Straßenleben  Ich will ich Ihnen ein flüchtiges Gemählde von einem Abend in London auf der Strase machen, das ich mündlich nicht blos ausmalen, sondern auch noch mit einigen Gruppen vermehren will, die man nicht gern mit so dauerhaffter Farbe, als Dinte, malt. Ich will dazu cheapside und fleetstreet nehmen, so wie ich sie in voriger Woche, da ich des Abends etwas vor 8 Uhr aus Herrn Boydells Hauß nach meinem Logis gieng, gefunden habe. Stellen Sie sich eine Strase vor etwa so breit als die Weender, aber, wenn ich alles zusammen nehme, wohl auf 6mal so lang. Auf beyden Seiten hohe Häuser mit Fenstern von Spiegel Glas. Die untern Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen gantz von Glas zu seyn; viele tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemählde, Frauenzimmer Putz und Unputz, Gold, Edelgesteine, StabüU Arbeit, Caffeezimmer und Lottery Offices ohne Ende. Die Straße läßt, wie zu einem Jubelfeste illuminirt, die Apothecker und Materialisten stellen Gläßer, worin sich Dietrichs Cammer Husar baden könte, mit bunten Spiritibus aus und überziehen gantze Quadratruthen mit purpurrothem, gelbem, grünspangrünem und Himmelblauem Licht. Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen, und kützeln mit ihren Aufsätzen die Nasen, für weiter keine Mühe und Kosten, als daß man beyde nach ihren Häusern kehrt; da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Aepfeln und Orangen, dazwischen schlupfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, offt nicht bewachte weißar-migte Nymphen mit seidenen Hütchen und seidenen Schlenderchen. Sie werden von ihren Herrn den Pasteten und Torten weißlich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem armen Geldbeutel seinen zweytlezten Schilling zu rauben, denn hungriche und reiche zu reitzen, wären die Pasteten mit ihrer Atmosphäre allein hinreichend. Dem ungewöhnten Auge scheint dieses alles ein Zauber; desto mehr Vorsicht ist nöthig, Alles gehörig zu betrachten; denn kaum stehen Sie still, Bums! läuft ein Packträger wider Sie an und rufft by Your leave wenn Sie schon auf der Erde liegen. In der Mitte der Strase rollt Chaise hinter Chaise, Wagen hinter Wagen und Karrn hinter Karrn. Durch dieses Getöße, und das Sumsen und Geräusch von tausenden von Zungen und Füßen, hören Sie das Geläute von Kirchthürmen, die Glocken der Postbedienten, die Orgeln, Geigen, Leyern und Tambourinen englischer Savoyarden, und das Heulen derer, die an den Ecken der Gasse unter freyem Himmel kaltes und warmes feil haben. Dann sehen Sie ein Lustfeuer von Hobelspänen Etagen hoch auflodern in einem Kreis von jubilirenden Betteljungen, Matrosen und Spitzbuben. Auf einmal rufft einer dem man sein Schnupftuch genommen: stop thief! und alles rennt und drückt und drängt sich, viele, nicht um den Dieb zu haschen, sondern selbst vielleicht eine Uhr oder einen Geldbeutel zu erwischen. Ehe Sie es sich versehen, nimmt Sie ein schönes, niedlich angekleidetes Mädchen bey der Hand: come, My Lord, come along, let us drink a Glass together, or I'll go with You if You please;' dann passirt ein Unglück 40 Schritte vor Ihnen; God bless me, rufen Einige, poor creature ein Anderer; da stockt's und alle Taschen müssen gewahrt werden, alles scheint Antheil an dem Unglück des Elenden zu nehmen, auf einmal lachen alle wieder, weil einer sich aus Versehen in die Gosse gelegt hat; look there, damn me, sagt ein Dritter und dann geht der Zug weiter. Zwischen durch hören Sie vielleicht einmal ein Geschrey von hunderten auf einmal, als wenn ein Feuer auskäme, oder ein Haus einfiele oder ein Patriot zum Fenster herausguckte. In Göttingen geht man hin und sieht wenigstens von 40 Schritten her an, was es giebt; hier ist man hauptsächlich des Nachts und in diesem Theil der Stadt (the City):) froh, wenn man mit heiler Haut in einem Neben Gäßgen den Sturm auswarten kan. Wo es breiter wird, da läuft alles, niemand sieht aus, als wenn er spatzieren gienge oder observirte, sondern alles scheint zu einem sterbenden gerufen. Das ist Cheapside und Fleetstreet an einem December Abend.

Bis hieher habe ich fast, wie man sagt, in einem Odem weg geschrieben, mit meinen Gedancken mehr auf jenen Gassen, als hier. Sie werden mich also entschuldigen, wenn es sich zu weilen hart und schwer ließt, es ist die Ordnung von Cheapside. Ich habe nichts übertrieben, gegentheils vieles weggelassen, was das Gemählde gehoben haben würde, unter andern habe ich nichts von den umcirckelten Balladen Sängern gesagt, die in allen Winckeln einen Theil des Stroms von Volck stagniren machen, zum horchen und zum stehlen. Ferner habe ich die liederlichen Mädchen nur ein eintziges mal auftreten lassen, dieses hätte zwischen jede Scene, und in jeder Scene wenigstens einmal geschehen müssen. Man wird alle 10 Schritte angefallen, zuweilen von Kindern von 12 Jahren, die einem gleich durch ihre Anrede die Frage ersparen, ob sie auch wüsten, was sie wollen. Sie hängen sich an einen an, und es ist offt unmöglich von ihnen loß zu kommen, ohne ihnen wenigstens etwas zu schencken. Sie packen einen zuweilen auf eine Art an, die ich Ihnen dadurch deutlich genug bezeichne, daß ich sie Ihnen nicht sage. Dabey sehen sich die vorbeygehenden nicht einmal um, da ist liberty und property. - Lichtenberg an Ernst Gottfried Baldinger, nach (mehr)

Straßenleben (2)

- Georges Pichard

Straßenleben (3)  Die galladas der chinos beanspruchten einen zunehmend größeren Teil der Stadt. Sie plünderten ein Geschäft und zogen sich in ihre Gassen zurück. Iguanas schossen quasi pauschal auf sie, doch den chinos schien es gleichgültig, wie hoch ihre Opfer waren. Leben und Tod waren billig in la ciudad dolorosa. Die Kinder konnten bei einem einzigen Raubzug eine halbe gallada verlieren, und anschließend reorganisierten sie sich einfach zu einem neuen Wolfsrudel.

Jacob hätte vielleicht einen Teil des Gemetzels verhindern können. Er hätte sich mit den Kindern auseinander gesetzt. Er hätte sie verhaftet, ihnen eine Strafpredigt gehalten, Lebensmittel zu ihren Verstecken gebracht, und sie waren begeistert, wenn er in den rumbeaderos tanzte, denn er bewegte sich wie ein chino mit einer Leidenschaftlichkeit, die gleichzeitig liebevoll und indifferent war. Aber der Colonel stand unter Hausarrest. Und Muzo mochten die Kinder nicht so besonders, der in ihren barrios aufgewachsen und ein chino de la calle wie sie gewesen war. Er war für sie so etwas wie ein verhasster älterer Bruder, ein chino, der die Straßen überlebt und seine eigene große gallada gebildet hatte, um sie zur Strecke zu bringen. Sie hätten ihm die Augen ausgestochen, so wie Muzos comandos de la muerte es oft genug mit ihnen machten.

Nicht alle Kinder waren Krieger. Es gab locos und kleine Mädchen, die sich von den Zusammenstößen fernhalten mussten. Sie verhungerten, wenn sie nicht einen älteren Bruder hatten. Und gelegentlich gab es galladas kleiner Mädchen, die plünderten, so viel sie konnten. Sie mussten sich vor Entführern schützen, die sie womöglich in Prostitutionsringe trieben und oft genug Soldaten waren. Daher waren diese galladas mit Rasierklingen, angeschärften Flaschenhälsen und Steinen bewaffnet. Wenn Yolanda eine solche gallada sah, zog es ihr das Herz zusammen, denn nichts in Nueva York war damit vergleichbar. Die kleinen Mädchen hatten sich noch nie gewaschen. Sie trugen die miesesten alten Lumpen. Sie besaßen keine Schuhe. Ihre Augen waren dreckverkrustet. Yolanda würde ihnen entweder helfen oder aber schreiend zur Securidad zurückrennen müssen.

»Como se llama, como se llama?«, fragte sie die Mädchen immer wieder.

Tänzelnd entfernten sie sich von Yolanda und verrieten ihre Namen wie ein Schwarm koketter kleiner Mädchen. Estela. Marina. Charo. Immaculata. Rosa. Rosa Secunda. Gabriela. Rosa Trez. Und manche hatten Tiernamen wie Cugara und Tigra. Andere hatten überhaupt keinen Namen und existierten am äußersten Rand der gallada.

Yolanda folgte den Mädchen tiefer und tiefer in das barrio. Sie hatte kein Geld, das sie ihnen geben konnte. Jemand hatte ihren Keuschheitsgürtel gestohlen, als sie bewusstlos bei der Securidad lag. Und so war sie eine barmherzige Schwester, die einem Kind nicht einmal zu essen geben konnte. Eine der chicas musste ihr ein hart gekochtes Ei anbieten, sonst wäre Yolanda selbst verhungert. Das Ei war schmutzig. Yolanda wischte es an ihrer Haut ab.

Sie war das Maskottchen dieser gallada geworden, eine fromme Närrin, die Kindern folgte. Niemand zerkratzte ihr Gesicht. Man nannte sie La Sardina, die Dumme. - Jerome Charyn, Der Tod des Tango-Königs. Zürich 2000

Straßenleben (4)  Die Elmsfeuer über den Straßenbahnen bedeuten nichts. Der Betrunkene setzt den Fuß viel zu weit voraus. Die Treppen reden durcheinander, schlimmer als ein Baum voller Elstern. An der Wand klebt wie ein Plakat ein Liebespaar. In Telefonzellen nicken Mädchen. Lächeln Mädchen. Duschen sich. Der Polizist auf dem Elefantenpodest dreht sich wie der Wetterhahn. Die Mutter, so weit sie sich vorbeugt, was der Junge vom Hof heraufruft, kann sie nicht hören. Aus hohlen Fässern lärmts ringum. Auf dem Geländer sitzen zwei Vierzehnjährige und schauen geradeaus. Als wüßten sie. Die Aktentaschen zappeln an den Händen. Unter den Arm geklemmt, können sie dann nur noch leise schaben. Die Sonne wird nicht fotografiert. Aber sonst. Ein Kirchturm dreht sich um und richtet das erste Wort an das Hochhaus. Der Briefkasten kotzt den Briefträger an. Einarmige Auskunftsbeamte legen den abgenützten Zeigefinger an den Mund. Die Zeitung in der Straßenbahn liest sich langsam laut vor. Der Bettler nimmt den Fahnenmast und stochert sich im Zahn. Der Empfangschef raucht. Alle Tauben landen auf dem Platz, formieren sich zu Dreierreihn, stimmen, das Marschlied an. Alles sieht nach was aus. Eine Einbahnstraße bäumt sich auf, wird von der Putzfrau über die Teppichstange gehängt und geklopft. Zwei Bundeswehrsoldaten auf einer Bank melken ihre Handschuhe, sehnsüchtig. In den Telefonzentralen sitzen die Blinden und schwitzen in den Händen. Quer durchs Lokal schnellt, von ihren Absätzen gestoßen, eine Blondine. Vierzig Augen an der Leine. Auf seinem Plakat beginnt Tarzan zu onanieren. Zwei Brauereipferde sehen ihm aufmerksam zu. Es raucht der Empfangschef. Die Züge kriechen dem Bahnhof rascher in den Mund. Dächer setzen Mast und Segel. Alle schauen auf die Ampeln. Tauben marschieren. Jetzt ist es Zeit. Reden die Treppen. Der Fotograf ist eingeschlafen. Eine Puppe brennt. Signale. Aber, wie immer, von Kindern geblasen.  - Martin Walser, Halbzeit. München 1971 (zuerst 1960)
 
 

Straße Leben

 

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