atzengeschichte  »In früheren Zeiten gab es in Japan mal einen sehr armen Künstler. Das ist das Volk, das der Welt Sushi und Karaoke schenkte. Egal, eines Tages beauftragen ihn die Priester der Stadt, ein sehr großes Bild von Buddha für den Tempel zu malen. Er wußte, daß er sein Bestes geben mußte, denn wenn das Bild den Priestern gefiele, würden ihm die Tintenfisch-Schnäbel, oder was immer die Leute dort essen, nicht so schnell ausgehen. Er beschloß, Buddha so darzustellen, daß alle Tiere zu ihm kamen, vom größten bis zum kleinsten, angefangen mit dem Elefant. Der Künstler stieß auf eine Geschichte, wie der Geist Buddhas einst mit einem Elefanten reiste. In der Ferlinghetti Wüste waren ein paar Männer am Verhungern und sie begegneten dem Elefant und fragten ihn, ob er irgendwo etwas zu essen gesehen hätte. Der Elefant antwortete ihnen, sie sollten eine gute Meile in diese Richtung gehen. Dann kämen sie zu einem Steilhang, an dessen Fuß sie einen toten Elefanten fänden. Dann nahm der Elefant einen anderen Weg, lief den verhungernden Männern voraus und sprang über die Klippe.«

Dieser Teil der Geschichte interessierte die Katze nicht wirklich. Sie war sicherlich keine Buddhistin. Keine Katze mit ein wenig Selbstachtung ist Buddhistin. Sie sind oft Mitglieder der Episkopalkirche oder etwas ähnlich pragmatischem.

»Während er also diesen schönen, empathischen Elefanten malt, kommt eine kleine streunende weiße Katze und der hungernde Künstler hat nicht mehr viel Sushi übrig, aber das, was er hat, teilt er mit der Katze, und dann singen sie gemeinsam ein paar Karaoketitel. Die streunende Katze hat bei dem Künstler ein Zuhause gefunden und der Künstler in der Katze eine angemessene Gesellschafterin für die einsame Arbeit, die vor ihm liegt. Die Tage verstreichen und er malt immer mehr Tiere, einen Wasserbüffel, ein Pferd, einen Esel, einen Hirsch, einen Hund. Jedes Tier ist ein Meisterwerk, und die Katze beginnt sich zu ärgern. Wann zum Teufel malt er endlich mich, fragt sie sich. Um die Wahrheit zu sagen, die Katze wird langsam eifersüchtig auf die anderen Tiere in der Bar-Mizwa-Empfangsreihe, die von Buddha begrüßt werden.«

Ich konnte sehen, wie die Katze anfing, mit der kleinen weißen Katze aus der Geschichte mitzufühlen. Sie zwinkerte mit den Augen und ihr Schwanz wischte ziemlich heftig hin und her, sichere Anzeichen für ihre Verärgerung. Und der Teil, der ihr am wenigsten gefallen würde, kam erst noch.

»Es muß ziemlich unerfreulich für die Katze gewesen sein, dazusitzen und zuzuschauen wie dieser japanische Schwachkopf praktisch jedes der Tiere der Arche Noahs malt bis auf die Katze. Was die Katze nicht wußte, aber der Künstler schon, war. daß der Buddhismus Katzen diskriminiert. Auf Buddhabildern findet man Hunde, Ratten und Mistkäfer und sogar menschliche Kinder, aber nie Katzen. Das liegt daran, daß Buddha vor Tausenden von Jahren eine Midlife Crisis hatte und auf der Suche nach dem Haus seiner Großmutter im Wald herumirrte. Alle Tiere kamen herbei, um ihn zu trösten, nur die Katze nicht. Die Legende sagt, daß die Katze zu selbstbestimmt war, um nach Buddha zu sehen. Vielleicht war sie auch zu beschäftigt. Vielleicht hatte sie auch keinen Bock, einen Fettsack mit Pferdeschwanz, der unter einem Baum saß, zu besuchen. Aber die Buddhisten, die angeblich immer so freundlich und spirituell und verständnisvoll sind, haben der Katze nie verziehen. Sie haben fünftausend Jahre lang dafür gesorgt, daß man kein Bild von Buddha mit einer Katze sieht.«

Man sieht nicht oft traurige Katzen, aber wenn, ist es wirklich herzzerreißend. Genauso wie es noch niemandem gelungen ist, einem Wolf das Sitzen beizubringen, hat noch nie jemand eine Katze weinen sehen. Aber sie trauern. Sie trauern still. Und genau wie der Rest von uns trauern sie ganz für sich allein.

»Der Künstler hatte schreckliches Mitgefühl mit der Katze. Er hatte sie in seine bescheidene Hütte mitgenommen, sie gefüttert und auf eine gewisse, sehr spezielle Art war die kleine weiße Katze zu seiner Vertrauten und besten Freundin auf der ganzen Welt geworden. Er versuchte es ihr zu erklären, aber sie verstand ihn nicht. Die Priester handhabten diese Regelung sehr streng. Darum nennt man so was Dogma. Malte der Künstler die Katze in eine Reihe mit den anderen Tieren, würden die Priester ihm die Bezahlung verweigern und ihn mit Verleumdungen überschütten. Er würde nie wieder Arbeit in dieser Stadt finden. Er würde zweifelsohne verhungern. Er kann es einfach nicht machen. Er will leben! Er will malen!«

Die Katze blickte unglaublich traurig drein. Ich fragte mich, welche Perversion in der Struktur meines Wesens mich dazu brachte, einer Katze eine so traurige Geschichte zu erzählen. Und sie wurde noch trauriger.

»Die kleine weiße Katze saß neben dem verhungernden japanischen Künstler und sah zu, wie er die letzten Pinselstriche an seinem Meisterwerk ausführte, und die kleine Katze war schrecklich traurig. Sie konnte nicht verstehen, wie sogar die wohlmeinendsten Religionen so ignorant, rachsüchtig und schändlich sein konnten, und der hungernde japanische Künstler sah, wie sehr sie sich wünschte, auf dem Bild zu sein, und er rief, scheiß auf die Priester und begann, ein wunderschönes Abbild der kleinen weißen Katze in die Lücke am Ende der Schlange von Tieren zu malen, die gekommen waren, um Buddha zu grüßen. Als er seine Arbeit beendet hatte, wußte er, daß er fertig war, und zwar nicht nur in einer Hinsicht. Als die Katze sich auf dem fertig gestellten Bild sah, füllte sich ihr kleines Herz so mit Freude, daß es zerbarst und die kleine Katze starb.«

Langsam begann die Geschichte, mich traurig zu machen. Die Katze schien die Sache stoisch zu nehmen. Doch ihre Augen sahen nicht länger christlich aus. Sie schienen nicht mehr an das Gute im Menschen zu glauben. Sie sahen merkwürdig jüdisch aus, als ob sie niemandem mehr trauen würden. Katzen sind eben so.

»Der verhungernde japanische Künstler, der mittlerweile nur noch ungefähr siebzehn Pfund wog, begrub die kleine Katze im Garten und baute ihr ein kleines Windspiel aus Muscheln. Anschließend verhüllte er das Bild und ließ es mit einem Ochsenkarren zum Tempel liefern, wo es an der Wand angebracht wurde. Als die Priester es enthüllten, machten sie sich praktisch auf der Stelle in die Hosen. Sie zeigten auf die kleine Katze ganz am Ende der Tierschlange, die Buddha begrüßen wollte und riefen, ›Dieses Gemälde ist aufs Schlimmste verunstaltet! Der Künstler muß für seinen Frevel bestraft werden! Jeder weiß, daß auf einem Bild von Buddha nie eine Katze sein darf!‹ Und sie verdeckten das Bild mit einem großen schwarzen Vorhang und stürmten in ihrer Engstirnigkeit beleidigt aus dem Tempel.«

Ich konnte sehen, daß die Katze das Interesse verlor. Ihre Aufmerksamkeitsdauer war noch nie ihre starke Seite gewesen und die Geschichte dauerte schon vier Stunden länger, als ich eigentlich beabsichtigt hatte, aber jetzt war sie Gott sei Dank, oder gesegnet sei Buddha, fast zu Ende und ich fühlte mich verpflichtet sie zu beschließen, selbst wenn eine Atombombe auf die Stadt fiele und unsere Augen in Gelee verwandelte und nur zwei verkohlte Überreste von Skeletten auf dem Sofa übrig blieben. Ich glaube daran, daß man etwas, das man in seinem Leben anfängt, auch so gut wie möglich beenden sollte, ganz zu schweigen davon, daß es immer eine gute Sache ist, eine Geschichte aus einem Buch zu lesen, das älter ist als man selbst.

»Also versammelte sich am nächsten Tag gemeinsam mit den Priestern und dem Künstler die Hälfte der Scheißstadt im Tempel, um zu entscheiden, was mit diesem respektlosen, frevlerischen Werk und dem Mann, der es geschaffen hatte, passieren solle. Der schwere schwarze Vorhang wurde von dem Bild an der Tempelwand entfernt und die Priester und der Künstler starrten das Gemälde schockiert und ungläubig an. Ganz oben an der Tempelwand, für jeden außer Reichweite, hatte sich das Bild über Nacht auf magische Weise verändert. Die kleine weiße Katze war am Ende der Schlange von Tieren, die darauf warteten Buddha zu begrüßen, verschwunden. Sie hatte sich in eine neue Position begeben. Sie lag nun zusammengerollt und schlafend direkt unter Buddhas Hand.«

Als ich die Geschichte beendet und mich selbst zu Tränen gerührt hatte, wurde mir bewußt, daß die Katze demonstrativ ihr Desinteresse zur Schau stellte.  - Kinky Friedman, Katze, Kind und Katastrophen. Berlin 2007 (zuerst 2002)

 

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