raken  Leviathan is not the biggest fish; - I have heard of Krakens. - Herman Melville

Kraken (2)   Unter dem Donner der Oberfläche, in den Tiefen des abgründigen Meeres schläft der Kraken seinen uralten, traumlosen, ungestörten Schlaf. Bleiche Reflexe bewegen sich rund um seine dunkle Gestalt; riesige Schwämme, von tausendjährigem Wachstum, blähen sich auf seinem Rücken, und in den von bleichem Licht durchschimmerten Tiefen kommen unzählige große Polypen aus geheimen Winkeln und wundersamen Grotten hervor und versetzen mit riesenhaften Armen die grünliche Stille in Aufruhr. Seit Jahrhunderten ruht er dort, und er wird weiter ruhen — wobei er sich im Schlafe von gigantischen Meerwürmern nährt —, bis das Feuer des Jüngsten Gerichts den Abgrund erwärmt. Dann wird er brüllend heraufkommen, ein einziges Mal vor den Augen der Menschen und der Engel erscheinen, um an der Wasseroberfläche zu sterben. - Alfred Tennyson, nach (bo)
 

Unter dem Donner hoher Meeresflut
Zuunterst in bodenloser Tiefe
In uralt traumlos ungebrochener Ruh
Schläft, schläft der Krake. Schattenlichter spielen
Um seine dunklen Flanken; über ihm
Schwillt tausendjähriger Wust von Riesenschwämmen;
Und aus der Ferne in den blassen Dämmer,
Aus Wundergrotten und Verliesen schwingt
Unzählige Schar gewaltiger Polypen
Schläfrigen Tang in ihren mächtigen Händen.
Hier liegt er seit Äonen, wird er liegen,
Wird schlafend schlingen riesiges Seegewürm,
Bis einst der letzte Brand den Abgrund wärmt;
Dann steigt er, unter Mensch- und Engelsblicken,
Brüllend hinauf, um droben zu verenden.

- Übersetzung von Werner von Koppenfels

Kraken (3)  Unterdessen kann man sicher sein, daß man mich in Paris trifft, und ohne daß mehr als drei Tage vergehen, mich am späten Nachmittag am Boulevard Bonne-Nouvelle zwischen der Druckerei des Matin und dem Boulevard de Strasbourg auf- und abgehen sieht. Ich weiß in der Tat nicht, warum mich meine Schritte dorthin tragen, warum ich mich fast immer ohne ein Ziel dorthin begebe, ohne irgend etwas Zwingendes, es sei denn ein dunkles Etwas, ein dunkles Wissen, daß dort das (?) geschehen wird. Ich sehe kaum, was auf dieser schnell durchlaufenen Strecke, selbst ohne mein Wissen, einen Anziehungspunkt bilden könnte, weder im Raum noch in der Zeit. Nein: nicht einmal die sehr schöne und sehr unnütze Porte Saint-Denis. Nicht einmal die Erinnerung an die achte und letzte Episode eines Films, den ich dort ganz in der Nähe gesehen habe, in der ein Chinese, nachdem er ich weiß nicht welches Mittel gefunden hatte, sich zu vervielfachen, ganz allein, in einigen Millionen Exemplaren seiner selbst New York überschwemmt. Was ihm nachfolgte, war er selbst und wieder er und wieder er, und so trat er in das Büro des Präsidenten Wilson, der seinen Kneifer abnahm. Dieser Film hat mich am stärksten beeindruckt; er hieß: Die Umarmung des Kraken. - André Breton, Nadja. Frankfurt am Main 1984 (BS 406, zuerst 1928)

Kraken (4)  

 Der Kraken

- Tomi Ungerer's Kompromisse. Zürich 1982 (kunst-detebe 26070, zuerst 1970)

Kraken (5)  

Kraken (6)  Gebannt starrten wir auf die wundersamste Erscheinung, die der geheime Urgrund des Meeres jemals dem Blick des Menschen preisgegeben hat. Eine ungeheure, schwammige Masse von sahnig schimmernder Färbung, Hunderte von Metern lang und breit, lag auf dem Wasserspiegel, mit zahllosen langen Fangarmen, die von der Mitte ausgingen und sich wie ein Knäuel von Riesenschlangen krümmten und wanden, als suchten sie blindlings alles zu umgarnen, was in ihren unseligen Bereich geriete. Von einem Gesicht war nichts zu bemerken, überhaupt kein Vorn und Hinten, keinerlei Anzeichen irgendwelcher noch so triebhafter Sinne; nichts als eine auf den Dünungshügeln wogende, willkürliche und gestaltlose Zusammenballung unheimlichen Lebens.

Mit einem saugenden Geräusch sackte  das Untier  langsam wieder weg.   - (mob)

Kraken (7)  »Ah... Biest du!«

Er warf die Harpune, und als er sie hob, sah ich, um die Zinken der Gabel gewickelt und an dem Holzschaft klebend, etwas wie einen langen Fetzen roten Fleisches, das pulsierte, sich krümmte, lange und weiche und starke Riemen voller Saugnäpfe rund um den Stiel des Dreizacks ein- und entrollte. Es war ein Krake.

Trémoulin hielt mir die Beute hin, und ich erkannte die beiden dicken Augen des Monsters, die mich anstierten, trübe und schreckliche Augen, hervorquellend aus einer Art Tasche wie eine Geschwulst. Sich frei wähnend, streckte das Tier langsam eines seiner Gliedmaßen, dessen weiße Saugnäpfe ich auf mich zukriechen sah. Die Spitze war fein wie ein Draht, und kaum hatte sich dies gefräßige Bein an die Bank geklammert, erhob sich ein zweites und entfaltete sich, diesem zu folgen. In dem weichen Muskelkörper, diesem lebendigen Schröpfkopf, rötlich und schlaff, steckte eine unglaubliche Kraft. Tremoulin hatte sein Messer geöffnet und stieß es dem Tier jäh zwischen die Augen.

Man hörte ein Seufzen, ein Geräusch von entweichender Luft, und der Krake hörte auf zu kriechen.

Noch war die Bestie nicht tot, denn diese nervösen Körper sind zäh, aber ihre Lebenskraft war gebrochen, ihre Pumpe geplatzt, sie konnte keiner Krabbe mehr das Blut aussaugen und den Panzer ausleeren.

Trémoulin löste jetzt, als denke er mit der Sterbenden zu spielen, die ohnmächtigen Saugarme von der Bordwand und schrie plötzlich, von seltsamem Zorn gepackt: »Warte, dir heiz ich die Füße.«

Mit dem Dreizack zustechend, packte und hob er den Kraken von neuem, schwenkte ihn hin und her über der Flamme, daß die feinen Spitzen seiner fleischigen Glieder über die von der Glut geröteten Eisenstäbe schleiften.

Sie zerplatzten, sich windend, vom Feuer gerötet und verkürzt; und das Leiden der widerwärtigen Bestie schmerzte mich bis in die Fingerspitzen.

»Oh! tu das nicht«, schrie ich.

Er antwortete kaltblütig: »Bah! die verdient nichts Besseres.«

Dann warf er den geborstenen und verstümmelten Kraken ins Schiff, der an meinen Beinen entlang sich bis zu der brackigen Wasserlache schleppte, sich zwischen den toten Fischen verkroch, um zu sterben. - (nov)

Kraken (8)    Im Jahre 1861, wenige Wochen vor Weihnachten, landete die französische Korvette Alecton und brachte einen ungewöhnlichen Bericht. Sie hatte sich am 30. November etwa 120 Meilen nordöstlich von Teneriffa befunden, in ruhiger See und unter klarem Himmel; die Luft war ungewöhnlich warm, als der Mann auf dem Ausguck aussang, da sei ein grosser Körper, teils untergetaucht, teils auf der Oberfläche treibend.

Der Kommandant der Korvette befahl, näher an das vermeintliche, halb versunkene Wrack heranzugehen und es zu untersueben. Es stellte sich als ein riesiger Tintenfisch heraus. Der leuchtend ziegelrote Körper war etwa sechs Meter lang, die Fangarme weitere sechs Meter oder mehr. Die Augen, die kohlschwarz waren und einen kalten, glasigen Ausdruck hatten, massen 25 bis 30 Zentimeter im Durchmesser.

Da die Alceton ein Kriegsschiff war, besass sie genügend Bewaffnung. Vollgeschosse wurden auf und durch das Tier gefeuert, das fraglos lebendig war, wenn es auch bewegungslos dahintrieb. Harpunen wurden nach ihm geschleudert. Schiff und Krake lagen nahezu längsseits (darum waren die Schätzungen der Ausmasse so genau, dass kein Irrtum mehr vorliegen konnte). Offensichtlich gab es keine Möglichkeit, das Tier zu verwunden, die Kanonenkugeln fuhren hindurch, ohne eine besondere Reaktion zu erzielen; die Harpunen fanden keinen Halt in dem gallertigen Fleisch.

Das Ungeheuer schien sich durch den heftigen Angriff nicht einmal besonders belästigt zu fühlen. Drei- oder viermal verschwand der Riesen-Tintenfisch unter der Wasseroberfläche, aber nach Pausen von nicht mehr als fünf Minuten tauchte er jedesmal wieder auf. Nach mehreren Stunden intensiver «Seekriegführung» traf eine der Kanonenkugeln eine offenbar lebenswichtige Stelle, das Ungeheuer spie grosse Mengen eines schmutzigen Sekrets und halb verdauter Nahrung aus, wobei es einen starken, beinahe lähmenden Gestank ausströmte, der wegen der grossen Hitze des Tages fast unerträglich war.

Nun gelang es einem der Männer, dem Tintenfisch eine Seilschlinge überzuwerfen. Sie glitt den Körper entlang, aber fing sich dann in den grossen Flossen am Hinterende. Mit bewundernswerter Tapferkeit versuchten die Männer, das immer noch lebende Untier an Bord zu hieven, aber dessen Fleisch war so weich und sein Gewicht so gross, dass das Seil das Schwanzende des Kraken glatt abtrennte. Dieses Stück konnte geborgen werden, während der grössere Teil des Tieres für immer verschwand. Aber auch das gerettete Stück war schon bald so «angegangen», dass es über Bord geworfen werden musste. - Nach: Colin Clair, Unnatürliche Geschichten. Ein Bestiarium, Zürich 1969 (zuerst 1967)

Kraken (9)  

Die Sauger

- Alfred Kubin, Die Sauger

Kraken (10)  Auf der Suche nach Nahrung verließ der Octopus sein eigenes Aquarium, „wanderte“ über den Fußboden bis zum Nachbarbehälter und tat sich an den darin befindlichen Krabben gütlich. - WWW

Kraken (11)  

Kraken (12)  

Kraken (13, hypnotisierter)

Kraken (13, japanischer)  Wenn er hungrig ist, frißt er seine eigenen Arme: Deshalb stößt man zuweilen auf Kraken, die nur noch fünf oder sechs Arme haben. Insbesondere in Japan glaubt man, der Krake bestehe aus Schlangen, die ins Meer getaucht und dort gleichsam verschmolzen seien. Er läuft, indem er sich aufrecht auf seine acht Füße stützt.

Noch heute bringen Gläubige Votivbilder, auf denen Kraken dargestellt sind, in die Tempel Yakushijis, des Heilbuddhas, um ihm für das Abheilen ihrer Warzen zu danken (diese werden zweifellos mit den Saugnäpfen des Tieres in Verbindung gebracht). Im allgemeinen wirkt der Krake merkwürdig vermenschlicht: Man stellt ihn mit den Zügen einer heiteren, ja lustigen, vertrauten, sogar neckischen Person dar, die quer über die Stirn ein am Hinterkopf verknotetes Taschentuch trägt, wie es Sitte der kleinen Leute ist. Er fächelt sich mit einem Fächer Luft zu oder hat, mehr aus Koketterie denn aus Notwendigkeit, einen Schirm über sich aufgespannt. Er wiegt sich anmutig auf seinen Tentakeln. Nicht selten dient er als Aushängeschild für Bars oder Restaurants. Er hält dann, sitzend oder stehend, in einem seiner Arme eine Flasche Sake, in einem andern einen Fisch. Man verbindet mit ihm Vorstellungen der Fröhlichkeit und Trunkenheit.  - (krak)

Kraken (14, luftgetrocknet)  

"Kraken Ghosts from the Sea"

- Herbert List

Kraken (15)   Die Umwelt des Zimmers verwandelt sich in phosphoreszierende Wellen, die von den Füßen her auch durch meinen Köprer laufen. Die Haut - und vor allem die Zehen - sind wie elektrisch geladen; eine noch ständig wachsende Erregung hindert jeden klaren Gedanken . . .

Mir fehlen die Worte zur Beschreibung meines gegenwärtigen Zustandes. Es ist, als würde ein „Anderer", ganz Fremder, Stück für Stück von mir Besitz ergreifen. Habe größte Mühe zu schreiben („gehemmt" oder „enthemmt"? — ich weiß es nicht!)

Dieser unheimliche Prozeß einer fortschreitenden Selbstentfremdung erweckte in mir das Gefühl der Ohnmacht, des hilflosen Ausgeliefertseins. Gegen 10.30 sah ich bei geschlossenen Augen zahllose, sich verschlingende Fäden auf rotem Grund. Ein bleischwerer Himmel schien auf allen Dingen zu lasten; ich selbst fühlte mein Ich in sich zusammengepreßt und kam mir vor wie ein verschrumpelter Zwerg . . . Kurz vor 13 Uhr entfloh ich der immer bedrückenderen Atmosphäre unserer Atelier-Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig nur hinderten, im Rausch richtig aufzugehen. Ich setzte mich in ein leeres, kleines Zimmer, auf den Fußboden mit dem Rücken zur Wand und sah durch das einzige Fenster an der Schmalfront mir gegenüber ein Stück grauweiß bewölkten Himmels. Dieses, wie überhaupt die ganze Umwelt, erschien mir in diesem Augenblick trostlos normal. Ich war niedergeschlagen und kam mir selbst so häßlich und hassens-wert vor, daß ich es nicht gewagt hätte (und an diesem Tag auch tatsächlich mehrmals krampfhaft vermieden habe), in einen Spiegel oder in das Gesicht eines anderen Menschen zu blicken.

Ich wünschte sehr, dieser Rausch wäre endlich vorüber; aber er hatte meinen Körper noch ganz in seiner Gewalt. Ich glaubte tief innen seine zäh lastende Schwere zu spüren, und wie er mit hundert Polypenarmen meine Glieder umspannt hielt — ja, ich erlebte tatsächlich diese in einem geheimnisvollen Rhythmus elektrisierenden Berührungen wie die eines realen, zwar unsichtbaren, aber unheimlich allgegenwärtigen Wesens, das ich mit lauter Stimme anredete, beschimpfte, bat und herausforderte zu offenem Kampf... 'Es ist nur die Projektion des Bösen in dir selbst', versicherte mir eine andere Stimme, 'es ist dein Seelenungeheuer'!

Diese Erkenntnis war wie ein Schwertblitz. Sie durchfuhr mich mit erlösender Schärfe. Die Polypenarme fielen von mir ab — wie durchschnitten — und gleichzeitig funkelte das bisher so stumpfe und dumpfe Grauweiß des Himmels hinter dem offenen Fenster plötzlich wie sonnenbeschienenes Wasser. Als ich so gebannt darauf hinstarrte, wurde es (für mich!) zu wirklichem Wasser: eine unterirdische Quelle, fiel mir ein, die da mit einem Mal geborsten war, und die nun aufsprudelte, mir entgegen, zu einem Strom, einem See, einem Meer werden wollte, mit Millionen und Abermillionen von Tropfen — und auf allen diesen Tropfen, auf jedem einzelnen von ihnen, tanzte das Licht ... Als Zimmer, Fenster und Himmel in mein Bewußtsein zurückkehrten, war zwar der Rausch nicht zu Ende — noch nicht —, aber seine Nachhut, die während der folgenden zwei Stunden an mir vorüberzog, glich sehr dem Regenbogen, der dem Gewitter folgt. - Rudolf Gelpke (1962), nach: Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind (1979)

Kraken (16)  

- Alfred Kubin

Kraken (17)  

Kraken (18)  Aus diesem Stumpfsinn riß mich eine allzu menschliche Stimme heraus.

Die Stimme Madame Edwardas, sie war, wie ihr graziler Körper, obszön:

~ Willst du meine Falle sehen? fragte sie.

Beide Hände an den Tisch geklammert, drehte ich mich zu ihr herum. Sitzend hielt sie das eine abgespreizte Bein hoch: um die Spalte besser offnen zu können, zog sie die Haut mit beiden Händen auseinander. So schaute mich Edwardas ‹Falle› an, behaart und rosa, voller Leben wie ein abstoßender Krake.

Leise stotterte ich:

- Warum tust du das ?

- Siehst du, sagte sie, ich bin GOTT . ..

~ Ich bin wahnsinnig . . .

~~ Nein, nein, du mußt hersehen: sieh her!

Ihre rauhe Stimme wurde sanft, sie wurde fast kindlich, um mir matt und mit dem Lächeln grenzenloser Hingabe zu sagen: «Ich habe es sehr genossen!»

Aber sie hatte ihre aufreizende Haltung nicht aufgegeben. Sie befahl:

- Küsse es!

- Aber . . . protestierte ich, vor den Leuten?

- Natürlich!

Ich zitterte: ich sah sie an. Sie blieb unbewegt und lächelte mir so sanft zu, daß ich zitterte. Schließlich kniete ich nieder, ich schwankte, und ich legte meine Lippen auf die lebendige Wunde. Ihr nackter Schenkel liebkoste mein Ohr: mir war, als hörte ich das Rauschen einer Meereswoge, das gleiche Geräusch, das man vernimmt, wenn man das Ohr an eine große Muschel legt. - (bat)

Fabeltiere Kopffüßer Meeresungeheuer
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