nsichtbarkeit  Ein einzelgängerischer Student der Chemie in dem verzweiflungsvollen Londoner Winter kommt am Ende zu der Einsicht, daß die Vorteile des unsichtbaren Zustandes dessen Unzuträglichkeiten nicht aufwiegen. Er muß barfuß und unbekleidet gehen, damit nicht ein eilig dahinschreitender Paletot und ein Paar eigengesetzlicher Schuhe die Stadt in Aufruhr versetzen. Ein Revolver in seiner durchscheinenden Hand läßt sich unmöglich verbergen. Ebenso verhält es sich mit dem, was er zu sich nimmt, solange die Nahrung nicht assimiliert ist. Im Morgengrauen sind seine nur dem Namen nach vorhandenen Augenlider unvermögend, das Licht abzuhalten, und er muß sich angewöhnen, gleichsam mit offenen Augen zu schlafen. Ebenso zwecklos ist es, den vergeistigten Arm über die Augen zu schlagen. Auf der Straße haben es die Verkehrsmittel auf ihn abgesehen, und er lebt in der ständigen Furcht, als Verkehrsopfer zu sterben. Er muß aus London fliehen. Er muß sich in Perücken, in rußgeschwärzte Schnurrbärte, in Karnevalsnasen und in verdächtige Gesichtsmasken flüchten, damit man nicht sieht, daß er unsichtbar ist. Als man ihn entdeckt hat, ruft er in einem Flecken auf dem platten Land eine erbärmliche Schreckensherrschaft ins Leben. Er verwundet, um sich Respekt zu verschaffen, einen Mann. Daraufhin läßt ihn der Kommissar mit Hunden hetzen; sie stellen ihn in der Nähe der Bahnstation und töten ihn. - Jorge Luis Borges über H. G. Wells' The Invisible Man, in: Kabbala und Tango. Essays. Frankfurt am Main 1991

Unsichtbarkeit (2)

"Das Unsichtbare"

- Ernst Barlach, Illustration zu Der tote Tag, nach: E. B. mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Catherine Krahmer. Reinbek bei Hamburg 1984 (rm 335)

Unsichtbarkeit (3)  »Real, aber unsichtbar? Die Energie, der Klang, der Geruch, die Luft, die uns völlig umschließt — der Wind, von dem Sie genau wissen, daß er unsichtbar ist, denn Sie bringen auf Ihrem Flugzeug einen besonderen Apparat an, um ihn sichtbar zu machen! Sie werden zugeben, daß das genug unsichtbare Dinge sind!... Gut, das allein genügt, um die Vermutung, daß es unsichtbare Welten gibt, die nur aus dergleichen Dingen bestünden, jedes Vorwurfs der Unvernunft zu entledigen!«

»Zugegeben: Dinge. Aber Wesen

»Ach - Wesen! Was ist denn das, ein Wesen? Gehen wir so weit als möglich: was ist ein Mensch? Eine Seele und ein Leib. Ausgezeichnet. Aber die Seele ist ja immer unsichtbar; Sie sahen wohl niemals eine Seele allein Spazierengehen, nicht wahr? Schön. Und was den Körper betrifft — wenn wir von der Seele abstrahieren — mein Gott, der Körper besteht aus einer gewissen Menge von Materie, die nicht höher und nicht geringer einzuschätzen ist als ein gewisses Volumen Atmosphäre. Folglich sehe ich nicht ein, warum man der Materie irgendwelche Eigenschaften absprechen sollte, die man der Atmosphäre zuerkennt — sei es auch die Eigentümlichkeit, optisch nicht wahrnehmbar zu sein .,. Denn...

Denn vergessen wir eines nicht: Die Unsichtbarkeit ist nichts anderes als eine Eigenschaft von Dingen, die keinen Eindruck auf unserer Netzhaut hervorrufen. Daß ein Körper also unsichtbar ist, scheint mir nicht wunderbarer, als daß er keinen Geruch oder keinen Geschmack besitzt. Wir dürfen uns daher nicht wundern, daß dieses oder jenes Objekt unsichtbar ist, da wir doch ohne weiteres zugeben, daß es nicht riecht oder die Geschmackspapillen nicht reizt. Halten Sie es für absonderlich, daß Sie die Wolken nicht ziehen hören? Warum also staunen Sie darüber, daß Sie die Sarvanten nicht vorüberfliegen sehen? Da Sie doch zugeben, daß es Dinge gibt, die wir nicht greifen können, warum entschließen Sie sich so schwer, die Existenz von unsichtbaren Körpern anzuerkennen? « - Maurice Renard, Die blaue Gefahr. Frankfurt am Main 1989 (st 1596, Phantastische Bibliothek 225, zuerst 1911)

Unsichtbarkeit (4)  

 

Sichtbarkeit Verschwinden

 

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