rblasser  Und warum sollten sie mich geliebt haben, den alten Knauser, der immer nur mit seinem Wohlergehen beschäftigt war, seinem Besitz, seinen Bankkonten, mies und schmuddelig, jähzornig, ironisch, geringschätzig, ganz zu schweigen von seinen Lastern, die nicht ohne waren, sie müssen schon in ihrer frühen Jugend Wind davon bekommen haben, sie redeten untereinander darüber, machten sich lustig die Drecksäcke, Rowdies, Kümmerlinge, Mißgeburten. Ah, da kommt er wahrhaftig im großen Staat aus seinem Haus, die Füße voran, kneif mich damit ich nicht lache, kneif mich sag ich dir, der ganze Klimbim für das bißchen Scheiße, die Hälfte der Erbschaft, auf mein Wort, wir gucken in die Röhre, ich lach mich tot, wir stehen nicht im Testament, die andern wissen es noch gar nicht, die machen ihre Leichenbittermiene, das wird was geben beim Notar, verdammt, hast du die Blumen und Kränze gesehen, für unser geliebtes Onkelchen, für unsern teuren Großonkel, für unsern treuen Freund in Liebe in Treue in ...

Zugunsten der Irrenanstalt.

Sie werden keinen roten Heller bekommen.

Und so ganze Abende lang sich sein Begräbnis vorgestellt, in allen Einzelheiten, die kleinsten Details, die Feier auf dem Land, der Weg vom Schloß zur Kirche, die Messe in Latein, damit das Vergnügen länger dauert, Orgel mit allen Registern, dann von der Kirche zum Friedhof, feierliches Tempo des Ersteklasse-Leichenwagens, fünf Kilometer in der Stunde, an allen vier Ecken des Daches Urnen, auf dem schwarzen Tuch mit den adligen Initialen silbergestickte Tränen, und dahinter die ganze Sippschaft in tiefer Trauer, unter der brennenden Sonne, das kann nur im Juli sein, sie schwitzen wie die Affen, mein Gott wie lang diese Strecke ist, gleich geben sie den Geist auf, ihren edlen Geist der gerade den Wert der beiden Wohnsitze überschlägt, die eines Museums würdigen Stilmöbel, die vielen Hektar Land, die Moneten auf der Bank und alles andere, alles andere, von dem er nie geredet hat, der Drecksack, haben wir uns abgezappelt mit Besuchen, freundliche Grimassen gezogen, sind ihm um den Bart gestrichen, und die vielen Geburtstagsgeschenke, aber nie eine liebevolle Geste, ewige Verdammnis für dieses Mistvieh, das tut wenigstens gut, sind wir nicht bald da, meine Knie sind schon stocksteif, der muß uns auch noch als Toter das Leben sauer machen, ach ich habe ganz vergessen dem Diener wegen des Weins Bescheid zu sagen, nachher wird sein Keller geleert.

Der Drecksack lachte sich ins Fäustchen.   - (apok)

Erblasser (2)  Aber was für ein Theater, als man das Testament entdeckte, der Doktor war darauf gestoßen als er die Papiere in der obersten Schublade dieses kleinen Schränkchens durchsah, das in der Schlafzimmerecke rechts vom Eingang stand, ja was für ein Theater, er sieht dies ist mein Testament auf einem blauen Umschlag geschrieben und sofort hat er gedacht daß er der einzige ist, der sich erlauben darf es zu öffnen, als bester Freund des Verstorbenen, dann hat er gezögert, er überlegte, daß er die Gesetze nicht kenne, doch seine Gefühle für den Verstorbenen waren stärker und da er sich sagt, daß das Dokument in die falschen Hände geraten könne, öffnet er den Umschlag und findet einen zweiten darin und dann einen dritten, da hat er sich gesagt Vorsicht, hier kann etwas Ernstes dahinterstecken, er hat sein Gefühl dem Notar gegenüber nicht erklären können und dabei gilt er weiß Gott nicht als ängstlich oder geneigt, die Dinge zu dramatisieren. Er hat also die Umschläge dem Notar übergeben der gesagt hat das ist ein besonderes Schreiben, das den Richter angeht, wir wollen ihm das Dokument zugehen lassen, was sie auch tun und schon fangen die Komplikationen an, man müßte die Fachausdrücke kennen um keinen Unsinn zu sagen, kurz sechs Monate Hin und Her um herauszufinden, ob der Erblasser seine gesunden Sinne beieinander hatte und die Fachleute zögerten, da die Dinge sich von einer so merkwürdigen Seite zeigten, doch die Zeugen, vor allem die Haushälterin, konnten bestätigen daß er geistig völlig normal war, dann erwähnte das Testament als Erben einen Neffen, der bereits tot war und seinerseits einen Neffen hinterließ der inzwischen ebenfalls gestorben war, also der Erblasser hatte auf Grund Gott weiß welcher Überlegungen sicher vorausgesehen, daß es so war, kurz nach ausführlichen Erwägungen kam man zu der Gewißheit daß der Doktor der einzige Erbe im Sinne des Verstorbenen war, warum hatte er ihn nicht einfach genannt? - Robert Pinget, Passacaglia. Neuwied und Berlin 1971 (zuerst 1969)

Erblasser (3)  Das Testament beschäftigte den Vater unaufhörlich, solange er nicht mit mir darüber gesprochen hatte. Jedesmal wenn er mich sah, mußte er daran denken. Und endlich, eines Abends, platzte er heraus: «Ich muß dir sagen, daß ich mein Testament gemacht habe.»

Um ihn von seiner Beklemmung zu befreien, verbarg ich, wie sehr mich seine Mitteilung überraschte, und sagte: «Ich persönlich werde mich mit einer so unangenehmen Sache nie zu beschäftigen haben. Ich hoffe bestimmt, daß alle meine Erben vor mir sterben werden!»

Es beunruhigte ihn augenblicklich, daß ich über eine so ernste Angelegenheit scherzte. Er hatte das Bedürfnis, mich dafür zu bestrafen. So fiel es ihm nicht schwer, mir mitzuteilen, welchen Streich er mir gespielt: daß er mich nämlich unter die Vormundschaft Olivis gestellt hatte.  - (cos)

 

Testament Hinterlassenschaft

 

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