Entpferdung   Ich lerne eine entsetzliche Statistik kennen. Im Gegensatz zu den dreißig bis vierzig Pferden, die früher zum Schlachten kamen, treffen jetzt tagtäglich fünfhundert bis sechshundert Pferde im Viehhof ein. Der Januar brachte fünftausend geschlachtete Pferde, der März würde zehntausend bringen. Der Grund — kein Futter. Die Tataren zahlen für ein ausgemergeltes Pferd bis zweitausend Rubel. Die Qualität der Schlachtpferde ist schrecklich gestiegen. Früher sah der Schlachthof nur alte, dem Verenden nahe Tiere. Jetzt kommen immer wieder treffliche Arbeitspferde ans Messer, Dreijährige, Vierjährige. Alle verkaufen — Droschkenkutscher, Fuhrleute, Privatbesitzer und die Bauern aus der Umgebung. Der Prozeß der »Entpferdung« vollzieht sich mit scheußlicher Schnelle, und das angesichts des Frühjahrs, vor der einsetzenden Arbeit. Die Dampftreibkraft verringert sich katastrophal. Mit der lebenden Kraft, die wir so nötig brauchen, geschieht das gleiche. Bleibt denn überhaupt noch was ?

Man hat errechnet, daß seit Oktober (dem Monat, als das riesige Anwachsen der Schlachtungen einsetzte) eine Anzahl Pferde getötet wurde, die dem Schlachthof in normalen Zeiten Arbeit für zwölf bis fünfzehn Jahre gewährleistet hätte.

Ich verließ die Stätte der letzten Pferderuhe und begab mich in die Kneipe »Das Vorwerk«, die dem Schlachthof gegenüberliegt. Die Restauration war voll von Tataren — Schlächtern und Händlern. Sie verbreiteten den Geruch von Blut, Kraft und Wohlleben.  - (babel)

 

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