ar, amerikanische  Weit und breit nur Idioten. Im Ernst. An dem winzigen Tischchen links von mir, beinahe auf meinem Ellbogen, saß ein komischer Vogel mit seinem komischen Mädchen. Vielleicht waren sie etwas älter als ich, aber nicht viel. Sie amüsierten mich. Sie paßten höllisch auf, um nur nicht zu rasch das Trinkzwang-Minimum auszutrinken. Ich hörte ihrer Unterhaltung eine Weile zu, da ich nichts anderes zu tun hatte. Er erzählte ihr von einem Footballmatch, bei dem er nachmittags gewesen war. Ich übertreibe nicht, daß er jede verdammte Einzelheit des ganzen Spiels schilderte. Er war der langweiligste Mensch, dem ich je zugehört habe. Und sein Mädchen interessierte sich nicht im geringsten für Fußball, das sah man deutlich. Aber da sie sogar noch armseliger aussah als er, mußte sie wohl zuhören, ob sie wollte oder nicht. Richtig häßliche Mädchen haben es schwer. Manchmal tun sie mir furchtbar leid. Manchmal kann ich ihren Anblick kaum ertragen, besonders wenn sie mit irgendeinem Hohlkopf zusammensitzen, der ihnen alle Einzelheiten von einem verdammten Footballmatch erzählt. Auf meiner rechten Seite war die Konversation zwar noch schlimmer. Da saß ein typischer Yale-Student in grauem Flanellanzug und karierter Weste. Alle diese Esel von der Ivy League sehen sich ähnlich, mein Vater will mich nach Yale oder vielleicht auch nach Princeton schicken, aber nicht einmal, wenn ich am Sterben wäre, würde ich auf ein so snobistisches College gehen, das schwöre ich. Dieser Yale-Mensch hatte ein fabelhaftes Mädchen bei sich. Junge, sie sah wirklich phantastisch aus. Aber ihre Unterhaltung hätte man hören sollen. Beide hatten leichte Schlagseite. Er fummelte unter dem Tisch an ihr herum und erzählte ihr gleichzeitig von irgendeinem in seinem College, der einen Haufen Aspirin geschluckt hatte und fast umgekommen wäre. Das Mädchen wiederholte immer: «Wie schrecklich! Laß das doch. Liebling, bitte. Nicht hier.» Man stelle sich vor, daß einer gleichzeitig an einer herumfummelt und von einem Selbstmordversuch erzählt! Das gab mir den Rest.   - J. D. Salinger, Der Fänger im Roggen. Reinbek bei Hamburg 1969 (rororo 851, zuerst 1951)

Bar, amerikanische (2) »Ist nicht mehr wie früher«, hörte Case jemand sagen, als er sich mit den Schultern einen Weg durch die Menge an der Tür vom Chat bahnte. »Ist grade so, als haste so'n riesiges Drogendefizit entwickelt.« Es war eine Sprawl-Stimme und ein Sprawl-Witz. Das Chatsubo war eine Bar für eingesessene Ausländer im freiwilligen Exil; man konnte dort eine Woche bechern, ohne ein Wort Japanisch zu hören.

Ratz schmiß die Theke. Seine Armprothese zuckte monoton, als er einen Schwung Gläser mit Kirin vom Faß. füllte. Er sah Case und lächelte. Sein Gebiß war ein vertracktes Gebilde aus osteuropäischem Stahl und schokobrauner Fäule. Case fand einen Platz an der Theke zwischen der unwahrscheinlichen Bräune einer Hure von Lonny Zone und der steifen Marineuniform eines großen Afrikaners, dessen Wangen mit präzisen Reihen von Stammesnarben geritzt waren. »Er war schon da. Wage, mit zwei Mackern«, sagte Ratz und schob Case mit seiner unversehrten Hand ein Bierglas über die Theke zu. »Geschäft mit dir, Case?«

Case zuckte die Achseln. Das Mädchen zu seiner Rechten stupste ihn kichernd.

Der Barkeeper grinste. Seine Häßlichkeit war legendär. Im Zeitalter käuflicher Schönheit hatte sein Mangel daran Signalwirkung. Der altertümliche Arm ächzte, als er nach einem anderen Glasgriff. Es war eine russische Militärprothese, ein Greifer mit sieben Funktionen, rückkopplungsgesteuert, kraftgetrieben und eingegossen in schmuddeliges, pink Plastik. »Spielst den Künstler, Herr Case.« Ratz grunzte, ein Geräusch, das als sein Lachen füngierte. Er kratzte sich mit der pink Klaue durch das weiße Hemd den überhängenden Bauch. »Jonglierst mit etwas komischen Deals.«

»Klar«, sagte Case und nippte an seinem Bier. »Irgend jemand hier muß ja komisch sein. Du bist's ganz sicher nicht, verdammte Scheiße.«

Das Kichern der Hure stieg um eine Oktave.

»Und du auch nicht, Schwester. Also zieh Leine, okay? Zone ist ein persönlicher Freund von mir.«

Sie sah Case in die Augen und gab den allerleisesten Spucklaut von sich, ohne die Lippen groß zu bewegen. Aber sie ging.

»Herrje!« sagte Case. »Was für ein mieses Bumslokal ist das hier? Man kann nicht mal was trinken.«

»Ha«, sagte Ratz, der mit einem Lappen über das abgescheuerte Holz wischte, »Zone kommt mit Prozenten rüber. Du darfst hier rein für den Unterhaltungswert Zugange sein.«

Als Case nach seinem Bierglas griff, brach einer jener seltsamen Augenblicke von Schweigen an, als wären hundert eigenständige Gespräche mit einemmal an einer Pause angelangt. Dann ertönte das schrille Kichern der Hure, von einer gewissen Hysterie durchsetzt.

Ratz brummte. »Es geistert.« - William Gibson, Neuromancer. München 1992 (zuerst 1984)

Bar, amerikanische (3)   Von der Seite tanzte eine Rothaarige im karierten Spielanzug herein. Ihre nackten Beine waren gepudert; ihr Gesicht war geschminkt wie eine grelle deutsche Puppe. Über ihre kalkweißen Oberschenkel wanden sich blaue Adern. Sie sah Williams an, sang:

»I can't give you anything but love, ba-hay-bee
That's the only thing I've plenty of, ba-hay-bee...«

Vier Männer in gutsitzenden Abendanzügen schlenderten die Gangway am anderen Ende des Raums hinunter und blieben unten stehen, um dem Mädchen im Spotlight zuzusehen. Die dunklen Augen eines der beiden jüngeren Männer schweiften durch den Raum, verharrten eine Sekunde lang unverhohlen taxierend auf den beiden Mädchen an Cranes Tisch und glitten dann weiter. Schließlich stieß er den untersetzteren der beiden älteren Männer an, und drei von ihnen gingen auf die Tanzfläche zu; der andere, jüngere Mann blieb zurück. Mit mahnend erhobener Hand vertrat der dicke Oberkellner ihnen den Weg, aber der Untersetzte stieß ihn zur Seite. Die drei gingen gemächlich am Rand der Tanzfläche entlang weiter, und ihre Rücken bildeten düstere Flecken in dem Lichtviereck, in dem der Rotschopf im Spielanzug gerade sang:

»Diamond bracelets Woolworth doesn't sell, ba-hay-bee.«

Die drei Männer in Abendanzügen blieben vor dem kleinen Tisch stehen, an dem die üppige Blondine mit den Federn und ihr Begleiter saßen. Der kleine Mann aß gerade; er blickte auf; Überraschung wölbte seine Augenbrauen; dann versuchte er sich in sinnloser Hast hochzurappeln. Der Dicke zog eine blauschwarze Pistole unter seiner Achsel hervor und schoß ihm ins Gesicht. Die Blondine kreischte entsetzt, ihre Federn bauschten sich, als sie seitlich vom Stuhl fiel. Die Kugel traf weit unten und riß dem Kleinen einen Teil des Kiefers weg. Er schlug beide Hände vor die Wunde, kippte vornüber, und zwischen seinen Fingern hindurch tropfte Blut auf die Tischdecke. Der Untersetzte schoß ihm zweimal durch den Schädel.

Vom Mund des Rotschopfs im karierten Spielanzug gellte ein Schrei auf. Einer der Männer drohte ihr mit dem Finger.

»Schnauze, Süße«, sagte er, »sonst reiß ich dir die Höschen runter.« - Jonathan Latimer, Wettlauf mit der Zeit. Zürich 1990 (zuerst 1935)

Bar, amerikanische (3)

Bar, amerikanische (4)

- Aus: Hans Hillmann. Fliegenpapier. Nach Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte Flypaper. Frankfurt am Main 1990

Bar Amerikaner

 

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