urch die Wand gehen  "Welches Kunststück möchtest du denn lernen?" fragte der Priester.

„Wenn ich Euch gehen sah, so merkte ich, daß Wände und Mauern Euch nicht behindern können. Wenn ich nur dieses Kunststück könnte, so wäre ich schon zufrieden."

Der Priester sagte lächelnd zu und lehrte ihn einen Zauberspruch, mit dem Wang sich segnen mußte.

Dann rief er: „Nun zu!"

Wang stand mit dem Gesicht nach der Wand, aber wagte nicht hineinzugehen.

Der Priester sprach: „Probier es doch, hineinzugehen!"

Da ging er gemächlich auf die Wand zu, aber sie hielt ihn auf.

Der Priester sprach: „Du mußt den Kopf neigen und einfach frisch drauflosrennen ohne ängstliches Bedenken."

Wang nahm einen Anlauf von einigen Schritten und rannte auf die Wand zu. Als er an die Wand kam, da gab sie nach, als wäre nichts an der Stelle. Er blickte sich um, und richtig war er draußen. Da war er hocherfreut, ging wieder hinein und bedankte sich.

Der Priester sprach: „So, nun geh heim! Du mußt es aber vorsichtig wahren, sonst verliert sich die Kraft."

Darauf gab er ihm Wegzehrung und entließ ihn.

Zu Hause angekommen, rühmte sich Wang, daß er einen Heiligen getroffen habe, und daß die stärksten Wände für ihn kein Hindernis mehr seien. Seine Frau glaubte es nicht. Da wollte er ihr seine Kunst vor Augen führen, trat einige Schritte von der Mauer zurück und lief darauf zu. Er stieß mit dem Kopf an die harte Wand, prallte ab und brach zusammen. Die Frau hob ihn auf und sah nach ihm. Da hatte er an seiner Stirn eine Beule von der Größe eines Eis. Die Frau machte sich über ihn lustig. - (chm)

Durch die Wand gehen (2)   Die gewaltsame entkleidung einer zofe, die lilie polygonatum multiflorum, der aufstieg zur dachkammer, die beschmutzte stelle in der mitte der treppe, der tritt auf die brille, ein ritt auf dem zebra des traumes, ein gang durch die wand, sich woanders befinden, ein neues gras finden.  - H. C. Artmann, Rundum und innen, in: H.C.A., Unter der Bedeckung eines Hutes. Montagen und Sequenzen. Frankfurt am Main 1976

Durch die Wand gehen (3)   »Ich denke, wir sollten dort hineingehen«, sagte der Doktor um erhob sich, als wolle er es auf der Stelle tun.

»Ich bin neugierig, auf welche Weise«, warf der Physiker gelassei ein.

»Du bist wohl wahnsinnig!« rief der Kybernetiker, »Ich bin nicht wahnsinnig. Natürlich, wir können auch so weiter-wandern, unter der Bedingung, daß uns die Individuen mit einem Bein etwas zu essen vorwerfen.«

»Du meinst das doch nicht im Ernst?« fragte der Ingenieur. «Natürlich, und weißt du, weshalb? Weil ich das ganz einfach satt habe,« Er drehte sich um. »Halt!« schrie der Koordinator.

Ohne darauf zu achten, schritt der Doktor auf die Wand zu. Die anderen sprangen auf, um ihn zu halten. Aber während sie ihm noch nachliefen, berührte er bereits mit der Hand den Vorhang. Die Hand verschwand. Eine Sekunde lang stand der Doktor reglos da, dann machte er einen Schritt nach vorn und war verschwunden. Die fünf starrten entgeistert auf die Stelle, wo der Abdruck seines linken Schuhs zu erkennen war. Plötzlich tauchte der Kopf des Doktors über dem Vorhang auf. Sein Hals war wie mit dem Messer abgeschnitten, ihm tränten die Augen, und er nieste ein paarmal. »Etwas stickig hier drinnen«, sagte er, »und es juckt verteufelt m der Nase, aber ein paar Minuten kann man es wohl hier schon aushaken. Wirkt wie Tränengas. Kommt nach, es tut nicht weh. Man spürt überhaupt nichts.«

Dort, wo sich seine Schulter befinden mußte, tauchte sein Arm in der Luft auf.

»Daß dich der .. .!« rief der Ingenieur halb ärgerlich, halb begeistert und ergriff die Hand des Doktors, der ihn mitriß, so daß auch er den übrigen aus dem Blickfeld entschwand. Einer nach dem anderen traten sie an den wogenden Vorhang. Als letzter der Kybernetiker. Er zögerte, räusperte sich, sein Herz pochte. Er kniff die Augen zu und tat einen Schritt nach vorn. Dunkelheit umschloß ihn, dann wurde es hell.  Er war bei den anderen - in einem gewaltigen Raum, der von einem rauschenden asthmatischen Schnaufen erfüllt war. Schräg nach oben, senkrecht und waagerecht, über Kreuz und einander überschneidend, wirbelten und vibrierten riesige Walzen, Rohre oder Säulen unterschiedlicher Dicke; an manchen Stellen bauchten sie sich aus, an anderen wieder wurden sie dünner. Aus der Tiefe dieses sich immerfort in alle Richtungen bewegenden Waldes aus leuchtenden Körpern drang ein hastiges Schmatzen, das urplötzlich verstummte, worauf ein paar glucksende Laute folgten. Diese Lautserie wiederholte sich.

Der bittere Geruch war schwer zu ertragen. Sie mußten alle niesen. Tränen flössen ihnen aus den Augen. Mit Taschentüchern vor dem Gesicht entfernten sie sich ein wenig von dem Vorhang, der von innen wie ein Wasserfall aus einer schwarzen sirupartigen Flüssigkeit aussah.

»So, da wären wir endlich zu Hause! Eine Fabrik, eine automatische Fabrik!« rief der Ingenieur zwischen zwei Niesanfällen. Nach und nach, als sie sich an den bitteren Geruch gewöhnt hatten, vergingen die Niesanfälle, und sie sahen einander mit tränenden, zusammengekniffenen Augen an.

Nach einem Dutzend Schritten auf dem elastischen, wie gespannter Gummi nachgebenden Untergrund tauchten schwarze Brunnen vor ihnen auf. Leuchtende Gegenstände sprangen darin hoch, aber so schnell, daß man ihre Form nicht erkennen konnte. Sie hatten die Größe eines menschlichen Kopfes und schienen zu glühen. Sie flogen in die Höhe, wo eine der Säulen, die sich pfeifenartig über die Brunnen bog, sie einsog, ohne mit dem Rotieren aufzuhören. Die Gegenstände verschwanden nicht gleich, ihr rosa Schein leuchtete noch durch die zitternden Wände der Säule wie durch dunkles Glas, schwächer und schwächer werdend. Man konnte sehen, wie sie im Innern weiterwanderten.  - Stanislaw Lem, Eden. Roman einer außerirdischen Zivilisation. München 1974

 

Wand Hindurchgehen

 

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