reistigkeit   Was tut an erster Stelle not? - Dreistigkeit; was an zweiter und dritter? - Dreistigkeit. Und doch ist Dreistigkeit ein Kind der Unwissenheit und Gemeinheit, und bei weitem minderwertiger als andere Eigenschaften. Nichtsdestoweniger schlägt sie Schwachköpfe und furchtsame Naturen, aus denen ja der größte Teil der Menschheit besteht, ganz und gar in ihren Bann. Sie wirkt sogar auf den Weisen in seinen schwachen Augenblicken. Daher hat sie denn auch in demokratischen Staaten Erstaunliches erreicht, weniger allerdings in Aristokratien und Monarchien; auch mehr beim ersten Auftreten dreister Menschen auf dem Schauplatze, als bald nachher, da Dreistigkeit schlecht Wort hält. So wie es Quacksalber für den menschlichen Körper gibt, so gibt es eben auch Quacksalber für den Staatskörper; Leute, die große Kuren unternehmen und vielleicht mit ein oder zwei Versuchen Glück gehabt haben, denen indessen die Grundlagen der Wissenschaft fehlen, so daß sie bald nicht weiterkönnen. Man kann sogar einen dreisten Gesellen gar oft das Wunder Mahomets tun sehen. Mahomet spiegelte nämlich dem Volke vor, daß er einen Berg zu sich rufen und von dessen Gipfel Gebete für seine Anhänger emporsenden würde. Das Volk versammelte sich; Mahomet rief den Berg einmal über das andere, er solle zu ihm kommen; da jedoch der Berg stillstand, war er nicht im geringsten verlegen, sondern sprach: »Wenn der Berg nicht zu Mahomet kommt, so wird Mahomet zum Berge kommen.«

Ebenso tun derartige Menschen, wenn sie große Dinge versprochen haben, welche ihnen schmählich mißlungen sind (falls sie nur Dreistigkeit genug besitzen), als ob nichts geschehen wäre, machen kehrt, und alles ist erledigt. Freilich, Leuten von Verstand dienen dreiste Menschen als Zielscheibe des Spottes, ja sogar für den gemeinen Mann hat Dreistigkeit etwas von Lächerlichem an sich. Denn Albernheit verlacht man bekanntlich, und in großer Dreistigkeit steckt stets ein Zusatz von Albernheit. Besonders spaßig anzusehen ist, wenn ein dreister Bursche aus der Fassung kommt. Sein Gesicht nimmt dann eine höchst einfältige und hölzerne Miene an, wie es auch nicht anders sein kann. Denn beim schüchternen Menschen wechselt der Ausdruck immer ein wenig, aber beim dreisten erstarrt er bei der gleichen Gelegenheit; gerade wie im Schachspiel beim patt, wo keiner matt ist, jedoch das Spiel nicht weitergeführt werden kann. Das letztere wäre indes zu einer Satire geeigneter als zu einer ernsthaften Betrachtung. Man achte aber recht darauf, daß Dreistigkeit stets blind ist, weil sie weder Gefahren noch Hindernisse sieht. Daher ist sie untauglich beim Beraten über eine Unternehmung, gut dagegen in der Ausführung. Am verwendbarsten sind dreiste Menschen daher nicht als Führer, sondern in der zweiten Linie, unter der Oberleitung von andern. Denn es ist wohl bei Entschlüssen gut, Gefahren zu sehen, aber nicht in der Ausführung, außer wenn sie sehr bedeutend sind.   - Francis Bacon, nach (bes)

 

Unverschämtheit

 

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