eujahrstag  Er erwachte am Nachmittag des 1. Januar 1984, nackt und ohne Decke auf dem Bett liegend, und fror, war aber zufrieden, daß er den ganzen Tag verschlafen hatte. Der 1. Januar müßte eigentlich verboten sein, der 2. ebenso. Das Jahr sollte erst am 21. März beginnen. Er war überrascht, daß sein Kopf klar genug war, um derart tiefsinnige Überlegungen anzustellen, und schlief wieder ein. Als er dann um neun Uhr wieder erwachte, spürte er drei warnende Stiche in der Lebergegend.  - Manuel Vázquez Montalbán, Die Rose von Alexandria. Reinbek bei Hamburg 1995 (zuerst 1984)

Neujahrstag (2)  Ramon Sanchez, der Sohn des toten Priesters Bepo, ruft uns an.

Er will uns zum Neujahrsfest einladen.

Bei ihm ist die Steinzeitvenus, schwarz, Milagro und die Siebenjährige, die tanzend wieder mit ihren Brüsten wackelt, und ein hübscher Kubaner, den Ramon als seinen Bruder vorstellt. Um zwölf Uhr nachts wirft sich Ramon über die Schwelle zum Spiritistenzimmer vor das Bild seines Vaters.

Ranion wirft sich vor die Suppenschüssel des Gottes Changò, rasselt liegend mit der Rassel.

Ramon wirft sich vor die Suppenschüssel der Göttin Yemaya, rasselt liegend mit der Rassel.

Wir reinigen uns alle die Hände in einer Kalebasse mit milchigem Wasser.

Ramon weint heftig und kurz in den Armen von Milagro. Dann wünschen wir uns alle ein Frohes Neues Jahr. Es gibt Apfelchampagner und jeder kriegt ein Tellerchen mit 12 Weintrauben, eine für jeden Monat.

Roman tanzt Tango zu kubanischen Platten.  - (pet)

Neujahrstag (3)  DIE Dinosaurier begannen auszusterben; die großen Reptilien waren sich dessen bewußt und diskutierten, zunehmend langsamer, über die großen Ereignisse einer Geschichte, die einmal groß, ruhmreich und unvergleichlich war. Die Alten verschlossen sich in träge Konversation oder einsame Meditation - im Bewußtsein, daß kein Tun mehr einen Sinn hätte, daß ihnen keine künftige Größe mehr beschieden wäre, daß sie sündigen könnten oder nicht - alles war einerlei. Jemand versuchte, in sachlichem Stil eine Geschichte der Dinosaurier zu schreiben, gesehen vom Standpunkt der Dinosaurier der letzten Generation; er mußte aber einsehen, daß seine Sprache, so einfach und unverschnörkelt sie auch war, für jedwede andere Rasse, die ihren Platz im Weltregiment einnähme, stets unverständlich bleiben würde. Die Großmütter und Mütter wollten vom ENDE der Dinosaurier nichts hören; sie hüteten die letzten Dinosaurier, spielten mit ihnen, lehrten sie in einfachen Worten für ihre Toten zu beten, den Beistand der Himmlischen zu erflehen und ein unschuldiges und arbeitsames Leben zu führen. Aber die Väter und die jungen Männer zermarterten sich das Gehirn: warum mußten die Dinosaurier, die unumstrittenen Herren der Welt, denen ihre Fülle und eine gewisse gelassene Gewalt Unverwundbarkeit gegenüber jedem anderen Tier sicherten - warum nur mußten gerade sie aussterben? Der ARCHIMANDRIT mit faltiger Haut und vorstehenden Augen hatte die Verweichlichung der Sitten angeprangert und auf den Zorn der Himmlischen hingewiesen; der FREIDENKER - behende und glatt - hatte von mangelndem Freiheitsgeist und unsachgemäßer Ernährung gesprochen; als Heilmittel waren die freie Liebe, die Abschaffung der Scheidung, die Todesstrafe und die Öffnung der Gefängnisse vorgeschlagen worden; es war offenkundig, daß niemand etwas begriff, ausgenommen die Tatsache, daß jeder Neujahrstag auf Erden eine spärlichere Zahl von Dinosauriern zählte.  - (pill)
 
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