Zimmerdecke  »Beruhigt euch, ihr werdet nur geschluckt. Von dem, was in euch brodelt, werdet ihr geschluckt.«

Von der Decke sank das rote Zelt mit dem dunkeln Stein herunter. Jetzt brach es durch. Es war ein Schlangenfisch, der auf einem Tisch platzte und andere Schlangenfische aus seinem Bauch entleerte. Sie wälzten sich zwischen den Stühlen. Alles wurde lautlos grau. Das Parkett verwandelte sich in eine sulzige  Masse, auf der sich Kleider bauschten. Schlangenfische schnalzten und sprangen in die Logen. Senta ging durch sie hindurch. Ich folgte ihr. Im Zurückschauen sah ich die Leute unseres Tisches starr dastehen, lauter festgebannte Menschenschmetterlinge, alle durchsetzt mit Fischen.  - Hermann Lenz, Spiegelhütte. Frankfurt am Main 1999 (zuerst 1962)

Zimmerdecke (2) In einem blöden Augenblick der Zerstreutheit lief Plume mit den Füßen über die Zimmerdecke, anstatt sie auf der Erde zu behalten.

Als er dessen gewahr wurde, war es leider zu spät.

Gelähmt durch das in seinem Kopf sogleich angestaute und wie das Eisen im Hammer zusammengeballte Blut, wußte er gar ni * ehr wohin. Er war verloren. Mit Entsetzen sah ien fernen Fußboden, den früher so einladenden Lehnstuhl, das ganze Zimmer ein staunenerregender Abgrund.

Wie gern wäre er in einem Bottich voll Wasser gewesen, in einer Wolfsfalle, in einem Koffer, in einem kupfernen Badeofen, alles lieber als dort, so allein, auf dieser lächerlich öden Saaldecke ohne Zufluchtsmöglichkeiten, von wo wieder hinunterzusteigen gleichbedeutend mit Selbstmord gewesen wäre.

Unheil! Unheil, das sich immer wieder an denselben Menschen hängt. . . während so viele andre Leute in der ganzen Welt fort und fort ruhig auf der Erde hinschreiten, Leute, die gewiß nicht viel mehr wert waren als er.

Hätte er wenigstens noch in den Plafond hineingehen können, dort in Frieden, wenn auch sehr rasch, sein trauriges Leben zu beenden ... Aber die Plafonds sind hart, und man wird immer wieder von ihnen „abgestoßen" — im wahrsten Sinne des Wortes.

Man kann sich sein Unglück nicht mehr aussuchen, es wird einemdasgeboten,was übrig ist.  - Henri Michaux, Plume und andere Gestalten. Wiesbaden 1981 (zuerst 1938)

 

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