atsache  Es war eine Stadt aus roten Ziegelsteinen, vielmehr aus Ziegelsteinen, die rot gewesen wären, wenn Rauch und Asche es zugelassen hätten; so aber sah die Stadt unnatürlich rot und schwarz aus wie das bemalte Gesicht eines Wilden. Es war eine Stadt der Maschinen und der hohen Schlote, denen ununterbrochen endlose Rauchschlangen entquollen, ohne sich je aufzulösen.

Ein. schwarzer Kanal durchzog sie und ein Fluß, dessen Wasser purpurrot war von stinkenden Farbstoffen, und es gab riesige Gebäudemassen mit vielen Fenstern, wo es den ganzen Tag lang ratterte und bebte und wo der Kolben der Dampfmaschine eintönig auf- und abstieg wie der Kopf eines Elefanten in trübem Irrsinn. Sie enthielt mehrere große Straßen, die sich alle sehr ähnlich sahen, und viele kleine Gassen, die einander noch ähnlicher waren, in denen Leute wohnten, die einander ebenfalls ähnlich sahen, die alle zu den gleichen Stunden kamen und gingen, mit dem gleichen Geräusch auf den gleichen Pflastersteinen, um die gleiche Arbeit zu tun, und für die jeder Tag der gleiche war wie gestern und morgen, und jedes Jahr der Abklatsch des vorigen und des nächsten ... In Coketown sah man nichts, was nicht streng mit Arbeit zusammenhing. Wenn die Anhänger einer religiösen Sekte sich dort eine Kapelle bauten — wie die Anhanger von 18 religiösen Sekten es getan hatten —, machten sie ein frommes Lagerhaus aus roten Ziegelsteinen daraus, allenfalls (aber nur bei ganz besonders dekorativen Beispielen) mit einer Glocke in einem Vogelkäfig auf dem Dach ...

Alle öffentlichen Inschriften der Stadt waren auf dieselbe Weise, mit strengen schwarzweißen Lettern gemalt. Das Gefängnis hätte ebensogut das Krankenhaus, das Krankenhaus das Gefängnis sein können, das Rathaus hätte sowohl das eine wie das andere, oder beides oder irgend etwas sonst sein können, denn nichts in den Reizen ihrer Bauweise hätte auf das Gegenteil hingedeutet. Tatsachen, Tatsachen, Tatsachen überall im materiellen Aspekt der Stadt, Tatsachen, Tatsachen, Tatsachen im immateriellen Aspekt der Stadt. Mc Choakumchilds Schule bestand aus Tatsachen, und die Zeichenschule bestand aus Tatsachen, und die Beziehungen zwischen Herren und Arbeitern bestanden aus Tatsachen, und alles, was zwischen Entbindungsheim und Friedhof lag, bestand aus Tatsachen, und was sich nicht in Zahlen ausdrücken ließ und auf dem billigsten Markt gekauft und auf dem teuersten verkauft werden konnte, das gab es nicht und durfte es bis ans Ende der Zeiten nicht geben, Amen. - Charles Dickens, Harte Zeiten

Tatsache (2) Man muß die Tatsachen in zwei Klassen einteilen: in gewöhnliehe & außergewöhnliche Tatsachen. Für die gewöhnlichen Tatsachen genügen die Aussagen einiger gelehrter &wahrheitsliebender Personen: für die anderen verlangt der denkende Mensch überzeugendere Autoritäten. Im allgemeinen müssen die Autoritäten in einem umgekehrten Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit der Tatsachen stehen; das heißt, sie müssen um so zahlreichem & bedeutender sein, je geringer die Wahrscheinlichkeit ist.

Man muß sowohl die gewöhnlichen als auch die außergewöhnlichen Tatsachen noch in vergängliche & beständige unterteilen, verganglich sind diejenigen, die nur einen Augenblick existiert haben: beständig sind diejenigen, die immer existieren & von denen man sich jederzeit überzeugen kann. Man sieht, daß man den letzteren eher glauben kann als den ersteren & daß die Möglichkeit, die jeder hat. sich von der Wahrheit oder Unwahrheit der Aussagen zu überzeugen, die Zeugen vorsichtig machen muß & die anderen Menschen dazu bewegt, ihnen zu glauben.

Die vergänglichen Tatsachen muß man einteilen in Tatsachen, die in einem aufgeklärten Zeitalter auftreten, & in solche, die in Zeiten der Finsternis & der Unwissenheit aufgetreten sind. Die beständigen Tatsachen müssen unterteilt werden in solche, die an einem zugänglichen oder an einem unzugänglichen Ort bestehen. Man muß die Aussagen zunächst in sich selbst betrachten & sie dann miteinander vergleichen: man muß sie in sich selbst betrachten, um festzustellen, ob sie keinen Widerspruch enthalten & ob sie von aufgeklärten & gebildeten Leuten stammen; man muß sie miteinander vergleichen, um zu entdecken, ob die einen nicht ein Abklatsch der anderen sind & ob jene Masse von Autoritäten sich nicht etwa auf nichts oder auf die Autorität eines einzigen Mannes zurückführen läßt.

Man muß berücksichtigen, oh die Zeugen Augenzeugen sind oder nicht, was sie gewagt haben, um sich Glauben zu verschaffen, welche Befürchtungen oder welche Hoffnungen sie gehegt hatten, als sie den anderen Tatsachen mitteilten, deren Augenzeugen sie angeblich gewesen waren. Wenn sie ihr Leben auf Spiel gesetzt haben, um ihre Aussage zu verteidigen, so muß man wohl zugeben, daß sie dadurch große Überzeugungskraft gewinnt. \\ie aber wäre es darum bestellt, wenn sie ihr Leben geopfert & eingebüßt hatten?

Man darf die Tatsachen, die sich vor den Augen eines ganzen Volkes abgespielt haben, auch nicht mit denen vermengen, denen nur wenige Personen als Zuschauer beigewohnt haben. Die verborgenen Tatsachen verdienen, so einleuchtend sie auch sein mögen, kaum Glauben; dagegen können die offenkundigen Tatsachen, gegen die man früher keinen Einspruch erhoben hat oder gegen die nur von wenigen übelwollenden oder schlecht unterrichteten Menschen Einspruch erhoben worden ist, kaum angefochten werden. - Das ist ein Teil der Prinzipien, nach denen man sich richten inuts. um etwas glauben zu können oder nicht, wenn man nicht auf Hirngespinste hereinfallen will & wenn man die Wahrheit aufrichtig liebt. - Diderot, nach (enc)

Tatsache (3) Der Tisch ist rund, der Himmel ist stark, die Spinne ist dünn, das Glas ist durchsichtig, die Augen haben zehn verschiedene Farben, Louis Aragon hat das Kriegsverdienstkreuz, Tzara hat die Syphilis nicht, Elefanten sind schweigsam, der Regen fällt, ein Auto bewegt sich leichter als ein Stern, ich habe Durst, Luftströmungen sind unnütz, Dichter sind Nadelkissen — oder Schweine, Briefpapier ist bequem, der Ofen zieht gut, der Dolch tötet gut, der Revolver tötet besser, die Luft ist immer zu tief. All das schlucken wir, und ob wir es verdauen, ist uns völlig schnurz. - Paul Eluard, nach: Dada - eine literarische Dokumentation. Hg. Richard Huelsenbeck. Reinbek bei Hamburg 1964

Tatsache (4) Tatsachen über Tatsachen! Erregender Bericht über das Leben von Außenseitern: Ich stehle Damenhöschen am laufenden Band! Der Nachbar stahl den Gummibusen. Die Männer sind scheidenscheu! Ein Tischler auf Abwegen: Er schändete Hund, Hühner und Tauben. Ich hoffe, daß meine Frau vor Fett zerplatzt! Tatsachen Über junge Mädchen von heute: Ich will nur beschnittene Männer! Am Atombusen unserer Köchin fand ich mein Glück! Diätschwestern helfen, wenn Männer bei der Liebe zittern. Mimi verlor Unschuld durch den Nudelwalker. Wieviele Laufmeter Glied kann eine Frau in ihrem Sexleben einlassen? Ein Stöpsel im Po macht Liebe erst schön! Freudenmädchen gab Teddybären die Brust. Telefonterror: „Wie groß sind Ihre Brüste?" Ich war eine männliche Jungfrau! Ich habe nur einen Hoden, aber jetzt eine liebe Frau! Immer nur die Chefin bumsen! Hilfe, ich liebe eine Hure! Meine Freundin will mich nur im Regenmantel lieben! Ich beichte meine Verworfenheit: Ich fahre nackt in Linie „D"! Liebesorgien mit Gunskirchner Lolitas. Oma und ihre Liebesmaschine. Nackte Puppe am Weihnachtsbaum. Sklaven küssen mein Clo! Ich mußte auch die Sargträger lieben! Der Sex-Vampir von Ottakring. Ein Sektionschef wurde von mir entjungfert! Perverse sind mein Schicksal! Schläge auf den Po - das Recht des Mannes! Wenn Nonnen kommen - ab das Glied! Mit Yoga macht es wieder Spaß! Im Kühlhaus nahm er mich wie ein Tier! Prüderie ade - ich bin auf den HUND gekommen! Beim Sauschlachten verführte mich die dralle Zenzi! Liebe ist schöner als die Todesangst!   - (met)

Tatsache (5)   Es gab keinen Strafverteidiger, der eine rechtschaffene, aber peinliche Tatsache überzeugender verdrehen konnte, so daß sie schließlich eine völlig andere Bedeutung annahm, als die, welche jeder Durchschnittsmensch (der Staatsanwalt, beispielsweise) ihr zugemessen haben würde. Er war imstande, sich diese Tatsache vorzunehmen, ihr kühn ins Gesicht zu sehen, sie umzudrehen und ihr eine Mitteilung vom Nacken abzulesen, ihr Innerstes nach außen zu kehren und Augurenzeichen in ihren Eingeweiden zu entdecken, triumphierend einen Freudentanz auf ihrer Leiche zu vollführen, sie zu Staub zu zerreiben, sie notfalls wieder zu einer gänzlich neuen Gestalt zusammenzukneten und schließlich, wenn die Tatsache nach wie vor die Verwegenheit besaß, eine Spur ihres ursprünglichen Aussehens zu wahren, sie auf die furchterregendste Weise anzubrüllen. Wenn das versagte, war er durchaus bereit, sie im Angesicht des versammelten Gerichts zu beweinen.  - Anthony Berkeley, Der Fall mit den Pralinen. Zürich 1988 (zuerst 1929)

Tatsache (6)  »Mir ist schon oft aufgefallen«, schob Chitterwick ein, und entschuldigte sich gleichzeitig deswegen bei der ganzen Gattung der Kriminalromanautoren, »daß in Büchern dieser Art häufig angenommen wird, jede gegebene Tatsache lasse nur eine einzige Schlußfolgerung zu, und diese sei unweigerlich die richtige. Niemand ist imstande, richtige Schlußfolgerungen zu ziehen, außer dem Lieblingsdetektiv des Autors - sofern Romandetektive überhaupt imstande sind, Schlußfolgerungen zu ziehen, und das ist, weiß Gott, in wenigen Kriminalromanen der Fall. Mit ihrem Exempel von den zwei Flaschen Tinte hat Miss Dammers früher schon etwas Ähnliches angedeutet.

Als Beispiel dafür, wie es in Wirklichkeit aussieht, möchte ich deshalb den Briefbogen der Firma Mason aus unserem Fall anführen. Allein aus diesem einen Stück Papier sind im Verlauf unserer Sitzungen die nachstehenden Schlußfolgerungen gezogen worden:

1. Der Täter sei ein Angestellter oder ehemaliger Angestellter von Mason & Sons;

2. Der Täter sei ein Kunde von Mason & Sons;

3. Der Täter sei ein Drucker oder habe Zugang zu einer Druk-kerpresse gehabt;

4. Der Täter sei ein die Firma Mason & Sons vertretender Anwalt;

5. Der Täter sei ein Verwandter einer ehemaligen Angestellten von Mason &Sons;

6. Der Tä'ter sei ein vorgeblicher Kunde der Druckerei Webster.

Es hat natürlich noch eine Menge anderer Schlußfolgerungen aus diesem Bogen Papier gegeben, etwa: daß der zufällige Besitz des Bogens die gesamte Methode des Verbrechens überhaupt erst angeregt habe, doch ich möchte nur auf die aufmerksam machen, die unmittelbar auf die Identität des Mörders

abzielten. Es sind deren, wie Sie sehen, nicht weniger als sechs, und alle widersprechen einander gegenseitig.«

»Ich werde für Sie ein Buch schreiben, Mr. Chitterwick«, versprach Bradley, »in welchem der Detektiv aus jeder Tatsache sechs einander widersprechende Schlußfolgerungen ziehen soll. Er wird wahrscheinlich dahin gelangen, daß er zweiundsiebzig verschiedene Leute wegen Mordes verhaftet und nachher Selbstmord begeht, weil er herausfindet, er müsse selber der Täter sein. Ich werde das Buch Ihnen widmen.«

»Ja, tun Sie das«, strahlte Chitterwick. - Anthony Berkeley, Der Fall mit den Pralinen. Zürich 1988 (zuerst 1929)

Realität

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