Sand   Warum ging der Fremde nicht? Hatte er noch nicht genug? Warum hatte er die seit Jahrtausenden schlafenden Zaubersprüche zum Leben erwecken wollen?

Doch Graf Mandranico verschwand bereits, das steife Bein nachschleppend, hangaufwärts. Gleichzeitig bemerkte Leclerc, daß die Wüste rings um ihn in Bewegung geraten war. Kleine Erdrutsche glitten geräuschlos wie vorsichtige Tiere hinunter. Sie bewegten sich konzentrisch durch die Einschnitte, die Kanäle, die Risse von Terrasse zu Terrasse bergab, hielten an, drangen weiter vor, immer auf die ausgegrabene Grabstele zu. Dabei regte sich kein Lüftchen. Das Geräusch des Automotors wirkte einen Augenblick wie eine beruhigende Rückkehr zur Realität. Man verabschiedete und bedankte sich kurz. Der verärgerte Graf hatte es eilig. Er fragte nicht, warum die Fellachen brüllten, er beachtete nicht den Sand, bemerkte nicht, daß Leclerc blaß war. Der Wagen verließ die Einfriedung und verschwand zwischen Staubwölkchen.

Sobald Leclerc allein war, überblickte er sein Reich. Von geheimnisvollen Kräften getrieben, glitt der Sand weiterhin bergab. Die Fellachen verließen das Gebäude in wilder Flucht und verschwanden auf beinahe unerklärliche Weise. Der weißgekleidete Assistent rannte hin und her, schrie sie wütend an, versuchte vergeblich, sie zurückzuhalten. Dann schwieg auch er.

Jetzt hörte man die Stimme der vorrückenden Wüste: den leisen Chor Tausender rieselnder Sandkörnchen. Schon hatte eine kleine Sandzunge, die sich über einen Hang hinunterschob, das Piedestal der ersten Säule erreicht, und kurz darauf war der gesamte Hof von Sand bedeckt.   - Dino Buzzati, Die Maschine des Aldo Christofari. Frankfurt am Main 1985

 

Stein Wüste

 

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