wischenwelt  Vordergründig stellt sich für Epikur das Problem so dar, daß er die weite Verbreitung von Göttervorstellungen unter den Menschen zur Kenntnis und zum Anlaß nahm, ihr Auftreten aus den inneren Voraussetzungen seines Systems zu erklären. Die Schlüsselstellung kam da dem Satz von der Untrüglichkeit der Wahrnehmungen und Vorstellungen zu: Haben die Menschen Gottesvorstellungen, muß es Götter geben. Gelten konnte dies freilich nur im Rahmen der Naturgesetze. Götter durften — wie Menschen — nur als atomare Gebilde existieren, das Weltgebäude weder steuern noch beeinflussen, kurz, auf gar keinen Fall als »Störfaktor« wirken. Um dies zu gewährleisten, siedelte Epikur sie kurzerhand in den riesigen Leerräumen (metakosmia, Intermundien) zwischen den Welten an. Da sie dort keinem Atomaufprall und somit keinen zerstörenden Kräften ausgesetzt sind, führen sie ein ewiges, uneingeschränkt glückhaftes Leben, das entsprechend der verbreiteten antiken Wertschätzung der Muße durch ihr Untätigsein nicht beeinträchtigt, sondern eher gesteigert wird. Von dort gelangen ihre Abbilder zu uns; von besonders feiner Beschaffenheit, vermögen sie das Himmelsgewölbe, die Grenzmarke unserer Welt, zu durchdringen. Direkte Wirkungen auf Welt und Mensch üben die Götter dagegen nicht aus. - Ernst Günther Schmidt, Vorwort zu (luk)

Zwischenwelt (2) Als das Feuer hell brannte und die Krähe davor aufgespießt war, entschloß sich Gunga Daß  zu einer Antwort. Ohne irgendwelche Einleitung ging er sofort zum eigentlichen Thema über:

»Es gibt nur zwei Arten von Menschen, Sar: die lebenden und die toten. Wenn Sie tot sind, Sar, dann sind Sie eben tot, und wenn Sie lebendig sind, nun, dann sind Sie ein Lebendiger.« Hier nahm die Krähe seine Aufmerksamkeit wieder voll in Anspruch, denn sie wirbelte vor dem Feuer herum und konnte jeden Augenblick zu Asche verbrennen. »Wenn Sie zu Hause sterben, aber noch nicht tot sind, und man Sie zum Verbranntwerden zu dem Ghaut trägt, so kommen Sie hierher an diesen Ort.«

Die Natur dieses stinkenden Dorfes war mir jetzt mit einem Schlage klar. Alles, was ich jemals an Schrecklichem und Groteskem über solche Einrichtungen gelesen oder gehört, verblaßte vor dem, was mir dieser ehemalige Brahmane soeben mit ein paar Worten angedeutet hatte. Als ich vor sechzehn Jahren zum erstenmal nach Bombay kam, erzählte mir ein wandernder Armenier von einem irgendwo in Indien existierenden Ort, an den man Hindus brächte, wenn sie das Unglück gehabt hatten, aus Trance oder Starrsucht wieder zu erwachen. Man hielte sie dort fest, damit sie nicht entkommen könnten. Damals lachte ich über die Geschichte und hielt sie für Reisendengeschwätz. Jetzt, wo ich selber in dieser Menschenfalle aus Sand saß, tauchte die Erinnerung an Watsons Hotel mit seinen fächelnden Punkahs, den weißgekleideten Dienern und an das wachsgelbe Gesicht des Armeniers vor mir auf wie eine scharfentwickelte Photographie. Ich brach in ein krampfhaftes Lachen aus: der Kontrast war zu absurd!

Gunga Daß hatte sich über den unappetitlichen Vogel gebeugt, beobachtete mich jedoch dabei neugierig. Hindus lachen selten; überdies war die Umgebung auch nicht besonders geeignet, zum Lachen zu reizen. Er zog die gebratene Krähe mit feierlicher Miene von dem Holzspieß und verzehrte sie ebenso feierlich. Dann fuhr er in seiner Erklärung fort. Ich gebe sie hier mit seinen eigenen Worten wieder:

»Bei Choleraepidemien trägt man die Leute zum Scheiterhaufen, auch wenn sie noch nicht ganz tot sind. Werden sie nun ans Flußufer gebracht, so erwachen manche wieder durch die frische Luft. Werden sie nur ein wenig lebendig, so legt man ihnen Lehm auf Nase und Mund. Hilft das nicht, so legt man ihnen noch mehr Lehm auf; sie sterben dann meistens unter Zuckungen. Werden sie aber allzu lebendig, dann läßt man >Das mit Lehm< sein und schleppt sie fort. Ich, zum Beispiel, war allzu lebendig und wehrte mich gegen solch unwürdige Behandlung, denn ich war damals noch ein Brahmane und ein stolzer Mann. Jetzt freilich bin ich ein toter Mann und esse« - hier blickte er auf den abgenagten Brustknochen des Vogels mit dem ersten Zeichen innerer Bewegung, seit ich ihn gesehen - »Krähen und anderes Zeugs. Man nahm mich vom Scheiterhaufen herunter, als man sah, daß ich zum Verbrennen noch zu lebendig war, gab mir eine Woche lang Medizinen ein, und ich wurde wieder gesund. Dann schickte man mich per Eisenbahn mit einem Mann zur Aufsicht zu der Station Okara. Dort kamen noch zwei dazu, und wir wurden nachts auf Kamelen hierhergebracht. Dann warf man mich hier herunter in den Krater und die beiden andern hinterdrein. Jetzt bin ich hier seit zweieinhalb Jahren. Ja, ja, einst war ich eine Brahmane und ein stolzer Mann, und jetzt esse ich - Krähen.« - Rudyard Kipling, Morrowbie Jukes' Ritt zu den Toten, nach (ki)

Zwischenwelt (3) ELISE: «Ich bin überzeugt, daß du hier beständig mit einem Dämon zusammenlebst. In der Nacht nämlich nach deiner Abreise wußte er nicht mehr aus noch ein und irrte von einem Stockwerk zum ändern durch das Haus. Er suchte dich. Einmal hat er sich auch an mich herangemacht, sehr förmlich und mit aller Behutsamkeit eines Diplomaten, als wollte er mich überlisten; wobei er bisweilen aus der strengsten Höflichkeit in die größte Intimität hinüberwechselte. Einmal zum Beispiel setzte er sich auf mein Bett und berührte meine Knie. Da sagte ich ganz trocken zu ihm: ‹Ich schätze solche Vertraulichkeiten nicht.› Enttäuscht darüber, daß er seine Zwecke, die ich nicht kenne, bei mir nicht erreichte - spielte er auf meine Rechtschaffenheit an? - wandte er sich zur Türe und murmelte dabei vor sich hin: ‹So, jetzt weiß ich, woran ich bin. Das genügt.› Ich wüßte nicht zu sagen, wo diese Begegnung stattfand; gewiß nicht im Bereich des gewöhnlichen Lebens oder dem des Traumes, sondern in einem Zwischenreich. Ich weiß auch noch, daß sich eine Diskussion zwischen uns erhob, eine Art Disput und Streit, aber ich weiß nicht mehr, mit welchen Waffen. Mir ist, als hätten wir keine Worte gewechselt, sondern Empfindungen oder Entschließungen, und die ganze Zeit über, die er da war, habe ich mich nicht von der Stelle gerührt. Dennoch kam es mir vor, als hätte ich in meinem Umgang mit den Menschen niemals einen ähnlichen Kraftaufwand leisten müssen. Die bloße Erinnerung an diesen Besuch macht mich noch müde.»

HERR GODEAU: «Welche Ehre erweist der Dämon uns, wenn er uns besucht. Luther hat einmal gesagt: ‹Wem der Teufel sich nicht an den Hals henkt, dessen Gottesgelahrtheit ist nur ein Wind.›» - Marcel Jouhandeau, Elise. Reinbek bei Hamburg 1968 (zuerst 1933 ff.)

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