Kultur  Die Kinder hatten eine echte Liebe und Begeisterung für Kultur, und für sie barg sie keine Gefahren, denn sie konnten ihrer, wann sie Lust hatten, wieder entraten. Das tragende Symbol der Kultur war für sie eine alte deutsche Kuckucksuhr, die im Eßzimmer hing. Inmitten eines Gebüsches von roten Rosen riß zu jeder vollen Stunde ein Kuckuck sein Türchen auf und schoß daraus hervor, um mit heller frecher Stimme die Zeit zu verkünden.  Sein Erscheinen war für die jugendlichen Bewohner der Farm jedesmal ein neues Vergnügen. Am Stand der Sonne schätzten sie genau ab, wann der Mittagsruf fällig war, und um Viertel vor zwölf konnte ich sie von allen Seiten auf das Haus zuströmen sehen, hinter sich einen Schwanz von Ziegen, die sie nicht allein zurückzulassen wagten. Die Köpfe der Kinder und der Ziegen schwammen durch das Buschwerk und das lange Gras des Waldes wie die Köpfe von Fröschen in einem Teich. Sie ließen ihre Ziegen auf dem Rasen und kamen lautlos auf ihren nackten Füßen heran; die größeren waren zehn, die kleinsten zwei Jahre alt. Sie benahmen sich musterhaft und beobachteten eine Art selbsterfundenes Besuchszeremoniell, das darin bestand, daß sie ungehindert im Hause umhergehen durften, solange sie nichts anfaßten, sich nicht setzten und nicht unangesprochen den Mund aufmachten. Wenn der Kuckuck hervorgestürzt kam, ging eine lebhafte Welle von Entzücken und verhaltenem Lachen durch die Schar. Zuweilen geschah es auch, daß einer von den kleinen Hirten, dem das Gefühl von Verantwortung für seine Ziegen abging, am frühen Morgen ganz allein hereinkam, sich lange vor die Uhr hinstellte, die stumm und verschlossen dahing, und ihr auf kikuju in langsamem Singsang eine Liebeserklärung vortrug und gemessenen Schrittes wieder davonging.  - (blix2)

Kultur (2)  Wir haben der Kultur in den letzten Jahrzehnten viele Schimpfnamen gegeben. In den siebziger Jahren nannten wir sie ÜBERBAU; das war marxistisch gemeint und zielte auf ihre Abhängigkeit von der Ökonomie. In den achtziger Jahren hieß sie ALIBI, was auch nicht viel netter war. Am unfreundlichsten war Theodor W. Adorno, der ihr in seiner »Ästhetischen Theorie« knapp und schroff den Namen MÜLL verpaßte. Am anderen Ende der Skala dachte Arnold Gehlen, der das »Ästhetische« kurz und bündig das »Folgenlose« nannte.  - Wilhelm Genazino, Achtung Baustelle. Frankfurt am Main 1998

Kultur (3)

Kultur (4)  Dieses »fundamentale Problem aller Kultur« ist von nun an Nietzsches Thema. Werke X, S. 169 bezeichnet er »das Nachahmen« als »das Mittel aller Kultur, dadurch wird allmählich der Instinkt erzeugt. Alles Vergleichen (Urdenken) ist ein Nachahmen«. - Hugo Ball, nach: H. B., Der Künstler und die Zeitktankheit. Ausgewählte Schriften. Frankfurt am Main 1988
 

 

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