Sich verlaufen  Eines Tages ging ich allein aus dem Haus. Ich kannte nicht die Häuser oder die Leute in dem Viertel. Ich ging hinaus und ging weiter, und ich ging, ging, bis ich weit fort war, auf dem Boulevard. Und die Nacht kam, und ich fing an zu weinen. Ein Mann fragte mich: »Was ist los?« »Ich weiß nicht, wo meine Mutter ist, und ich weiß nicht, wo mein Haus ist.«

Er sagte: »Komm mit mir. Ich werde dich nach Hause bringen.« Er brachte mich zur Comisaria. Ein Polizist saß auf einem Stuhl in der Türöffnung. Er fragte mich: »Wo wohnst du?«

Ich antwortete ihm: »In Tetuan.«

»Armer Junge«, sagte er. »Komm her.« Er gab mir eine Matte und sagte: »Setz dich dorthin. Hast du Hunger?«

»Ja«, sagte ich. Dann brachte er ein wenig Essen und ein Stück Brot.

»Bist du fertig? Gib mir die Schüssel.« Ich gab sie ihm, und er stellte sie weg. Dann sagte er: »Komm her. Zieh die alte Hose aus. Zieh sie aus. Hab keine Angst.« Ich zog sie aus. »Komm her«, sagte er zu mir. »Setz dich auf meinen Schoß.« Er machte seine Hose auf. »Hab keine Angst«, sagte er wieder. Dann glaubte ich eine Schlange in seiner Hand zu sehen, und ich sprang von seinem Schoß und lief aus dem Zimmer. Er lief hinter mir her, doch ein anderer Mann faßte mich.

»Was ist los?   Wo sind deine Kleider?«

»Im Zimmer«, sagte ich. Der erste Polizist kam angerannt. »Halt ihn fest. Er hat sich verlaufen, gib ihn mir.«

Er steckte mich in ein anderes Zimmer und brachte mir meine Hose.

»Steig rein. Hör auf zu weinen. Ich hab dir doch nichts getan, oder?«

»Nein.«

»Und sag niemandem etwas.«

»Werd ich nicht.«  - Driss ben Hamed Charhadi, Ein Leben voller Fallgruben. Nördlingen 1985 (zuerst 1964, Die Andere Bibliothek 2)

Sich verlaufen (2)
 

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