Nachtportier  Sie erholte sich nie wieder ganz. Sei es durch die harte Arbeit und den Mangel an frischer Luft und Zerstreuung, sei es durch die Krankheit, das Legat, das der kurzfristige Ehemann ihr hinterlassen hatte, sie war jedenfalls keiner noch so kleinen Erschütterung mehr gewachsen, und es gab Zeiten, wo sie immer noch glaubte, das Kind sei mit umgekommen, obwohl sie es in ihren Armen hielt und leise Lieder über ihm summte.

Popeye hätte durchaus auch tot sein können. Erst mit fünf Jahren zeigten sich die ersten Haare auf seinem Kopf, und um diese Zeit war er bereits eine Art externer Anstaltsinsasse: ein unterentwickeltes, schwaches Kind mit einem Magen, der so zart war, daß schon die leiseste Abweichung von der strengen Diät, die der Arzt ihm verordnet hatte, ihn in Krämpfe fallen ließ. »Alkohol würde ihn umbringen wie Strychnin«, sagte der Arzt. »Und ein Mann wird er nie werden, im eigentlichen Sinne. Bei sorgsamer Pflege und Vorsicht wird er noch einige Zeit leben. Aber er wird nie älter sein, als er jetzt ist.« Er sagte das zu der Dame, die Popeye in ihrem Wagen gefunden hatte, an dem Tag, wo seine Großmutter das Haus niederbrannte, und auf deren Veranlassung hin Popeye in ärztliche Behandlung gekommen war. Sie holte ihn an Nachmittagen und in den Ferien manchmal in ihr Haus, wo er dann allein vor sich hinspielte. Sie beschloß, eine Kinderparty für ihn zu geben. Sie erzählte ihm davon, kaufte ihm einen neuen Anzug. Als der Nachmittag kam und die Gäste langsam eintrafen, war Popeye nirgends zu finden. Schließlich stellte ein Dienstmädchen fest, daß eine Badezimmertür verschlossen war. Sie riefen das Kind, bekamen aber keine Antwort. Sie schickten nach einem Schlosser, doch in der Zwischenzeit hatte die Frau in ihrer Angst die Tür bereits mit der Axt aufbrechen lassen. Das Badezimmer war leer. Das Fenster stand offen. Es ging auf ein niedriges Dach, von dem ein Regenrohr zum Boden niederführte. Aber Popeye war fort. Auf den Fliesen lag ein Korbkäfig, in dem zwei Sperlingspapageien gehalten wurden; daneben lagen die Vögel selbst und die blutige Schere, mit der er sie lebendig zerschnitten hatte.

Drei Monate später wurde Popeye auf Veranlassung eines Nachbarn seiner Mutter verhaftet und in ein Heim für schwererziehbare Kinder gebracht. Er hatte in derselben Weise ein kleines Kätzchen zerschnitten.

Seine Mutter war arbeitsunfähig. Die Dame, die versucht hatte, dem Kind Freundlichkeit zu erweisen, unterstützte sie, indem sie ihr Näharbeiten gab und ähnliches. Nachdem Popeye wieder draußen war - er wurde nach fünf Jahren aufgrund untadeliger Führung als geheilt aus der Anstalt entlassen - schrieb er ihr zwei-oder dreimal im Jahr, aus Mobile erst, dann aus New Orleans und dann aus Memphis. Jeden Sommer reiste er nach Hause, um sie zu besuchen, wohlhabend, ruhig, dünn, düster und unzugänglich in seinen knappen schwarzen Anzügen. Er sagte ihr, daß er als Nachtportier arbeite und daß er, um in diesem Beruf voranzukommen, öfter in eine neue Stadt ziehen müsse, ganz wie etwa auch ein Arzt oder ein Rechtsanwalt.

Während er in diesem Sommer auf der Heimreise war, verhaftete man ihn wegen Mordes an einem Mann in einer Stadt und zu einer Stunde, wo er in einer anderen Stadt einen anderen Mann getötet hatte, - ihn, der soviel Geld hatte und doch nichts, wofür er es hätte ausgeben können, da er wußte, daß Alkohol ihn umbringen würde wie Gift, der keine Freunde besaß und nie eine Frau gehabt hatte und der wußte, daß er das alles nie haben würde - und er sagte, »Um Gottes willen«, und blickte sich in der Zelle um, in dem Gefängnis der Stadt, wo der Polizist getötet worden war, und mit der freien Hand (die andere war mit Handschellen an den Beamten gefesselt, der ihn von Birmingham hergebracht hatte) fingerte er sich eine Zigarette aus dem Rock.

»Erstmal soll er seinen Anwalt benachrichtigen«, sagten sie, »und seinem Herzen Luft machen. Wolln Sie telegraphieren?«

»Nein«, sagte er, und seine kalten, sanften Augen streiften kurz das Feldbett, das hohe schmale Fenster, die vergitterte Tür, durch die das Licht fiel. Sie nahmen ihm die Handschellen ab; Popeyes Hand schien eine kleine Flamme aus der dünnen Luft zu reißen. Er zündete sich seine Zigarette an und schnippte das Streichholz nach der Tür. »Was soll ich mit einem Anwalt? Ich bin noch nie hier in —— Wie heißt das Kaff eigentlich?«

Sie sagten es ihm. »Schon vergessen, was?«

»Wird ihm jetzt nicht mehr passieren«, sagte ein anderer.  - William Faulkner, Die Freistatt. Zürich 1981 (zuerst 1931)

Hotel Nacht

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