ebenslauf    JEAN-FRANÇOIS PAUL DE GONDI ist im September 1613 als dritter Sohn des Marschalls de Retz auf Schloß Montmirail geboren. Sein Großvater Albert war zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus Florenz nach Lyon gegangen, der spätere Kardinal stammte also wie der von ihm gehaßte Mazarin aus italienischer Familie. Nach dem Tode seines Bruders (1622) wird Retz für die kirchliche Laufbahn und damit zum Nachfolger seines Onkels als Erzbischof von Paris bestimmt. In Clermont empfängt er von 1625 an eine vorzügliche Ausbildung, vor allem in den klassischen Sprachen, dem Hebräischen, dazu dem Deutschen, Italienischen und Spanischen. Ein spanischer Autor, Graciän, scheint seinen Stil nachhaltiger als irgendein anderer beeinflußt zu haben. Mit vierzehn Jahren wird er Kanonikus von Notre-Dame, mit achtzehn beschreibt er die Verschwörung des Fiesco, mit zwanzig studiert er Theologie an der Sorbonne, mit dreißig wird er Koadjutor von Paris. Es folgt 1644 die Ernennung zum Erzbischof von Korinth (in partibus), im August 1648 die Entscheidung für die Fronde und gegen Mazarin. Auch nach Beendigung der l. Fronde (1 April 1649) läßt er keine Ruhe, im Verlaufe der 2. Fronde wechselt er, gefügig gemacht durch den Kardinalshut (19. Februar 1652), das Lager, wird aber am Ende des Jahres gefangengenommen und nach Vincennes verbracht. Weder das Eintreten des Papstes, noch des französischen Klerus, noch der Sorbonne ändern Retzens Lage; er verzichtet dennoch nicht auf das Pariser Erzbistum, durchkreuzt vielmehr beim Tode seines Onkels (21. März 1654) die Pläne des Königs. Er wird nach Nantes verbracht und flieht am 8. August, gelangt schließlich über Spanien Ende Oktober nach Rom, wo er am Konklave für Alexander VII. teilnimmt. Von Rom aus betreibt er weitere Intriguen gegen Paris, die zu Schwierigkeiten zwischen Frankreich und dem Vatikan führen. 1656—57 reist er unter falschem Namen, erst in Frankreich, dann in Deutschland und Holland. Das ganze Jahr 1658 und 1659 vagabundiert er in den Niederlanden; als auch der Pyrenäenfrieden zwar Conde, aber nicht ihn einbezieht, begibt er sich über Hamburg nach England (November 1660). Nach dem Tode Mazarins kommt es zur Einigung, Retz verzichtet auf sein Erzbistum in Paris und darf nach Frankreich zurückkehren. Er begibt sich nach Commency (14. Februar 1662) und schreibt dort in den nächsten Jahren seine Memoiren. Ludwig XIV. verzeiht ihm nie, bedient sich seiner aber bei den nächsten Konklaven. 1675 zieht sich Retz in das Kloster Saint-Michel zurück, lebt endlich seinem Kirchenamte entsprechend und versucht seine Schulden zu bezahlen, die sich damals auf etwa 4 Millionen Pfund beliefen. Er stirbt am 24. August 1679 und wird in Saint-Denis beigesetzt. - Anhang zu (retz)

Lebenslauf  (2) Ernst Fuhrmann: geboren, am 19.11.1886 in Hamburg, gestorben am 28.11.1956 in New York. Zwischen diesen Eckdaten liegt ein Leben, das zum weitaus größten Teil hinter der Schreibmaschine verbracht wurde, dessen geographischer Verlauf allein von der Möglichkeit zu schreiben diktiert wurde. Fuhrmann lebte dort, wo es Menschen gab, die sein Schreiben bezahlten, seine Bücher druckten. Er schrieb über die biologischen Grundlagen des Staates, über den Urzustand der Sprache, die religiösen Wurzeln der Dichtung, prähistorische Schiffahrt und Fehlentwicklungen der Technik, über die Pflanze als Lebewesen, die Irrationalität des Geld-Begriffs und über Kulturen fremder Völker. „Der Grundzug aller Arbeiten E.F.s ist: Die Anregung zum Zweifeln." (Franz Jung)

Zwei Mal nur ein zeitweiliges Abrücken von der Schreibmaschine: Von 1920 bis 24 war Fuhrmann entscheidend an der Führung des Folkwang-Museums in Hagen beteiligt; 1938 wurde er in die Emigration gezwungen: Er hatte ein homöopathisches Rezept empfohlen, mit dessen Hilfe man auf unschädliche Weise 'wehruntüchtig' wurde.  - Klappentext zu: Ernst Fuhrmann, Der Geächtete. Berlin 1983 (zuerst 1930)

Lebenslauf  (3) Jonathan Swift wurde am 30. November 1667 in Dublin, acht Monate nach dem Tode seines Vaters, eines jungen englischen Rechtsanwaltes, geboren. Die Schul- und Studienkosten in Dublin übernahm ein wohlhabender Onkel. 1689 reiste Swift nach England und wurde Sekretär von Sir William Temple, der sich nach einer bedeutenden Laufbahn als Diplomat unter König Wilhelm III. nach Moor Park zurückgezogen hatte. Dort schloß Swift Freundschaft mit Esther Johnson, »Stella«, der jungen Tochter einer Zofe von Sir Williams Schwester, Lady Giffard. 1695 nahm er eine Stelle an als protestantischer Geistlicher einer winzigen Gemeinde bei Belfast, kehrte aber bereits 1696 nach England zu Sir William Temple zurück. Damals entstanden ›Die Schlacht zwischen den Büchern‹ und ›Eine Geschichte von einer Tonne‹, die erst 1704 veröffentlicht wurden. Nach Temples Tod (1699) kehrte er nach Irland zurück, wurde Pfarrer in Laracor und Mitglied des Domkapitels von St. Patrick in Dublin. Er überredete Stella, ihm mit einer Freundin nach Dublin zu folgen, wo er »seinen Damen«, wie er sie nannte, zusätzlich zu deren eigenem Einkommen eine kleine Rente aussetzte. Seine politischen und literarischen Interessen rührten ihn häufig nach London, er wurde der Freund von Addison, Arbuthnot, Gay, Steele und Pope und schrieb zahlreiche Gedichte, Essays und Flugschriften. Die folgenden Jahre (1710 -11) führten ihn als politischen Journalisten und als Vertrauten der maßgebenden Tory-Politiker Robert Harley, Lord Oxford und Henry St. John, Viscount Bolingbroke, auf den Gipfel seiner politischen Hoffnungen. Die zahlreichen, herzlichen und an Einzelheiten reichen, spielerisch-humoristischen Briefe an Stella aus dieser Zeit sind erhalten geblieben und wurden nach Swifts Tod als ›Journal to Stella‹ veröffentlicht. Zwischen 1707 und 1709 lernte er Esther Vanhomrigh, »Vanessa«, kennen, die ihm 1714 auch nach Irland folgte. 1713 wurde er Dekan des Domkapitels von St. Patrick in Dublin, obwohl er als Lohn für seine politische Tätigkeit auf einen Bischofssitz in England selbst gehofft hatte. Nach dem Sturz der Tories, 1714, kehrte er nach Irland zurück, veröffentlichte politische Flugschriften zur Lage Irlands und gegen Walpole, von denen die ›Tuchhändler-Briefe‹ (1724) und ›Ein bescheidener Vorschlag um zu verhüten, daß die Kinder armer Leute zu einer Last für ihre Eltern oder das Land werden, und um sie zu einem Nutzen für die Gesellschaft zu madien‹ (1729) am bekanntesten geworden sind. Vanessa starb 1723, Stella 1728. ›Gullivers Reisen‹ wurden 1726 nach einem Besuch Swifts in London veröffentlicht. Die letzten Lebensjahre Swifts sind verdunkelt durch die Folgen einer damals unheilbaren Ohrenkrankheit, Gedächtnisschwund und Altersleiden, die sich bei dem überaus sensitiven, im Leben mehrfach enttäuschten Mann besonders stark auswirkten. Er starb am 19. Oktober 1745 in Dublin und wurde in der Kathedrale beigesetzt »ubi saeva indignatio ulterius cor lacerare nequit«, wie es in der selbstverfaßten Inschrift heißt.   - Aus: Jonathan Swift, Gullivers Reisen. Frankfurt am Main 1960 (Fischer Tb., EC 15, zuerst 1726)

Lebenslauf  (4)  Wie das Leben des Ceresianers beginnt, das wußte eigentlich niemand. Jeder Ceresianer wurde eines Tages aus dem magnetischen Zentrum unter Blitz und Donner herausgestoßen — in ganzer Gestalt. Und da lag er denn erst lange Zeit da, ohne viele Lebenszeichen zu geben. Und erst ganz langsam kam er danach zum Bewußtsein.

Und wie der Ceresianer gekommen — so verschwand er auch; eines Tages kehrte er von seinem Frühstück nicht mehr zurück; er wurde aufgesogen von einem der magnetischen Zentren, so daß keine Spur von ihm zurückblieb. Doch dieses Zurückgehen in jenes geheimnisvolle Zentrum fühlte der Ceresianer immer lange Zeit vorher herannahen.

Undurchdringliche Geheimnisse umgaben also das Leben auf der Ceres; niemand konnte sich erklären, wie er entstand — und er wußte auch nicht, wie es war, wenn er verschwand.  - Paul Scheerbart, Zack und Sidi und der große Kopf. Eine Ceres-Novelette. Frankfurt am Main 1985 (Polaris 9. Ein Science Fiction Almanach. Hg. Franz Rottensteiner. st 1168. - Zuerst 1912)

Lebenslauf  (5) Verwickelt ist der Lebenslauf der Libellen (Odonata). Jung und Alt unterschieden sich in Aussehen, Lebensraum und Ernährung.

Die Eier werden im Wasser abgelegt, die daraus schlüpfenden Larven atmen mit Kiemen, leben in einem Medium, in dem ihre Eltern bald ertrinken müßten. Auch die jungen sind schon raffinierte Räuber, fangen aber ihre Beute nicht wie die Adulten mit den Vorderbeinen, sondern mit ihrer Unterlippe, die zu blitzschnell ausklappbaren Greifzangen umgebaut ist. Große Libellenlarven erwischen damit sogar Kaulquappen und kleine Fische. Dieses effektive Jagdinstrument wird Fangmaske genannt, weil es in eingeklapptem Zustand das recht bedrohliche Maul verdeckt.

Die meisten Libellenlarven häuten sich im Wasser sieben- bis elfmal, vergrößern dabei jedesmal ihre Flügelanlagen - bis sie eines schönen Morgens an einem Halm über die Wasseroberfläche klettern, die Larvenhülle aufzuplatzen beginnt, sich eine Libelle herausschiebt, ihre erst noch lappig weichen Flügel langsam streckt, hart werden läßt und los fliegt. - naturspektrum.de

Lebenslauf  (6)  Dass ich in Polen geboren wurde, ist Zufall; ich liebe dieses Land aber so sehr wie Irland, seine Komponente im Westen. Dann kam ich auf die Schule nach Brunn.. (Wie bitte? Nach Brunn, Brno), das kam so: Mein Vater, ein Offizier, fiel während eines Kaisermanövers vor den Augen Seiner Majestät tot vom Pferd; meine Mutter wurde vor Schreck darüber wahnsinnig und wurde in eine Anstalt gebracht, wo man so lange an ihr herumschraubte, bis sie jenen bedauernswerten Zustand wieder annahm, den man normal nennt. Ich habe sie erst mit 30 Jahren kennengelernt. Jedenfalls, ich kam zuerst nach Mähren zu hochadeligen Verwandten, dann nach Gmunden und endlich ganzwoandershin, nach Mecklenburg, auf ein Junkerngymnasium, dort soll ich sogar das Abitur gemacht haben - ich weiss nur, dass ich schon mit 16 Jahren eingeschriebenes Mitglied einer Anarchistenverschwörung war, in atheistischen Zeitschriften Aufsätze über Schülerselbstmorde schrieb und endlich ausriss um Flieger zu werden.  - Hans Jürgen von der Wense, Von Aas bis Zylinder, Bd. I. Frankfurt am Main 2005

Lebenslauf  (7)

- Saul Steinberg, nach: Tintenfass  4, Zürich 1981

Lebenslauf  (8) Ihr Vater war ein Jude; ihre Mutter gehörte der ungarischen Aristokratie an. Ihr Vater soll sich das Leben genommen haben, als er erfuhr, daß seine Frau ein Verhältnis mit einem Mitglied der Familie Esterhazy hatte - ein Verwandter des Esterhazy, der eine Hauptrolle in der Dreyfus Affaire spielte. Als er sein Vermögen in Monte Carlo verspielt hatte, nahm sich der Liebhaber ihrer Mutter das Leben. Nach seinem Tod wurde Margits Mutter wahnsinnig und verbrachte zwanzig Jahre in einer Klinik in Wien. Margit wurde von einer Schwester ihres Vaters erzogen, die die Geliebte eines brasilianischen Kaffeeplantagenbesitzers war. Margit Levy sprach ein Dutzend Sprachen. Sie hatte Koffer voller Photographien, Briefe, alle Arten von Dokumenten, die die Wahrheit ihrer Erzählungen bezeugten. Sie sagte mir oft: »Aus meinem Leben könnte man nicht nur ein Buch machen, sondern eine ganze Literatur. Die Hollywood Filme sind ein Kinderspiel, verglichen mit dem, was ich erlebt habe.«

Jetzt lebte Margit Levy in einem einzigen Zimmer als Pensionärin einer alten Jungfer und überlebte mit der Altersrente. Sie litt an Rheumatismus und konnte kaum gehen. Sie trippelte mit winzigen Schritten, indem sie sich auf zwei Stöcke stützte. Obwohl sie behauptete, in den Sechzigern zu sein, rechnete ich mir aus, daß sie einiges über siebzig sein mußte. Margit Levy lebte in einem Zustand der Verwirrung. Jedesmal, wenn sie mich besuchte, vergaß sie etwas - ihre Handtasche, ihre Handschuhe, ihre Brille, ja selbst einen ihrer Stöcke. Manchmal färbte sie ihr Haar rot, manchmal schwarz. Sie legte Rouge auf ihr runzeliges Gesicht und benutzte zu viel Wimperntusche. Unter ihren dunklen Augen hatte sie schwarze Säcke. Die Nagel ihrer verkrümmten Finger waren grellrot lackiert. Ihr Hals erinnerte mich an ein gerupftes Huhn. Ich hatte ihr gesagt, daß meine Sprachkenntnisse nicht sehr gut seien, er wieder und wieder sprach sie zu mir Französisch, Italienisch oder Ungarisch. Obwohl ihr Name jüdisch war, trug sie, wie ich bemerkte, unter der Bluse ein kleines Kreuz, und ich nahm an, daß sie übergetreten war. Margit Levy hatte sich einmal eines meiner Bücher aus der Stadtbibliothek geliehen, und seitdem las sie alles, was ich schrieb. Sie versicherte mir, sie habe all die Kräfte, die ich in meinen Geschichten beschrieb - Telepathie, Hellsehen, Vorahnungen, oder die Fähigkeit, mit Toten in Beziehung zu treten. Sie besaß ein Ouija-Brett und einen kleinen Tisch ohne Nägel. So arm sie war, auf einige okkulte Zeitschriften war sie abonniert. Nach ihrem ersten Besuch bei mir schüttelte sie mir die Hand und sagte mit zitternder Stimme: »Ich wußte, daß Sie in mein Leben kommen würden. Dies wird meine letzte große Freundschaft sein.«

Und sie brachte mir als Geschenk ein Paar Manschettenknöpfe, die sie vom Grafen Esterhazy geerbt hatte - jenes Esterhazy, der in einer Nacht achtzigtausend Kronen verspielt und sich dann eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte. - Isaac Bashevis Singer, Nachbarn. In: I.B.S., Der Kabbalist vom East Broadway. München 1978 (zuerst 1972)

Lebenslauf  (9)

Lebenslauf  (10)

Wie nun der Sterblichen ihr gantzer Lebens-Lauf
Sich in der Kindheit pflegt mit Spielen anzufangen /
So hört das Leben auch mit eitel Spielen auf.
Wie Rom denselben Tag mit Spielen hat begangen /
An dem August gebohrn, so wird mit Spiel und Pracht
Auch der Entleibten Leib in sein Begräbnüs bracht.

Ja Rom hat gar den Tod selbst in ein Spiel verkehrt /
Wenn Knechte durch Gefecht aufopfern Blutt und Leben /
Wo durch die Glutt der Leib der Keyser wird verzehrt /
Und wenn der Rath dem Volck ein Mahl und Spiel wil geben.
Doch hat Acastus schon Begräbnüs-Spiel erdacht /
Und Theseus in den Schwung die Trauer-Lust gebracht.

Der blinde Simson bringt sich spielend in das Grab;
Und unsre kurtze Zeit ist nichts als ein Gerichte.
Ein Spiel / in dem bald der trit auf / bald jener ab;
Mit Thränen fängt es an / mit Weinen wirds zu nichte.
Ja nach dem Tode pflegt mit uns die Zeit zu spieln /
Wenn Fäule / Mad' und Wurm in unsern Leichen wühln.

- Daniel Casper von Lohenstein. Widmung  zu: Sophonisbe.  Trauerspiel. Breslau 1680 (Reinbek b. Hamburg 1968, rk 514/515)

Lebenslauf  (11)  Es ist wirklich unglaublich, wie nichtssagend und bedeutungsleer, von außen gesehen, und wie dumpf und besinnungslos, von innen empfunden, das Leben der allermeisten Menschen dahinfließt. Es ist ein mattes Sehnen und Quälen, ein träumerisches Taumeln durch die vier Lebensalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken. - Schopenhauer, nach: TAZ v 24.12.16

Richtung Bewegung Leben

 

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