Vorschrift   Clairwil übergab  dem Sekretär die vorgeschriebene Summe und empfing ein Papier, welches man mir laut vorzulesen befahl. Diese Druckschrift hatte den Titel: „Vorschriften für die der Gesellschaft der Verbrechensfreunde angehörenden Frauen."

„Hier sind sie," sagte Frau von Lorsange, „und sie sind zu interessant, um sie nicht vorzulesen:*

In welchem Stande oder Stellung auch die, welche dieses Papier unterschreibt, auch sei, so dient sie als Frau einzig und allein von dem Moment an zum Vergnügen des Mannes. Man muß ihr daher Vorschriften geben, um ihr Vorgehen sowohl ihrem Geldsack als ihrer Lüsternheit geeignet zu gestalten. Nehmen wir die verheiratete Frau. Denn die, welche ohne verheiratet zu sein mit einem Manne leben, sei es als Geliebte, sei es als Ausgehaltene, tragen dieselben Ketten und finden daher im folgenden die gleichen weisen Ratschläge, um sich der Ketten zu entziehen oder sie leichter zu gestalten. Es wird daher unter dem Worte Mann im folgenden Geliebter, Gatte, Aushälter usw. gemeint, kurz jeder, der Anspruch erhebt auf ein Weib. Denn welchem Stand immer sie angehört, sei es, daß sie millionenreich ist, immer soll sie trachten, Geld aus ihrem Körper zu machen. Denn das oberste Gesetz für alle Frauen ist niemals anders, als für Geld oder aus Zügellosig-keit zu vögeln. Und da sie gar oft gezwungen ist, sieh die zu bezahlen, die ihr gefallen, so muß sie trachten, sich einen Fonds dafür zu schaffen, indem sie die bluten läßt, mit denen sie verkehrt, ohne daß sie ihr gefallen. Doch gilt dies nur für die Außenwelt, für die Gesellschaft gelten die soeben beschworenen Statuten.

1. Um die nötige Gleichgültigkeit zu bewahren, sei es, daß sie für Geld, sei es, daß sie zu ihrem Vergnügen vögelt, muß sie immer das Herz von Liebe frei halten. Denn wenn sie zu ihrem Vergnügen vögelt, so wird sie, wenn sie verliebt ist, wenig Genuß haben. Aus der Bestrebung, ihrem Geliebten Genuß zu schaffen, kommt das Hindernis für ihren eigenen Genuß. Vögelt sie aber für Geld, wird sie niemals den, den sie liebt, aussaugen können, und das ist ja ihre Hauptbeschäftigung mit dem Manne, der zahlt.

2. Wenn sie daher von dieser metaphysischen Phantasie, der Liebe, absieht, so wird sie zu ihrem Vergnügen sich den aussuchen, der das schönste Glied hat und dem es am besten steht, und als Zahler den, der am besten zahlt.

3. Sie vermeide immer vorsorglich die sogenannten Herzensliebhaber. Die vögeln genau so schlecht als sie zahlen. Sie halte sich an Kammerdiener, an Lastträger. Das sind die richtigen Hengste, das sind die schweigenden Schwänze. . . . Man wechselt sie wie das Hemd, und es gibt keine Indiskretion.

4. Wer immer der Mann sei, der sie gefesselt hält, sie hüte sich vor der Treue. Dieses kindische und romantische Gefühl dient nur dazu, eine Frau ins Unglück zu stürzen und ihr großen Kummer zu bereiten. Sie kann sicher sein, daß es ihr nie irgend welche Freuden verschaffen wird. Und warum sollte sie treu sein, wo erwiesenermaßen kein Mann unter der Sonne es ist? Und ist es nicht lächerlich, daß das gebrechlichste, schwächste aller Geschlechter, welches beständig von allen Seiten in das Vergnügen gedrängt wird, welches durch tägliche Versuchungen prädestiniert ist, zu unterliegen, daß gerade dieses Widerstand leisten soUte, während das andere zum Schlechten nur durch seine eigene Schlechtigkeit getrieben wird? Und überhaupt, wozu dient die Treue der Frau? Liebt der Mann sie wirklich, muß er zartfühlend genug sein und alle ihre Schwächen dulden, ja, sogar im Geiste ihre Freuden mitmachen, ihre Wollust teüen. Liebt er sie nicht, wahrlich, verrückt wäre sie, die Ketten geduldig zu tragen, die der andere täglich bricht. Die Treulosigkeit der Frau ist ein Natur-fehler, die des Mannes entsteht aus Schlechtigkeit und Gemeinheit. Die Frau, um die es sich hier handelt, wird sich daher keine Treulosigkeit versagen. Im Gegenteil, sie wird sich stets, ja täglich neue Gelegenheit dazu verschaffen.

5. Die Falschheit ist eine der Frau innewohnende Charaktereigenschaft. Jederzeit war sie die Waffe des Schwachen. Immer in,Gegenwart ihres Herrn und Meisters, wie sollte sie ohne Lüge und Falschheit der Unterdrückung widerstehen? Sie gebrauche daher ihre Waffen ohne Zagen: Sind sie ihr doch von der Natur gegen ihre Unterdrücker verliehen. Die Männer wollen betrogen werden, ein angenehmer Irrtum ist süßer als eine traurige Wahrheit. Ist es nicht besser, wenn sie ihre Fehler verbirgt als sie eingesteht?

6. Eine Frau soll nie einen eigenen Charakter haben. Sie soll sich mit Kunst dem Charakter jener Leute anbequemen, an welchen sie das meiste Interesse hat, sei es, um ihren Lüsten, sei es, um ihrer Habsucht zu frönen. Doch soll diese Nachgiebigkeit ihr nie die nötige Energie rauben, die sie braucht, um alle Verbrechen, die ihrer Wollust dienen oder ihr schmeicheln, zu durchkosten: Ehebruch, Blutschande, Kindesmord, Gift, Diebstahl, Totschlag, kurz alle, die ihr angenehm dünken und denen sie unter der Maske der Scheinheiligkeit und Falschheit ungestört frönen kann, ohne Reue, ohne Furcht. Sie sind in der Natur der Frauen gelegen und nur falsche Erziehungsprinzipien verhindern sie, sich täglich mit ihnen liebevoll zu befassen, was sie eigentlich sollten.

7. Sie trachte, daß ein Lebenswandel voller Ausschweifungen, die sich täglich vergrößern und erneuern, und seien es auch die wüstesten, ohne sie zu erschrecken die Grundlage aller ihrer Freuden sei. Wenn sie der Stimme der Natur horcht, so wird sie finden, daß sie die heftigste Neigung zu dieser Sorte von Freuden mitbekommt und daß sie sich daher denselben täglich ohne Sorge hingeben soll. Je mehr sie sich ihren Lüsten hingibt, desto mehr dient sie der Natur und durch Zurückhaltung tut sie ihr Gewalt an.**

8. Niemals soll sie sich irgend einer Lasterhaftigkeit, die ihr ihr Männchen vorschlägt, versagen. Die vollste Bereitwilligkeit wird in diesem Falle eines der Hauptmittel sein, den gefangen zu halten, den sie sich erhalten will. Die Wollust an der Frau ermüdet rasch. Welche andere Mittel hätte sie, sie wieder zu erwecken. Er wird gesättigt und läßt sie stehen. Aber wenn er mit Dankbarkeit sieht, wie die Frau seine Gelüste errät und kennt, wie sie sie vorherahnt und sich in ihnen vergräbt, dann wird er, sage ich, sich immer heftiger an sie klammern, je veränderter er den Besitz der Frau täglich findet. Dann wird sie ihn auch leichter betrügen können. Und das ist schließlich die teuerste Pflicht jedes Weibes, dem wir hier ihre Pflichten vorschreiben.

9. Es vermeide dieses reizende Wesen im Verkehr mit ihrem Männchen jegliche Ziererei und Sittsamkeit. Es gibt wenige, welche das lieben, und man lauft Gefahr, die zu ermüden, welche es nicht lieben. Sie möge diese Maske gebrauchen, um in der Welt zu imponieren, wenn sie es für nötig hält, denn schließlich ist jeder Betrag gut, und jedes Mittel zu betrügen soll gebraucht werden.

10. Vor allem soll sie aber die Schwangerschaft vermeiden. Sie gebrauche alle Lustarten, welche den Samen von dem fruchtbaren Boden fernhalten, und töte den Keim sofort, wenn sie ihn zu fühlen glaubt. Die Schwangerschaft verdirbt, zerstört die Figur und bringt keinen Nutzen. Um so mehr gebe sie sich den widernatürlichen Genüssen hin. Diese entzückende Wollust gewährt ihr mehr Vergnügen und zugleich Sicherheit. Fast alle Frauen, die es versucht, halten sich daran. Der Gedanke, auf diese Weise dem Manne viel mehr Vergnügen zu verschaffen, muß für sie, zartfühlend wie sie sind, eine gewichtiger Grund sein, keine andere Art zu wählen.

11. Niemals lasse ihr gepanzertes Herz irgendwelche Empfindsamkeit aufkommen. Es wäre ihr Ruin. Eine gefühlvolle Frau muß alles Unglück gewärtigen, denn da sie schwächer und empfindsamer wie der Mann, wird alles, was diese Gefühle angreift, sie zerfleischen, und dann Adieu jegliche Lust. Die ganze Veranlagung der Frau deutet auf Unzucht. Wenn sie sich aber durch ein Übermaß an Empfinden, welches wir ja zu vernichten trachten, an einen einzelnen Mann hängt, so bricht sie im selben Moment mit allen Freuden des Lasters, den einzigen die für sie taugen und die sie mit Wollust erfüllen nach ihrer Naturbeschaffenheit.

12. Jegliche Religionsübung vermeide sie sorgfältig. Diese Torheiten, die sie längst mit Füßen getreten haben muß, könnten sie höchstens durch das Gewissen zur Tugend zurückführen, und wenn sie diesen Weg einschlägt, muß sie allen ihren Gewohnheiten, allen Freuden entsagen. Diese schrecklichen Banalitäten verdienen nicht die Opfer, welche man ihnen bringt, und man vergibt mit ihnen die Wirklichkeit für den Traum. Gottlos, grausam, ausschweifend, lasterhaft, falsch, blutgierig, blutschänderisch und pervers, so soll die Frau sein, die der Gesellschaft der Verbrechensfreunde angehören will. Das sind die Verbrechen, die sie zu den ihren machen muß, wenn sie Glück bei uns finden will.

* Ihr philosophischen und wollüstigen Frauen, die Ihr diese Zeilen lest, euch gilt unser Wort.   Nehmet die Lehre an und danket für die Sorgfalt, die wir verwenden, um euch zu erleuchten. Niemals werdet ihr wahre Wonnen kennen, ohne blinde Hingabe an diese Regeln. Glaubet uns, wir denken nur an euer Glück, indem wir sie euch mitteilen.

** Fast alle keuschen Frauen sterben jung oder werden verrückt, verkrüppelt, siech zu einer gewissen Zeit. Sie haben alle einen bitteren, heftigen Charakter, welcher sie der Gesellschaft unerträglich macht.

   - (just)

 

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