omma  An der Universität Löwen versuchte sich nun der bekannte Theologe Michel Bajus darin, die Vorbestimmtheitslehre Calvins theoretisch zu zerschmettern. Dazu studierte er mit bewundernswerter Gründlichkeit die Kirchenväter, insbesondere den hl. Augustinus. Doch geriet er bei seiner Lektüre unmerklich ins gegnerische Lager. Er verfaßte schließlich ein Werk, das die Willensfreiheit bekämpfte.

Sofort begann an der altehrwürdigen Universität ein wilder Theologenstreit, in den sich auch Ordensgeistliche einmischten und die Kontroversen so allgemein bekanntmachten. Die Sorbonne fühlte sich herausgefordert und verurteilte achtzehn Sätze des Werkes. Bajus replizierte, und bald schlug der Streit so hohe Wogen, daß nach dem Papst gerufen wurde. Pius IV. hatte den Parteien Stillschweigen auferlegt und auf das Konzil verwiesen. Da dort zum Fall Bajus nichts beschlossen ward, legten die Universitäten von Alcala und Salamanca die Debatte wieder auf und zensierten 120 der Sätze des Bajus als irrig. In Löwen war man empört über den Disziplinbruch der Spanier und rief Pius V. als Schiedsrichter an. Dieser zögerte, wurde jedoch von König Philipp II. gedrängt, endlich etwas zu unternehmen. Eine Untersuchungskommission gab mehrheitlich den Spaniern recht, und so verurteilte Pius in einer Bulle 76 Sätze von Bajus und dessen Schülern, allerdings ohne Namensnennung. In Löwen war man konsterniert, entdeckte aber beim genauen Studium des Dokuments, daß in einem zentralen Urteilssatz ein Komma fehlte. Der Text konnte deshalb, je nach Lesart, als Billigung oder als Mißbilligung Bajus' gelesen werden. Es kam erneut zu einer lebhaften Diskussion unter den Professoren, die bald wieder so heftig und leidenschaftlich wurde, daß abermals beim Papst, diesmal bei Gregor XIIL, angefragt wurde - wo denn nun genau das Komma gesetzt werden solle. Gregor entschied sich zu einer subtilen Antwort: Er sandte eine Bulle, welche die Verurteilung wiederholte, aber kein einziges Komma enthielt. So konnten Theologen und Philosophen in Löwen noch viele Jahrzehnte ihre anregenden Streitigkeiten über die Willensfreiheit fortführen.  - Albert Christian Sellner, Immerwährender Päpstekalender. Frankfurt am  Main 2006 (Die Andere Bibliothek 260)

Komma (2)  Einerseits setzt der Punkt einen unüberschreitbaren Grenzwall, bezeichnet ein abschließendes fretum mortis; auf der anderen Seite deklamiert das Komma eine pathetische Unbestimmbarkeit, liefert eine weibische Zuflucht-stä'tte, eine windstille Bucht, vielleicht einen zarten, labyrinthischen Schrumpfuterus als Unterschlupf für den Text, unter den erhobenen Händen, welche die blendende Verneinung des Punktes abwehren.

Aber es gibt noch dramatischere Auslegungen: daß der Text nicht so sehr zwischen Punkt und Komma eingeschlossen sei, sondern nur in der Abwicklung begriffen werden könne, und zwar abwärts in Richtung vom Punkt hinab zum Komma; so daß der Initial-Punkt dem plötzlichen Auftauchen des Textes gleichkäme, der morgendlichen Explosion aus den schneeigen Düsternissen des Blattes; Punkt-Stern, der eingezeichnet ist in die undurchdringliche Nacht der verborgenen und allerhöchsten Typographie; vielleicht ein Akt der SelbsterschafTung; von woher er dann, vom Gipfelpunkt der Befreiung, niederstürzt zum Komma: zu ironischem Verweilen, winzigem, aber absolutheitszerstörendem Hindernis, Zwiebelfisch, der unrettbar Sinn, Hürde und Notwendigkeit des gesamten Textes verdirbt. Das Komma könnte eine Art Abkommenschaft des zeugenden Punktes sein - zeigt das Komma nicht höhnische Ähnlichkeit mit einem Spermatozon? -

die, aus den unendlich winzigen Lenden des Punktes entsprungen, die Räume des Textes durchmessen, ihn überholt hat und ihn nunmehr, zwar nicht aufhält oder den Weg verstellt, was eine bübische aber feierliche Schlußhandlung wäre, ihn vielmehr zu verweilen bittet, wie jemand, der nach der Uhrzeit fragt, oder ein Streichholz erbittet; unerträglicher Schimpf, der die hohen Bestrebungen des Textes nichtig macht, verhöhnt, bestreitet und entschleiert.

Selbiges Komma, das schamlose Weib, zwinkert bei diesem Dazwischentreten sicherlich anderen zu, was aus dem erbarmungslosen Luftablaß des zurückgehaltenen Textes entspringen wird; und vielleicht spielt das Komma darauf an, daß aus den ratlosen Aufenthalten dieses Hohns ein anderer und überholender Text entspringen wird, der indes aus dem Komma selbst geboren wird. Aber ist dies nicht vielleicht bereits zufällig schon passiert? Wir könnten in der Tat den Text als aufsteigend auffassen, und zwar vom Komma hinauf zum Punkt. So daß der Text, der im Komma zu Tode gekommen ist, sei's aus Scham oder durch Selbstmord, neugeboren wird, etwa als eine von den sarkastischen Eingrenzungen des Biologischen erlöste Seele, daß auf die erste ruhelose, jünglingshafte Periode eine zweite, tragische, erwachsene, haarige Inkarnation folgt, die sich der mütterlichen Umarmung standhaft entzieht, der geschlechtlichen Paarung, den zärtlichen und vorgetäuschten Adieux des kleineren Satzzeichens, und das in dramatischer Weise hinstrebt zu seiner eigenen und gemeinsamen Katastrophe, direkt auf den Punkt, auf den winzigen Luzifer, der bereit ist, die nächtliche Endstation der textlichen Welt zu besiegeln. Aus der abschließenden Niederbrennung ergibt sich vielleicht eine weitere Wiedergeburt - aus der ausgebrannten Asche erhebt sich vielleicht, als wiedergeborener Phönix, ein neuer Text, der vom Punkt wieder zum Komma niedersteigt, aber sozusagen auf der anderen Seite, engelhaft niederkommend, gestärkt durch die tödliche Rüstung des aufgezehrten Punktes, um Rache zu üben am mageren Schenkel, am verräterischen Schoß des jungfräulichen Kommas.  - Giorgio Manganelli, Omegabet. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1969)

 

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