elena / das allervollkommentlichste Frauen=Zimmer / so die Welt gesehn. Sie ist auß dem Ey der Leda gekrochen / das ihr der Jupiter alß Schwan gemacht. Wordrauß erhellt / daß der Trojanische Krieg schon aus dihsem Vorfall seinen Uhrsprung genommen. Wenn die Chronologisten nachgerechnet haben / sie sey bei ihrer Entführung durch den Paridem bereits eine alte Schachtel von 60 oder gar 80 Jahren gewesen / so erweißt das nur / daß die Leute voritzo lenger in ihrem vigeur geblihben / als hernachmahls; worbey sich ettliche auch auff das exemplum der Sarah bezihn.

Astynianassa / ihr Cammer=Mägdgen / hat ein Buch von den unterschihdlichen Ahrten deß Bey=Schlaffs verfärtigt. Leider ist diese Charteque verlohren gegangen. - (dafnis)

Helena (2) Ich gestehe, als ich den trojanischen Hirten liebte und er mich, war ich älter als vierzig Jahre. Aber mein Leib war schön und weiß wie mein Vater, der verliebte Schwan, der niemals singen wird. Ich war so schön wie heute, schöner als einst, da der Sieger über die Räuber mich, das junge Mädchen, entjungferte. Ich war sehr schön, denn ich wußte meine Schönheit zu bewahren, da ich nackt blieb und mich jeden Tag im Kampf übte. Wie Polydamne mich in Ägypten gelehrt hatte, verstand ich auch, aus Kräutern Schminke und Liebestränke zu brauen. Ich bin schön, und ich erscheine immer wieder, als Blendwerk oder Wirklichkeit, als glückliche und fruchtbare Geliebte, und ich habe weder meine Liebhaber geschoren noch meine Kinder getötet. Warum auch sollte ich die Männer töten? Sie verstehen es, einander zu töten, ohne daß wir es verlangen. Ich möchte zu gern wissen, warum diese Dame diesen alten Mann sterben lassen will, der ihr Liebhaber ist, denn er ist gewiß ihr Liebhaber. - (apol)

Helena (3)   Dem Chauffeur nennt sie die Adresse des Théatre des Arts, das, sagt sie mir, ein paar Schritte vom Haus entfernt ist, wo sie wohnt. Unterwegs sieht sie mich lange scharf an, schweigend. Dann schließen sich ihre Augen und öffnen sich sehr schnell, wie wenn man sich jemand gegenüber befindet, den man seit langer Zeit nicht gesehen hat, oder den wiederzusehen man nicht mehr erwartet hat, und wie um zu sagen, daß man »es nicht für möglich hält«. Auch irgendein Kampf scheint sich in ihr abzuspielen, plötzlich jedoch gibt sie auf, schließt die Augen ganz, reicht ihre Lippen . .. Jetzt spricht sie mir von meiner Macht über sie, daß ich ihre Gedanken und ihr Tun lenke wie ich will, mehr als ich meine, daß ich es will. Sie fleht mich an, dieses Mittel nicht gegen sie zu verwenden. Es scheint ihr, daß sie mir gegenüber nie ein Geheimnis hatte, schon bevor sie mich kannte. Eine kurze Dialogszene, die am Schluß von »Poisson Soluble« steht, sonst hat sie anscheinend vom Manifeste noch nichts gelesen — eine Szene, der ich übrigens nie einen bestimmten Sinn zuschreiben konnte, ihre Figuren sind mir im höchsten Grade fremd und die Bewegungen, die sie ausführen, unerklärlich, es ist, als ob sie von einer Sanddüne heran- und davongetragen worden wären —, diese Szene macht ihr den Eindruck, daran wirklich teilgenommen und darin die zumindest dunkle Rolle Helenas 1 gespielt zu haben. Den Ort, die Atmosphäre, das gegenseitige Verhalten, das habe ich allerdings erdacht. Sie möchte mir zeigen, »wo sich das abgespielt hat«: ich schlage vor, gemeinsam zu essen. Eine gewisse Verwirrung mußte sich in ihrem Geist ausgebreitet haben, denn sie läßt uns nicht, wie sie glaubt, auf die Ile Saint-Louis fahren, sondern zur Place Dauphine, wo, seltsam, eine andere Episode aus »Poisson Soluble« spielt.

1 Ich persönlich habe keine Frau mit diesem Namen gekannt, der mich allezeit ebenso verdrossen hat, wie mich der Name Solange bezauhert. Doch Madame Sacco, Hellseherin, 3, Rue des Usines, die sich, was mich betrifft, nie geirrt hat, versicherte mir anfangs dieses Jahres, daß mein Denken sehr mit einer »Helene« beschäftigt sei. Habe ich mich deshalb einige Zeit später so sehr für alles interessiert, was Helène Smith betrifft? Der Schluß daraus gehörte zu jener Regel, die mir vorher die Vereinigung zweier einander sehr fremder und ferner Bilder in einem Traum nahelegte. »Helene, das bin ich«, sagte Nadja,

- André Breton, Nadja. Frankfurt am Main 1984 (BS 406, zuerst 1928)

Fabelmenschen Frau, schönste Kriegsgrund

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