ext   Stellen wir uns  diese sternhafte Intelligenz vor, wenn sie sich daran begibt, sich offenbar zu machen, nicht in Dynastien noch in Vernichtungen noch in Vögeln, sondern in geschriebenen Worten. Stellen wir uns desgleichen vor, in Übereinstimmung mit der prä-augustinischen Theorie von der wörtlichen Inspiration, daß Gott Wort für Wort diktiert, was er zu sagen beabsichtigt. Diese Prämisse (und sie war es, die die Kabbalisten übernahmen) macht aus der Schrift einen absoluten Text, bei dem die Mitwirkung des Zufalls mit Null zu beziffern ist. Allein die Vorstellung dieses Dokuments ist ein größeres Wunderwerk als alle, die auf seinen Seiten verzeichnet sind. Ein Buch, das für die Kontingenz undurchdringlich ist, ein Mechanismus unendlicher Absichten, unfehlbarer Variationen, lauernder Offenbarungen, Überlagerungen von Licht — wie sollte man es nicht bis zur Absurdität, bis zur Unzahl befragen, wie es die Kabbala tat? - Jorge Luis Borges, Eine Rechtfertigung der Kabbala,  in: ders., Kabbala und Tango. Essays. Frankfurt am Main (Fischer-Tb., zuerst 1931)

Text (2)  Manch einer könnte zurecht den Verdacht hegen, daß Aufgabe eines Kommentars die Erweiterung des Textes sei: quasi seine imperialistische Miliz. Er möchte etwa alle Notizen, welche der Text vielleicht auch nur aus purer ästhetischer Wirtschaftlichkeit ausgelassen hat, wieder einholen und hereinnehmen; sodaß nach und nach rings um diesen Mittelpunkt eine kompakte Kenntnis- und Konzept-Peripherie zuwächst; quasi wie rings um ein nacktes und pochendes Gekröse sich Behaarung oder proliferierende Glieder und Augen bilden; weswegen dies, sich über seine ursprünglichen Grenzen ausdehnend, überläuft und in den Raum einbricht, weiche gläserne Ambra, um als tonlose Kehle Planeteninsekten, Schwingen von surrenden Galaxien zu verschlingen. Die Hypothese ist falsch und streift doch irgendeine Wahrheit. Falsch insofern der Text nicht imstande ist, ein Adjektiv zu erfassen, ohne es ganz schlicht zu verschlingen, aufzulösen, in sich aufzuheben; da alle diese Erweiterungen bereits im Text enthalten sind, und es sich sowieso niemals um eine Erweiterung handeln könnte, sondern nur darum, Textscheiben abzuschneiden und zu isolieren und somit, falls das vorstellbar wäre, den Text selbst zu kondensieren, auszubluten, falls er Blut hätte, ihn zu töten, falls er nicht von jeher tot wäre. Begreift also die Komik, die darin liegt, daß der Text im gleichen Maß, wie er erweitert würde, sich einengt und zusammenzieht.  - Giorgio Manganelli, Omegabet. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1969)

Text (3)  Allerdings gehe es bei ihm nicht soweit, daß er sich am Abend noch hinsetze, um etwas in ein Tagebuch zu schreiben, denn gerade diese Konstruktion des eigenen Lebens durch Text sei ihm schon immer überaus suspekt gewesen, selbst wenn diese Konstruktion des eigenen Lebens allgemein üblich und sogar allgemein verbindlich sei, denn eine Firma wolle immer noch einen handgeschriebenen Lebenslauf als Entscheidungsgrundlage. Dieser auf Daten reduzierte Lebenslauf sei relativ einfach herzustellen, da man sich nur rechtzeitig überlegen müsse, was sich in einem solchen auf Daten reduzierten Lebenslauf gut mache, um dann sein Leben entsprechend und nach den Anforderungen eines solchen Lebenslaufs einzurichten. Die meisten Studenten wechselten die Universität und brächten ein Jahr im Ausland zu, nur weil es sich später in dem auf Daten reduzierten Lebenslauf gut ausnehme, so daß der Text das Leben mittlerweile in beide Richtungen konstruiere, daß man einerseits etwas erlebe, um es später aufschreiben zu können, und daß es andererseits wiederum das Aufgeschriebene sei, das einem ein bestimmtes Erleben verschaffe.

Selbst die Revolution habe sich letztendlich aus Texten konstruieren lassen und gerade an der elften Feuerbachschen These könne man sehen, daß es den Philosophen niemals um eine Revolution gegangen sei, da man mit Sicherheit sagen könne, daß es jedem, der auch nur ein Wort niederschreibe, nicht um die Revolution gehe, sondern vielmehr um Heimarbeit. Tatsächlich gehe es den Philosophen darum, in ihren Klausen auszuharren. Die Philosophen dächten gegen die Konstruktion der Historie durch Texte an, seien also selbst durch Texte konstituiert und in Texten gefangen. Philosophen bezögen sich auf andere Philosophen, und selbst die elfte Feuerbachsche These beziehe sich nur auf andere Philosophen und sei deshalb selbst auch nur Philosophie, also Konstrukt der Historie mit Hilfe von Texten. - (rev)

Text (4)  Man wird sagen, daß der Text nicht fließe, noch fliege, noch stürze, noch hinaufklettere; daß er vielmehr unbeweglich verharre und Punkt und Komma in sich Raum biete, die folglich nicht mehr interpunktionshaft seien, sondern unbewegte Zeichen in unbewegtem Kontinuum. Daß sie Ziele seien, so wie man sie auf Kampfstätten benutzt, Nadir, Kardinalpunkte, vorgetäuschte Kennzeichnungen, welche die hinfällige Weißhaarigkeit des ungastlichen Text-Eislandes überbrücken. Orte, um welche man mit einem >hier< herumgehen kann, um in der Dunkelheit eine metaphysische Lawinenschnur zu erfassen; sofern sie nicht Spalten sind in der kompakten Oberfläche, Hinweis auf Scheuer-steilen, auf Verdoppelungsstellen eines Textes, der sich nunmehr in unendlich viele Korrespondenzen aufzusplittern vermag. Vielleicht ist dieses Problem besser zu fassen, wenn es in eine allgemeine Theorie der Satzzeichen in Zusammenhang mit dem Text eingebaut wird, die wir hier nur andeuten wollen, soweit sie uns zu richtigem und leutseligem Gebrauch der Erläuterungen dienlich sein können. Obgleich in der Tat nie ein anderes Satzzeichen innerhalb der Eingeweide des Textes aufgefunden wurde, berührt dies dennoch nicht das Vorhandensein möglicher außerhalb befindlicher Satzzeichen, die man nicht nur vermuten, sondern vielleicht als unentbehrlich für den nützlichen Gebrauch so umfangreicher Materie annehmen soll.

So hat man beispielsweise auch vorgebracht, daß der ganze Text in Klammern stehen könnte. Dies ist eine Phantasievorstellung, der man einige Aufmerksamkeit schuldet. Zweifellos leidet diese Idee unter unserer Unkenntnis der Textbegrenzungen, die uns dazu zwingt, das vorliegende Muster als repräsentativ oder doch zumindest als bezeichnend zu handhaben und überdies als gegeben anzunehmen, daß die Gesamtheit des Textes sozusagen über den ganzen Text sich verteile, ohne jedoch darin aufgelöst und verwässert zu sein. Wie dem auch sei: die Klammer könnte man jedenfalls nicht als Beginn des Textes annehmen, von dem erst zu bestimmen wäre, ob es sich um endgültigen Text handelt, oder um einen Fülltext mangels anderer Texte an einem für irgendwelche anderen Texte unbewohnbarem Raum.  - Giorgio Manganelli, Omegabet. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1969)

Deutung Schreiben Zusammenhang

 

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