ut   Durch eine sprachliche Formulierung wird ein betrübsamer Zustand (Rheuma, la purée, Mißwachsenheit) keineswegs erträglicher . . . Anfangs ist es zwar oft, als gewänne ein Gedanke durch mehrere Formulierungen; später aber, als verlöre er dadurch sehr; und endlich genügt eine einzige, um ihn völlig lächerlich zu machen. Ein Gedankengang? Ein Kreuzweg. Man kann ihn stundenlang nach allen WINDrichtungen hin ins Endlose fortsetzen... Letzthin okuliert: Jeder Gedanke ist ein (zumindest leichter) Wutanfall. Gegen die unverschämte Ruhe und Sicherheit der Umgebung, inklusive die Geistportiers. Doch diese geballte Einsicht macht nur noch wütender. Ist es nicht am sinnlosesten, wütend zu sein? ... Eine kleine Beobachtung zur Disposition: oft, wenn man gänzlich sinnlos tobt, begibt sich das Gefühl, das (pepepe-pepère) - Leben hätte in diesem Augenblick einen Sinn bekommen. Das Wüten wäre also das Leben selber? Zwar gewiß: Wut enthält am meisten Aufrichtigkeit; zwar gewiß: alle restlichen Zustände sind nur dadurch auszuhalten, daß die Wut verborgen bleibt oder der Herr sich verstellt... Dennoch: Sinnlosigkeit, auf ihrem höchsten Punkt angelangt, ist Wut, Wut, Wut und noch lange kein Sinn... - (ser)

Wut (2) Ein anderer von irgendwo tötete seine Frau vor versammeltem Hofe, nachdem er ihr fünfzehn Jahre hindurch alle Freiheiten von der Welt gelassen hatte und nachdem er ziemlich unterrichtet von ihrem Leben war, so daß er sie sogar warnte und ermahnte. Dennoch ergriff ihn die Wut, und eines Morgens suchte er sie in ihrem Bett auf, gerade als sie aufstehen wollte, und nachdem er mit ihr geschlafen, mit ihr geschwatzt und gelacht hatte, versetzte er ihr vier oder fünf Dolchstiche, dann ließ er ihr von einem ihrer Liebhaber den Rest geben, sie in eine Sänfte legen und vor aller Welt in dessen Haus tragen, um sie begraben zu lassen. Hierauf kehrte er zurück und zeigte sich am Hofe, als hätte er die beste Tat von der Welt getan, und triumphierte darüber.

Er hätte es gerne mit ihren Liebhabern ebenso gemacht; aber damit hätte er zuviel Scherereien gehabt, denn sie hatte deren so viel besessen, daß sie daraus eine kleine Armee hätte bilden können. - (brant)

Wut (3)   Einen gab es, der bei einem großen Schimpf in eine solche Wut geriet, daß er kein einziges Wort herausbrachte; dies war der verratene Roland. Sein ganzes Blut stieg ihm empor und gelangte bis zum Kopfe; seine Augen sprühten Blitze, sein stummer, plötzlich fürchterlich beredter Mund ließ die ganze Versammlung erblassen, ... Sie wichen zurück, er aber war tot, seine Adern waren gesprungen; seine Arterien spritzten das rote Blut bis an die Stirn seiner Meuchelmörder. - Jules Michelet, Die Hexe, nach: Alexander Kluge, Die Patriotin. Texte/Bilder 1-6. Frankfurt am Main 1979

Wut (4)

Kaum wird der wilde Mohr am Fell des Drachen,
Am fremden Waffenschmucke dort erkannt,
Wo große Schar von Alten und von Schwachen
Auf jede Neuigkeit die Ohren spannt,
Da dringt Geheul und Schrei'n und lautes Krachen
Von Händeschlagen bis zum Himmelsrand;
Und wer noch fliehen kann, rafft sich zusammen
Um sich in Häusern, Kirchen zu verrammen.

Doch wen'gen will's der Degen zugestehen,
Den der Gewalt'ge schwenkt zu wildem Mord.
Hier bleibt ein Fuß mit halbem Beine stehen,
Da fliegt ein Kopf weit von dem Rumpfe fort;
Der muß sich überzwerch durchschnitten sehen,
Vom Kopf zum Bauch gespalten jener dort.
Wie viel' er auch mag töten, treffen, jagen,
Doch wird kein einz'ger ins Gesicht geschlagen.

So wie der Tiger auf des Ganges Wiesen,
Hyrkaniens Au'n mit schwachen Herden ficht;
Wie Ziegen, Lämmern wird vom Wolf erwiesen,
Auf jenem Berg, der Typhons Toben bricht;
So macht's der wilde Heide hier mit diesen -
Geschwadern und Phalangen sag' ich nicht;
Nein! Pöbel, Volk, an welchem nichts verloren,
Das wert zu sterben ist, noch eh's geboren.

Wie viel' er auch durchbohrt, sticht, haut in Stücke,
Doch wird von ihm nicht eine Stirn geschaut.
Die Straß' entlang, die auf die Michelsbrücke
Schnurgrade führt, so volkreich und bebaut,
Rennt Rodomont mit schrecklich wilder Tücke,
Indes sein blutig Schwert im Kreise haut,
Nicht auf den Herrn noch auf den Diener achtend
Und den Gerechten wie den Sünder schlachtend.

Dem heil'gen Amt darf nicht der Priester trauen,
Sowenig Unschuld hier den Säugling schützt,
Sowenig hier den Mädchen und den Frauen
Der Augen Glanz, der Wangen Purpur nützt.
Das Alter wird gejagt und wird gehauen;
Und Rodomont, da er solch Blut verspritzt,
Gibt mehr Beweis von Grausamkeit als Mute;
Denn Alter, Stand, Geschlecht kommt nicht zugute.

Doch nicht allein aufs Volk der Menschen richtet
Der Frevler Haupt und König seine Wut;
Auch mit Gebäuden kriegt er und vernichtet
Die Häuser und die Tempel selbst durch Glut.
Die Häuser waren nur von Holz errichtet,
Wenn wahr ist, was uns kund die Sage tut.
Und glaublich ist's; denn heut noch hat das stolze
Paris sechs Häuser unter zehn von Holze.

Tobt auch die Flamme schlimmer stets und schlimmer,
Noch nicht genug ist seiner Wut geschehn.
Mit Händen klammert er sich fest, und immer
Muß, wenn er ruckt, ein Haus zugrunde gehn.
Herr, glaubt es mir, Ihr habt bei Padua nimmer
Ein Steingeschütz der größten Art gesehn,
Das so viel Mauerwerk danieder wettert,
Wie Rodomont auf einen Ruck zerschmettert. 

- (rol)

Wut (5)  Gut für den Blutdruck; gesund, bisweilen in solche zu geraten. - (fla)

Wut (6)  Ich hatte jedesmal, wenn ich durch die Stadt ging,Jesus,eine verrückte Wut,so nach allen Seiten wegspritzende,wilde Aufruhrgedanken, die mir durch den Kopf flogen, sobald ich diese vielen, muffigen Gesichter sah, die die Gegenwart bestimmten und jeden Augenblick genaugenommen kaputt machten, ich kann gar nich so schäbig denken, wie das,was ich sah, und hätte am liebsten diese Visagen mit einem gezückten Kamm angefallen und die Zinken dadurch gezogen,das ging mir überall so,in den verschiedendsten Situationen,da sah ich so wieder zwei, er muß sie stützen,sonst fällt sie offensichtlich hin,und beide sehen sich stumm eine Anbauküche Kentucky an, er hat die westdeutsche gepflegte Zuhälterfrisur ,sie trägt Zapfen an den Ohren und träumt von Eiern in der Teflonweltraumpfanne. ich frag mich,was hab ich überhaupt damit zu tun,aber die Wut ist da.!/   -  Rolf Dieter Brinkmann, Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin (Tagebuch). Reinbek bei Hamburg 1987

Gefühle, unfreundliche
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