eudalismus   Ich bin auf dem Lande und inmitten der ländlichen Bestellungen geboren und aufgewachsen; ich habe Geschäfte und ein Haus zu führen, seit meine Vorgänger im Besitz der Güter, in deren Genuß ich jetzt stehe, mir den Platz räumten.

Und doch kann ich nicht rechnen, weder mit Zählpfennigen noch mit der Feder: ich kenne die wenigsten unserer gangbaren Münzsorten; noch kann ich ein Getreide vom andem unterscheiden, weder auf dem Halm noch im Speicher, wenn es nicht gar zu leicht kenntlich ist, und kaum die Krautköpfe von den Salatköpfen in meinem Garten. Ich weiß nicht einmal die Namen der wichtigsten landwirtschaftlichen Geräte, noch die gröbsten Anfangsgründe des Ackerbaus, die jedes Kind weiß; noch weniger von den Handwerken vom Handel, vom Wert der Waren, von der Verschiedenheit und Art der Früchte, des Weins, der Fleischsorten; ich verstehe weder einen Falken abzurichten noch einen kranken Gaul oder Hund zu behandeln.

Und um die Schande voll zu machen, es ist noch keinen Monat her, seit man mich dabei ertappte, nicht zu wissen, daß man zum Brotbacken Sauerteig braucht, und was es heißt, den Wein gären lassen. Man vermutete vor alters in Athen bei einem Menschen, der eine Tracht Reisig geschickt zu schichten und zu binden verstand, eine Befähigung zur Mathematik. Wahrlich, von mir zöge man einen ganz entgegengesetzten Schluß: denn man gebe mir alles, was man zum Kochen benötigt, und ich stürbe doch Hungers. - (mon)

Feudalismus (2)

Feudalismus (3)  »So ein Walek, wenn du dem eins in die Fresse gibst, wird er dich verehren wie einen Herrn! Man muß sie kennen! Sie lieben das.«

»Ja, sie lieben das«, sagte ich.

»Sie lieben das, sie lieben das, ha, ha, ha! Sie lieben das!«

Ich erkannte meinen Vetter nicht wieder, der mich bisher eher mit Reserve behandelt hatte; seine Apathie war verschwunden, seine Augen blitzten, der Schlag in Waleks Schnauze gefiel ihm, und ich gefiel ihm auch: der rassige Junker schaute aus dem lässigen und gelangweilten Studenten hervor, als wenn er den Geruch des Waldes und des gemeinen Volkes plötzlich in die Nüstern bekommen hätte. Er stellte die Kerze auf die Fensterbank, setzte sich am Fußende des Bettes nieder mit einer Zigarette.

»Sie lieben das«, sagte er, »sie lieben das! Schlagen kann man, nur muß man Trinkgelder geben - ohne Trinkgelder erkenne ich das Schlagen nicht an. Vater und Onkel Severin schlugen seinerzeit den Portier vom >Grand< in die Schnauze.«

»Und Onkel Eustachy«, sagte ich, »hat einem Friseur in die Schnauze gegeben.«

»Niemand haute besser in die Schnauze als Großmutter Evelyne, aber das sind alte Geschichten. Da hatte sich unlängst Heini Patz besoffen und hat einem Kontrolleur die Schnauze verdroschen. Kennst du Heini Patz? Ist sehr natürlich und sehr sympathisch.«

Ich sagte, ich kenne mehrere Patzens und alle äußerst natürlich und geradeheraus. Heini aber wäre ich bisher noch nicht begegnet. Aber Bobby Pitwicki habe im »Kakadu« eine Scheibe mit der Schnauze des Kellners ausgeschlagen.

»Ich habe nur einmal einem Schaffner das Maul vermöbelt«, sagte er. »Kennst du Pipowskis? Sie ist eine wilde Snobistin, doch außergewöhnlich ästhetisch. Wir könnten morgen auf Rebhühner gehen.«

(Wo ist Mjentus? Wohin ist er gegangen? Warum kommt er nicht wieder?) Doch der Cousin macht keinerlei Anstalten zu gehen; die Walek verpaßte Maulschelle hat uns einander nahegebracht wie ein Gläschen Schnaps, und er schwatzt, seine Zigarette rauchend, daß in die Schnauze hauen, Rebhuhnjagd, Pipowska, Natürlichkeit, Tatjanas und Colombinas, Heini und Tadek, so muß man leben, realistisch, Agronomieschule und Zaster, wenn ich mit dem Studium fertig bin. Ich gebe mehr oder weniger das gleiche zur Antwort. Darauf er wieder das gleiche. Und auch ich das gleiche. Er also wieder von In-die-Schnauze, daß man wissen muß, wann, wem und für wieviel, wonach wieder ich, daß aufs Ohr besser als an die Kinnlade. Doch in alledem ist etwas Unwirkliches, und mehrmals versuche ich in das Gespräch einzufügen, das sei ja nicht wahr, niemand ohrfeige heute jemand, das gebe es heute nicht mehr und habe es vielleicht nie gegeben, Legende, feudale Phantasie. Doch ich kann nicht, es schwatzt sich allzuschön miteinander, die herrschaftliche Phantasie hat gezündet und läßt mich nicht mehr los, wir plaudern wie der Junker mit dem Junker.

»Nicht schlecht, manchmal eins in die Fresse zu geben!«

»Eine schmieren — sehr gesund!«

>Nichts tut so gut, wie einem Fatzken eine zu kleben!« - (fer)

Feudalismus (4)  

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