rfahrung  Ich muß bekennen, daß ich ungeachtet der Wahrscheinlichkeit, außerirdische Intelligenz zu finden, die diese Signale aufspüren und beantworten kann, nicht davon überzeugt bin, daß wir unsere Gegenwart ins Weltall hinausposaunen sollten. All unsere menschliche Erfahrung hier auf der Erde hat uns gelehrt, daß sich ethische und moralische Werte nicht Hand in Hand mit fortgeschrittener Naturwissenschaft und Technik entwickeln. Höhere Lebensformen wie wir selbst haben im Laufe ihrer Geschichte keineswegs eindrucksvolle Sympathie für niedrigere Formen gezeigt. Vielleicht sollten wir unsere Energien lieber darauf verwenden, wirksame Formen der Tarnung zu entwickeln? - (bar)

Erfahrung (2) Der alte Mann, im Dezember 84 Jahre, löffelte eine Untertasse mit Rübensaft aus und verfolgte dabei mit den Augen die Fliege, die auf den heraustretenden Adern seines Unterarms hin und her fliegt. Er wartet. Die Fliege: provokatorisch, frech. Mit seiner zitternden linken Hand, aber sehr rasch, schlägt der Mann nach ihr. Er verfehlte das reaktionsschnelle Tier um wenige Zentimeter. Eine Junifliege, sagte er mit aufrichtiger Hochachtung, überhaupt nicht zu fangen; ein raffiniertes Tier. Im April oder Mai fange ich die, aber im Juni haben sie so viel gelernt, daß sie nicht zu fangen sind.

Er war selber äußerst erfahren. Wenn er stürzte, drehte er sich im Stürzen, z. B. auf die Steinkante einer Treppe zu, so daß er nicht auf den Oberschenkelhals fallen konnte, sondern weich auf den jetzt ziemlich fettlosen Hintern. Er drehte eine Pirouette, schon während er ein Summen  im Kopf fühlte, noch vor dem Stürzen, eine artistische Leistung, mit der er im Zirkus hätte auftreten können. - (klu)

Erfahrung (3)  Das amerikanische Psychologenpaar Abraham und Edith Luchins (1942) gab seinen Versuchspersonen die Aufgabe, eine bestimmte Wassermenge mit Hilfe von drei Krügen abzumessen. Dabei konnten die Krüge jeweils aufgefüllt, umgefüllt oder ganz ausgeleert werden. Man kann mit einem 5-Liter-Krug und einem 2-Liter-Krug 3 Liter Wasser abmessen, indem man erst den 5-Liter-Krug füllt und diesen dann in den 2-Liter-Krug leert. Der Rest, der sich dann im 5-Liter-Krug befindet, beträgt genau 3 Liter.

Die Luchins stellten ihren Versuchspersonen mehrere solcher Aufgaben, die aber die Eigenschaft hatten, daß sie immer mit der gleichen Sequenz von Operationen lösbar waren. Wenn zum Beispiel der Krug A ein Fassungsvermögen von 9 Litern hat, Krug B 42 Liter faßt und Krug C 6 Liter, dann kann man die Aufgabe, 21 Liter abzumessen, lösen, indem man zuerst B füllt, dann C zweimal aus B füllt und sodann A aus B füllt. Dann bleiben in B 21 Liter übrig. Diese Lösungssequenz «B-2(BC)-BA» war nun durchgehend in fünf aufeinanderfolgenden Aufgaben anwendbar.

Die sechste Aufgabe lautete: Gegeben sind die Krüge A mit 23 Litern Fassungsvermögen, B mit einem Volumen von 49 Litern und C mit einem Volumen von 3 Litern. Gefordert sind 20 Liter.

Das geht mit der Handlungsfolge «B-2(BC)-BA». Aber viel einfacher mit «A-AC»! Aber darauf kamen die meisten Versuchspersonen nicht! (Nebenbei: Dies ist ein Beispiel für die Tatsache, daß Erfahrung nicht notwendigerweise immer klug macht; Erfahrung kann auch dumm machen.) - Dietrich Dörner, Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Reinbek b. Hamburg 1992 (rororo Sachbuch 9314)

Erfahrung (4)  H. P., 23, Frankfurt  Erfahrung macht dumm . . . Diese Parole, die oft von Studenten zu hören ist, hat eine gewisse Richtigkeit; sie beruht auf Erfahrung. - Max Frisch, Tagebuch 1966 - 1971. Frankfurt am Main 1972

Erfahrung (5)  

 - Eric Stanton, Bonnie and Clara

Erfahrung (6)  Manchmal verwendet man, um »Erfahrung« zu umschreiben, den rührenden Ausdruck: »Blei im Kopf«. Man stellt sich vor, daß der Mensch mit Blei im Kopf eine gewisse Verlagerung seines Schwerpunkts erfährt. Manche wollen darin sogar die Bedingung für das menschliche Gleichgewicht sehen, ein äußerst fragliches Gleichgewicht, weil ja, zumindest theoretisch, die die Lebewesen kennzeichnende funktioneile Assimilation ein Ende nimmt, wenn die günstigen Bedingungen aufhören, und sie hören immer auf. Ich bin siebenundzwanzig und schmeichle mir, dieses Gleichgewicht noch lange nicht zu erlangen. Ich habe mir stets untersagt, an die Zukunft zu denken: wenn ich bisweilen doch Plane machte, so waren das reine Zugeständnisse an andere, und ich allein wußte, welche Vorbehalte ich innerlich dagegen hatte. Dennoch bin ich weit entfernt von Leichtfertigkeit, und ich lasse nicht gelten, daß man aus Einsicht in die Nichtigkeit aller Dinge Ruhe finden könnte. Völlig unfähig, mich mit dem über mich verhängten Schicksal abzufinden, in meinem tiefsten Bewußtsein getroffen durch den Mangel an Gerechtigkeit, der in meinen Augen durch die Erbsünde keineswegs gerechtfertigt wird, hüte ich mich, meine Existenz den lächerlichen Bedingungen jeder Existenz, hienieden, anzupassen. Ich fühle mich dadurch im Einklang mit Männern wie Benjamin Con-stant, bis zu dessen Rückkehr aus Italien, oder mit Tolstoi, wenn er schreibt: »Hat ein Mensch erst zu denken gelernt, ist es gleichgültig, woran er denkt, er denkt im Grunde immer an seinen eigenen Tod. Alle Philosophen sind so gewesen. Und welche Wahrheit kann es angesichts des Todes geben?«  - André Breton, Verächtliche Beichte. In: Der Pfahl VII. München 1993 (zuerst 1924)

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