chule  1894, am 13. Juli, bin ich in Odessa auf der Moldawanka als Sohn eines jüdischen Händlers geboren. Der Vater ließ mich bis zu meinem sechzehnten Jahr Hebräisch, die Bibel und den Talmud studieren. Das Leben zu Hause war schwer. Vom Morgen bis in die Nacht mußte ich mich mit vielen Wissenschaften befassen. Erholen konnte ich mich erst in der Schule. Sie hieß: Kaiser Nikolai I. Handelsschule zu Odessa. Dort lernten die Söhne ausländischer Kaufleute, die Kinder jüdischer Makler, angesehene Polen, Altgläubige und viele wesentlich ältere Billardspieler. In den Pausen gingen wir weg, an den Hafen zum Fechten oder in die griechischen Cafés Billard spielen oder auf die Moldawanka, um in einem der Keller billigen bessarabischen Wein zu trinken.  - Isaak Babel, Autobiographie, nach (babel)

Schule (2)  Als erstes lernte ich in der Schule, daß manche Schüler dumm sind, und als zweites, daß einige andere sogar noch dümmer sind. - Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt. Frankfurt am Main 2011

Schule (3) Wie benenne ich nur den Raum, in aem icn die Bekanntschaft mit dem Alphabet machen sollte? Eine genaue Bezeichnung wird sich wohl kaum finden lassen, denn dieser Raum diente den verschiedensten Zwecken. Er war zugleich Schule, Küche, Schlafzimmer, Speisesaal, gelegentlich auch Hühnerstall, Schweinestall. Damals dachte noch niemand an prächtige Schulpaläste; eine armselige Zuflucht genügte.

Über eine breite feststehende Leiter gelangte man von diesem Raum aus in das obere Stockwerk. Unter der Leiter stand ein großes Bett in einer Art Bretterverschlag. Und was befand sich dort oben? Ich habe es nie so recht gewußt. Ich sah wohl mal den Lehrer einen Armvoll Heu herunterholen, das der Eselin zugedacht war, auch mal einen Korb Kartoffeln, den die Hausfrau über dem Kessel ausschüttete, in dem das Futter für die Ferkel gekocht wurde. Es mußte wohl so etwas wie ein Dachboden sein, ein Vorratslager für Mensch und Tier. Die ganze Wohnung bestand nur aus diesen beiden Räumen.

Sehen wir uns noch einmal in der Schule um. Nach Süden hin ein Fenster, das einzige im ganzen Haus, ein schmales niedriges Fenster, dessen Rahmen man mit dem Kopf und beiden Schultern zugleich berühren kann. Diese sonnendurchflutete Öffnung ist der einzige helle heitere Ort in der ganzen Behausung; sie blickt über den größten Teil des Dorfes hinweg, das auf den Hängen eines Talkessels liegt. In dieser Fensternische steht auch der kleine Tisch des Lehrers.

In die gegenüberliegende Wand ist eine Nische eingelassen, in der ein mit Wasser gefüllter kupferner Eimer leuchtet. Dort schöpfen die Durstigen Wasser, wenn es sie danach gelüstet, mit einer in Reichweite für sie bereitstehenden Tasse. Im oberen Teil der Nische glänzt auf ein paar Küchenbrettern das zinnerne Tafelgeschirr, Schüsseln, Teller, Becher, die nur an hohen Festtagen aus ihrem Gehäuse heruntergeholt werden.

Fast überall dort, wo noch etwas Helligkeit hinfällt, sind an den Wänden Bilder befestigt, deren große Farbflächen leuchten. Da ist Notre-Dame-des-Sept-Douleurs, die schmerzerfüllte Gottesmutter, die den blauen Mantel halb zurückschlägt und ihr von sieben Schwertern durchbohrtes Herz entblößt. Zwischen Sonne und Mond, die mit großen runden Augen auf uns hinabschauen, steht Gott Vater in seinem wie vom Sturm aufgeblähten wallenden Gewand.

Dort drüben rechts vom Fenster in der Nische dann Der Ewige Jude. Er trägt einen dreieckigen Hut, eine große weiße Lederschürze, derbe Nagelschuhe und einen gediegenen Stock. «Noch nie sah man je einen so bärtigen Mann», besagt das Klagelied, das als Inschrift die Darstellung umrahmt. Der Zeichner hat dieses Detail nicht vernachlässigt: Der Bart des alten Mannes fällt schneelawinenartig auf die Schürze und reicht bis zu den Knien hinab.

Links vom Fenster ist dann Genoveva von Brabant m Begleitung der Hirschkuh. Im Gestrüpp verbirgt sich der wilde Golo, den Dolch in der Hand. Darüber hängt der Tod des Herrn Crédit, auf der Schwelle seiner Schenke von säumigen Schuldnern erschlagen. - (fab2)

Schule (4) Die Eltern haben es eilig, ihre Kinder in die kleinen Gefängnisse zu bringen, die man Schulen nennt. Herdengefängnisse, die nicht immer unsanft sind. Erst wenn die Kinder die längste Zeit des Tages eingefangen gehalten werden, fühlen sich die Eltern ein wenig sicherer. Und die Kinder werden zugeschnitten zu Sitzenden. Das ist der erste wichtige Schritt. Ihnen wird der letzte Teil des Sinnes für Freiheit genommen, und sie sollen nun eine neue Welt ohne gesehene Wirklichkeit aus dem Gehörten aufbauen. In den Schulen haben Lehrer die Verwaltung der Kinderherden. Sie sind ängstliche Hirten. Die Lehrer sind junge Menschen, die man früh im Wachstum gehemmt hat, damit sie sich nicht zu weit von der Art des Kindes entfernen. Sie sind Unglücklich-Zufriedene, denn sie werden ernährt und wissen nicht wie und woher. Aber sie leben und bleiben Hirten der kleinen Schafe. Jeder Lehrer hat sich in ein kleines Viertel der Vergangenheit eingelebt. Nein, eingedacht, denn die Vorzeiten in Griechenland, in Rom, in der Welt von Kleinasien können in niemandem mehr Wirklichkeit werden, und sie werden am wenigsten zur Wirklichkeit für den, der auch in der Gegenwart keine Welt durch seine eigene Erfahrung erobert hat. - Ernst Fuhrmann, Leerlauf der Erziehung. Nach (fuhr)

Schule (5)

- Jean Giraud (Moebius)

Schule (6) Der Handel ist die Schule des Betrugs.   - (vauv)
 
 

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