Blick von oben    Ich blickte auf eine seltsame und unverständliche Welt, eine so weit von mir abgerückte Welt, daß ich das Gefühl hatte, auf einen anderen Planeten zu gehören. Einmal blickte ich nachts von der Spitze des Empire State Building auf die Stadt hinunter, die ich von unten kannte: da waren sie, in ihrer richtigen Größe, die menschlichen Ameisen, mit denen ich umhergekrochen war, die menschlichen Läuse, mit denen ich gekämpft hatte. Sie bewegten sich im Schneckentempo, und jede erfüllte dabei zweifellos ihr mikrokosmisches Schicksal. In ihrer fruchtlosen Verzweiflung hatten sie dieses kolossale Gebäude errichtet, auf das sie stolz waren und mit dem sie prahlten. Und im obersten Geschoß dieses Kolossalgebäudes hingen von der Decke eine Reihe Käfige herab, in denen die eingesperrten Kanarienvögel ihr sinnloses Getriller trillerten. Auf dem Gipfel ihres Ehrgeizes trillerten diese winzigen Kreaturen ums liebe Leben. Vielleicht, dachte ich mir, würde man in hundert Jahren lebende Menschen in Käfige sperren, fröhliche Irre, die von der kommenden Welt singen würden. Vielleicht würden sie eine Rasse von Trillerern züchten, die trillern würden, während die anderen arbeiteten. Vielleicht würde man in jeden Käfig einen Dichter oder Musiker stecken, so daß das Leben unten unbehindert, eins mit dem Stein, eins mit dem Wald, dahinströmen könnte, ein wogendes, ächzendes Chaos von Null- und Nichtigkeit. Mag sein, daß in tausend Jahren alle verrückt waren, Arbeiter wie Dichter, und alles wieder in Trümmer fiel, wie schon so oft und oft zuvor.   - (wendek)
 

Blick

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