ewissen

ERSTER MÖRDER Wie ist dir jetzt zumute?
ZWEITER MÖRDER Mein' Treu, es steckt immer noch ein gewisser Bodensatz von Gewissen in mir.
ERSTER MÖRDER Denk an unsern Lohn, wenns getan ist!
ZWEITER MÖRDER Recht! Er ist des Todes. Den Lohn hatt ich vergessen.
ERSTER MÖRDER Wo ist dein Gewissen nun?
ZWEITER MÖRDER Im Beutel des Herzogs von Gloster.
ERSTER MÖRDER Wenn er also seinen Beutel aufmacht, uns den Lohn zu zahlen, so fliegt dein Gewissen heraus.
ZWEITER MÖRDER Es tut nichts, laß es laufen; es mags ja doch beinahe kein Mensch hegen.
ERSTER MÖRDER Wie aber, wenn sichs wieder bei dir einstellt?
ZWEITER MÖRDER Ich will nichts damit zu schaffen haben, es ist ein gefährlich Ding, es macht einen zur Memme. Man kann nicht stehlen, ohne daß es einen anklagt; man kann nicht schwören, ohne daß es einen zum Stocken bringt; man kann nicht bei seines Nachbars Frau liegen, ohne daß es einen verrät, 's ist ein verschämter, blöder Geist, der einem im Busen Aufruhr stiftet; es macht einen voller Schwierigkeiten; es hat mich einmal dahin gebracht, einen Beutel voll Gold wieder herzugeben, den ich von ungefähr gefunden hatte; es macht jeden zum Bettler, der es hegt; es wird aus Städten und Flecken vertrieben als ein gefährlich Ding, und jedermann, der gut zu leben denkt, verläßt sich auf sich selbst und lebt ohne Gewissen. ERSTER MÖRDER Sapperment, es sitzt mir eben jetzt im Nacken und will mich überreden, den Herzog nicht umzubringen.
ZWEITER MÖRDER Halt den Teufel fest im Gemüt und glaub ihm nicht; es will sich nur bei dir eindrängen, um dir Seufzer abzuzwingen.
ERSTER MÖRDER Ich hab 'ne starke Natur, es kann mir nichts anhaben.
ZWEITER MÖRDER Das heißt gesprochen wie ein tüchtiger Kerl, der seinen guten Namen wert hält. Komm, wollen wir ans Werk gehn?
ERSTER MÖRDER Gib ihm eins mit dem Degengriff übern Hirnkasten und dann schmeiß ihn in das Malvasierfaß im nächsten Zimmer.
ZWEITER MÖRDER O herrlich ausgedacht! Und mache ihn so zur Tunke!
ERSTER MÖRDER Still! Er wacht auf.
ZWEITER MÖRDER Schlag zu!
ERSTER MÖRDER Nein, laß uns erst mit ihm reden!

 - Shakespeare, König Richard III.

Gewissen (zartes)  »Hört Ihr den Lärm auf der Straße? Eine Witwe von sechzig Jahren hat heute früh einen Kavalier von siebzehn Jahren geheiratet. Nun haben sich alle Spaßvögel aus dem ganzen Viertel zusammengerottet, um das Beilager durch ein lärmendes Konzert von Becken, Töpfen und Kesseln zu verherrlichen.« - »Ihr sagtet mir doch«, fiel der Student ein, »daß Ihr es seiet, der die lächerlichen Heiraten stiftet, aber an dieser habt Ihr keinen Teil?«- »Das ist gut erraten, warum«, antwortete der Hinkende; »ich war ja gefangen. Aber wenn ich auch frei gewesen wäre, so hätte ich mich doch schwerlich damit abgegeben. Die Frau hat ein gar zartes Gewissen und bloß deswegen wieder geheiratet, damit sie gewisse Freuden, die sie liebt, ohne Vorwurf genießen kann. Solche Verbindungen sind nicht meine Passion; es macht mir mehr Vergnügen, die Gewissen zu quälen als zu beruhigen.«   - Alain René Lesage, Der Hinkende Teufel. Nördlingen 1987 (Greno 10/20, zuerst 1707)

Gewissen (3)  »Wie?« sagte Riccardo. »Dieser so glücklich aussehende Mann hat gestohlen?«

»Ja, er hat gestohlen«, sagte der Große Sekretär.

»Und er hat keine Gewissensbisse?«

»Nein, keine Gewissensbisse.«

»Aber die bekommt er bald?«

»Ach!« seufzte der Große Sekretär. »Wer weiß das schon?«

»Aber das Gewissen muß sich doch eines schönen Tages rühren!«

»Dann sieh dir mal sein Gewissen an!«

Riccardo schärfte seinen Blick und sah auf der Schulter des glücklichen Herrn ein kleines Wesen mit schläfrigen Augen, das dazu neigte, jedermann zuzulächeln, so daß es - wegen des Ortes, an dem es sich befand und wegen der Liebkosung, mit der es sein Köpfchen an das Ohr des dicken Mannes legte, an einen Papagei erinnerte und, wegen seiner Bereitschaft zu lachen und zuzustimmen, wie eine verrückt gewordene Neuvermählte aussah in jenem Augenblick, da sie ihr Jawort gibt und zugleich mitansehen muß, wie ihr Bräutigam aufsteht und sich davonmacht. - Vitaliano Brancati, Auf der Suche nach einem Ja. In: V.B.: Der Alte mit den Stiefeln. Zürich 1991 (zuerst 1946)

Gewissen (3) Vatter Ubu (zu Achras): Hornzackwamme, mein Herr! Sie wollen sich also absolut nicht davonscheren?! Genau wie mein Gewissen, das ich mir auch nicht vom Hals schaffen kann.

Das Gewissen: Mein Herr, spottet doch des großen Klopstock nicht.

Vatter Ubu: Der große Klopfstock ist gewiß eine gar treffliche Vorrichtung, doch dauert das Stück schon recht lange; wir haben keinerlei Absicht, sie heute noch in Gang zu setzen. (Man hört es läuten, wie wenn ein Zug angekündigt wird; dann überquert das Krokodil schnaufend die Bühne.)

Achras: Also bitte scheen, nicht wahr, was ist denn das schon wieder?

Vatter Ubu: Das ist ein Käuzchen.

Das Gewissen: Das ist ein ausgeprägtes Kriechtier; übrigens (er befühlt es) besitzen seine Gliedmaßen alle Merkmale der Spezies der Schlangen.

Vatter Ubu: Also, es ist ein Wal, denn der Wal ist der aufgeblasenste Kauz, den es gibt; und dieses Tier kommt mir recht aufgeblasen vor.

Das Gewissen: Und ich sage Ihnen, es ist eine Schlange.

Vatter Ubu: Ein Beleg für die Blödheit und Unsinnigkeit meines Herrn Gewissens! Wir dachten uns schon lange bevor Sie es sagten: es ist tatsächlich eine Schlange! Sogar eine Klapper -!

Achras (beschnuppert es): Eines ist gewiß, nicht wahr: es ist kein Polyeder.

- Alfred Jarry, Ubu Hahnrei oder Der Archaeopterix. In: A.J., Ubu. Stücke und Schriften. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1897)

Gewissen (4)  Ueberhaupt jede Inkonsequenz, jede Unbedachtsamkeit, jedes Handeln gegen unsere Vorsätze, Grundsätze, Ueberzeugungen, welcher Art sie auch seien, ja, jede Indiskretion, jeder Fehlgriff, jede Balourdise [Tölpelei] wurmt uns hinterher im Stillen und läßt einen Stachel im Herzen zurück. Mancher würde sich wundern, wenn er sähe, woraus sein Gewissen, das ihm ganz stattlich vorkommt, eigentlich zusammengesetzt, ist: etwan aus 1/5 Menschenfurcht, 1/5 Deisidämonie [Dämonenfurcht], 1/5 Vorurtheil, 1/5 Eitelkeit und 1/5 Gewohnheit: so daß er im Grunde nicht besser ist, als jener Engländer, der geradezu sagte: I cannot afford to keep a conscience (ein Gewissen zu halten ist für mich zu kostspielig). - Schopenhauer, Preisschrift Über die Grundlage der Moral

Gewissen (54) »Das Gewissen des Menschen kann tatsächlich mit dem Stachel einer Biene verglichen werden, der, weit davon entfernt, zum Wohlbefinden des Besitzers beizutragen, nicht einmal einen einzigen Augenblick funktionieren kann, ohne dessen Tod herbeizuführen. Sein Wert vom Standpunkt des Überlebens ist infolgedessen jedenfalls rein sozialer Art; und wenn die Menschheit von ihrer jetzigen Phase der sozialen Entwicklung jemals zu der eines höheren Individualismus übergeht, wie manche unserer Philosophen zu hoffen wagen, dürfen wir annehmen, daß dieses interessante geistige Phänomen allmählich verschwinden wird, genau wie die Muskeln und Nerven, mit denen früher die Bewegungen unserer Ohren und unserer Kopfhaut bei allen Menschen mit Ausnahme einiger zurückgebliebener Individuen der Atrophie anheimgefallen und nur noch für den Physiologen von Interesse sind.«  - Dorothy Sayers, Ein Toter zu wenig. Frankfurt am Main 1973

Gewissen (55) Das Gewissen ist vermessen in dem Starken, schüchtern in dem Schwachen und Unglücklichen, unruhig in dem Unentschlossenen, also ein Organ der Stimmungen, die uns beherrschen, und der Meinungen, die uns lenken.   - (vauv)

Das Gewissen ist die veränderlichste aller Normen. - - (vauv)

 

Verantwortung Prüfung Beurteilung

 

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