schweigens . . .

Und, soweit das Auge reicht, Wiesenflächen, Wiesenflächen, übersät mit weißen Seerosen, Zwiebeln von der richtigen Fettleibigkeit, Knollen mit violetter Schleimhaut, Fetzen von Eingeweiden, die sich hierher verloren haben, und, man sollte es nicht glauben, nun eine neue Existenz aufbauen, Stümpfen, die mit ihren Stielaugen zu den Korallen gegenüber blinzeln, tausend Warzen ohne jedes Ziel; eine ganze klösterliche, flimmernde Fetusflora, die den ewigen Traum in Bewegung hält, sich eines Tages wechselseitige Glückwünsche über diesen Zustand der Dinge zuflüstern zu können . . .

Oh! dann ist dort noch die hochgelegene Fläche, wo, wie ein Schröpfkopf angesaugt, eine Krake Schildwacht hält, der fette und kahle Minotaurus einer ganzen Region!  - Aus: Jules Laforgue, Hamlet oder Die Folgen der Sohnestreue und andere legendenhafte Moralitäten. Frankfurt am Main 1981 (BS 733, zuerst 1887)

Aquarium (2)

Aquarium (3)  Nach fünf Minuten ging der Zores los: Unablässig kamen Lastwagen und Autos und Camper vorbei, hielten weiß Gott weshalb einen Augenblick neben Fafnir an. richteten ihre Scheinwerfer mitten in unser Halbdunkel und starteten dann mit fürchterlichem Röhren und Krachen wieder, um auf die Autobahn zurückzukehren. Dies alles hätte, objektiv gesehen, infernalisch sein müssen und war es irgendwie auch, aber zugleich waren die Vorzeichen umgekehrt und die mechanische Behelligung, die Lichtgarben und die Belästigung durch die fahrenden oder bereits geparkten LKWs wurden für die Feste der Nacht immer vorteilhafter, für die Nacht auf dem Rastplatz, für das, was wir nach und nach entdeckt hatten und was sich jetzt endlich mit uns selbst im Mittelpunkt entlud, nackt in diesem changierenden Aquarium, in der außerirdischen, weil unglaublichen und absurden Kapsel, staunende Piloten eines Ufos, das gerade zwischen den Lastwagen gelandet ist und dieses Spiel beginnt, von dem diejenigen nichts ahnen konnten, die uns mit ihren Lichtern geißelten und uns zum Mittelpunkt eines Hexensabbats von Motorenlärm und Feuerschein machten.

In diesem Zustand der Schwerelosigkeit, in dieser schillernden Blase, in der sich unablässig das Licht und die Geräusche änderten, wußten wir plötzlich, daß diese Nacht die Nacht unseres Festes war, daß wir nach so vielen Tagen des Vormarsches und der Erkundungen von einer der vergänglichen Städte aufgenommen worden waren, daß uns die Fernfahrer, ebenfalls ohne es zu wissen, in einer Zeremonie der Initiation und der Anerkennung umringten, uns die unsichtbaren Schlüssel der Geisterstadt in die Hände legten und daß im Morgengrauen der Ort menschenleer und grau sein würde, daß Fafmr wie Aschenputtel auf einem leeren, teilnahmslosen Betonparkplatz erwachen würde. Wir erlebten das Wunder, daß so viel an sich so Gräßliches unsretwegen und für uns zum Wunder wurde, wir akzeptierten in einer langsamen, köstlichen und endlosen Zeremonie alles, was wir in unserem Leben in dauerhaften, versteinerten Städten immer abgelehnt hatten. Beduinen im Zeltlager einer Nacht, Mutanten für ein paar Stunden, in denen wir uns liebten wie in einem Kaleidoskop, proteisch und flüchtig, mit phosphoreszierenden Sternen übersät oder in schnelle Schattengarben gehüllt, in Gruben der Stille versunken, wo unser Raunen wie eine weitere Zärtlichkeit war, bis uns der kreischende Peitschenhieb einer Vollbremsung traf wie das Echo von vorsintflutlichen Schrecknissen, von Megatherien, die die Farne der Zeit zertrampeln.  - Julio Cortázar, Carol Dunlop: Die Autonauten auf der Kosmobahn. Frankfurt am Main 2014 (BS 2481, zuerst 1983)

Aquarium (4)  Alle Dinge in jenem Saal hatten ein unwahrscheinliches Aussehen, eine phantastische Bedeutung angenommen: Die Stimme, hatte nicht mehr menschliche Töne; das aus verschiedenen Quellen und vielfältigen entgegengesetzten Reflexen erzeugte Licht zeigte fließende, durchsichtige Schwingungen, wie das Licht in Aquarien: die gerade Linie wird gebrochen; in die Festigkeit der Dinge tritt ein unbestimmtes Fluten, ein vages Zittern, das den unbeweglichen Gegenständen einen lebenden Atem einflößt; und all jene Menschen mit den kraftlosen und langsamen Bewegungen, die umsanken, hinstürzten, sich an der Erde wanden zwischen vielfarbigen Kissen, mit gelösten Haaren, in feuchter Nacktheit, inmitten zerbrochener Gläser, waren gleichsam die Fauna des Aquariums, bei der die umgebende Flüssigkeit jede Bewegung abschwächt, mildert und jeden Rhythmus verlangsamt.

Der grünliche und von vergossenen Getränken feuchte Teppich war wie ein schlammiger Meeresgrund, auf dem die Kissen die Muscheln bildeten, und die gelösten Frauenhaare glichen faserigen Büscheln von Haarmoos oder fabelhaften Pflanzen unterweltlicher Landschaften.

Und die Musik tönte weiter, aufgeregt und aufreizend - eine heißblütige Zigeunerweise -, von einem blinden Geiger geschaffen, der nicht gewahr wurde, daß er vor einem Publikum von Leichen spielte. Niemand sprach mehr. Dann und wann ein unheimliches Geräusch: das Aufschlagen eines Messers auf einen anatomischen Marmor; irgendeine klagende, kaum vernehmbare Stimme: Rang jemand mit dem Tode? Die Felle, die als Portiere dienten, bewegten sich, wer weiß, welche drohenden Geheimnisse verbergend; der leichte Fußboden, der den Saal von dem darunterliegenden Raum trennte, schien von einem langsamen Atem bewegt zu werden und rhythmisiert von tiefen Tönen, die ihn herunterdrückten, und hohen Tönen, die ihn hoben. Wenn in jenem Augenblick aus irgendeinem zufälligen Grund das Licht erloschen wäre, so wären alle diese Menschen wahnsinnig geworden, und beim Wiedereinsetzen des Lichtes würden die großen Spiegel vielleicht von Blutspritzern gerötet gewesen sein.   - Pitigrilli, Kokain. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12225, zuerst 1922)

Aquarium (5) Im runden Salon ist der Boden ein Aquarium. In unsichtbaren Glasgehäusen sind unter Wasser elektrische Birnen angebracht (die einzige Beleuchtung dieses fensterlosen Raums). Ich kann nur mit Ekel an dieses Gemach denken. Bei meiner Ankunft starrte es von toten Fischen zu Hunderten; sie herauszuholen war eine schaudervolle Betätigung; ich habe das Wasser tagelang laufen lassen, aber noch immer schlägt mir dort der Geruch von verwestem Fisch entgegen (und weckt in mir die Erinnerung an die Küstenbänke meiner Heimat mit der Unmasse angeschwemmter Fische, lebender und toter, die, von der Flut ausgeworfen, weithin die Luft verpesteten, während die abgestumpften Bewohner sie an Ort und Stelle verscharrten). Mit dem erleuchteten Fußboden und den schwarzlackierten Säulen, die ihn ringsum einfassen, vermittelt dieser Raum das Gefühl, als wandle man wie durch Zauber über den Spiegel eines Waldweihers dahin.  - Adolfo Bioy Casares, Morels Erfindung. München 1965 (zuerst 1940)
 

 

Käfig Wasser

 

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