Unvergeßbarkeit  In einem Buchladen der Calle Sarmiento grub ich eine Ausgabe von Barlachs Urkunden zur Geschichte der Zahirsage (Breslau, 1899) aus.

In diesem Buch fand ich mein Leiden erklärt. Wie aus der Einführung hervorgeht, versucht der Verfasser »in einem handlichen Großoktav-Band alle Dokumente zusammenzutragen, die sich auf den Aberglauben von Zahir beziehen, einschließlich von vier Texten, die dem Archiv Habicht zugehören, und der Originalhandschrift von Philip Meadows Taylors Abhandlung«.

Der Zahirglaube ist islamisch und entstand anscheinend im achtzehnten Jahrhundert. (Barlach verwirft die Abschnitte, die Zotenberg dem Abulfeda zuschreibt.) »Zahir« bedeutet auf Arabisch »offenkundig«, »sichtbar«; in diesem Sinn ist es einer der neunundneunzig Namen Gottes. In mohammedanischen Ländern wird das Wort vom gemeinen Volk benutzt, um »Dinge zu bezeichnen, die die entsetzliche Eigenschaft der Unvergeßbarkeit haben und deren Bild die Leute schließlich in den Wahnsinn treibt«. Das erste einwandfreie Zeugnis darüber stammt von dem Perser Lutf Ali Azur. Auf den präzisen Seiten der biographischen Enzyklopädie Der Feuertempel berichtete dieser Polygraph und Derwisch, daß es in einer Schule zu Schiraz ein kupfernes Astrolabium gegeben habe: »solcherart, daß, wer auch immer es einmal gesehen hatte, nie mehr an etwas anderes denken konnte; weswegen der König den Befehl erteilte, dasselbe in den Tiefen des Meeres zu versenken, auf daß die Menschen darüber nicht des Universums vergäßen«. Ausführlicher ist die Untersuchung von Meadows Taylor (er stand im Dienst des Nizams von Haiderabad und verfaßte den berühmten Roman Confessions of a Thug). Um 1832 hörte Taylor in den Vororten von Bhuj die sonderbare Redewendung: »Wahrlich, er hat den Tiger erblickt« zur Bezeichnung von Wahnsinn oder Heiligkeit. Man sagte ihm, daß es sich um einen magischen Tiger handle, der jedem, der ihn auch nur von fern sah, zum Verhängnis wurde, da alle bis ans Ende ihrer Tage weiter an ihn denken •müssen. Jemand sagte, einer dieser Unglücklichen sei nach Mysore geflohen, wo er die Gestalt des Tigers an die Wände eines Palastes gemalt habe. Jahre später besichtigte Taylor die Gefängnisse dieses Reichs; in dem von Nithur zeigte ihm der Gouverneur eine Zelle, an deren Boden, Wände und Deckengewölbe ein muselmanischer Fakir (in barbarischen Farben, die die Zeit eher verschärfte denn verwischte) eine Art unendlichen Tiger gemalt hatte. Dieser Tiger bestand aus einer schwindelerregenden Vielzahl von Tigern; er war durchkreuzt von Tigern, enthielt Meere, Himalajas und Heere, die weitere Tiger zu sein schienen. Der Maler war vor vielen Jahren in der nämlichen Zelle gestorben; er stammte aus Sind oder Gujarat und hatte eigentlich eine Karte der Welt zeichnen wollen. Von diesem Vorhaben fanden sich noch Spuren in dem monströsen Gebilde. Taylor erzählte sein Erlebnis Mohammed Al-Yemeni von Fort William; dieser belehrte ihn, daß es nichts Erschaffenes auf der Welt gebe, das nicht zum Zaheer* neige, der Allerbarmer lasse jedoch nicht zu, daß er zur gleichen Zeit zwei Dinge sei, da ein einziges genüge, um Tausende in Bann zu schlagen. Er sagte, daß es stets einen Zahir gebe; daß es im Zeitalter der Unwissenheit ein Götzenbild namens Yaúq gewesen sei und später ein Prophet in Khorasan, der ständig einen juwelenbesetzten Schleier oder eine goldene Maske** getragen habe. Er sagte auch, daß Gott unerforschlich sei.

* So schreibt Taylor dieses Wort.
** Barlach merkt an, daß Yaüq im Koran zu finden ist (71, 23), und daß es sich bei dem Propheten um Al-Moqanna (Der Verschleierte) handle; außer dem überraschenden Korrespondenten von Philip Meadows Taylor habe jedoch keiner diese beiden mit dem Zahir in Verbindung gebracht.
   - (bo3)

 

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