Weiblichkeit, holde   Oh, diese Nächte, mein Freund! Alle kamen sie, von mir gerufen. Eva, die Mutter der Menschheit, in Jugendschöne, die schlanken Glieder mit seidenweichem Flaum bedeckt, ein Kinderlächeln um den unschuldigen Mund. Astarte, die dunkelbraune Göttin mit den glühenden Augen, im Goldgewand und schwerem, kühlem Schmuck. Selene, blaß und süß in blau-silberner Tunika, Roxane mit dem Duft nach Ambra und gelben Rosen. Mit der blonden Poppäa wandelte ich durch schimmernde Säulengänge. Ihr violetter Mantel raschelte leise, und ich küßte ihr weißes Gesicht. Diana, geschmeidig und sonnverbrannt, erwartete mich unter den Korkeichen der Pyrenäen, und mit der silberbehelmten Semiramis stand ich in der betäubenden Blütenpracht ihrer Gärten. Undine umschlang mich mit dünnen Mädchenarmen und schüttelte lachend blitzende Tropfen aus den grünen Haaren. Zum dumpfen Dröhnen der Handpauken, bei gellendem Pfeifenklang und Harfenrauschen tanzte Salome jenen Tanz, der einst Herodes berückte; ihre dunkelgrünen Schleier waren mit dem Blut des Täufers besprengt. Oh - noch höre ich Helenas leises, berückendes Lachen und sehe den breiten Erzgürtel, der klirrend von den schmalen Hüften fällt —.

Ach — über meine verlorene Seligkeit! - Endlich tat ich das, was verboten war. Es setzte sich in mir fest und wurde zur quälenden Idee. Nahema! - Ich kämpfte und litt. Und ich unterlag. Am ersten Tage des Juni —.

Ich rief sie —. Sie war die schönste von allen und trug einen weiten Mantel, grau und fein wie die Flügel der Fledermaus. - Neben ihr erschien alles wesenlos, - Schmerz und Wonne verloren ihre Grenzen —— jeder Nerv schien für sich zu leben, alles Fühlbare zu ungeheurer Gewalt anzuwachsen. Ich weinte vor Glück und wartete auf die Nacht, ich lebte erst, wenn die Dämmerung kam, die die Farbe ihres Mantels trug. Und sie kam Nacht für Nacht. Die anderen Steine hatten für mich ihre Kraft verloren ——.

Dann kam das Grauen. Sie trug es in ihrem Mantel -. Ihr holder Leib begann sich zu verändern — jede Nacht erschien sie mir älter. Falten zeigten sich auf ihrer Stirn — ihre Augen umgaben mißfarbige Schatten—. Eine Nacht schien von der andern durch Jahre getrennt zu sein —.

Zuletzt — war sie eine Lemure mit schlaffer, pergamentner Haut und zahnlosem Munde —. Sie peinigte mich mit abscheulichen Liebkosungen - sie kam jede Nacht — und sie sagte mir, — daß ich sterben müsse, damit sie sich verjünge —. Ich müsse mich töten.  - Paul Busson, Die Kleinodien des Tormento. In: Das unsichtbare Auge. Eine Sammlung von Phantomen und anderen unheimlichen Erscheinungen. Hg. Kalju Kirde. Frankfurt am Main 1979 (st 477, zuerst 1862)

 

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