underkind    Rex Greene war ein kleiner, blasser junger Mann mit schmalen, hängenden Schultern. Sein ungewöhnlich großer Kopf saß auf einem geradezu ausgemergelt wirkenden Hals. Eine glatte Haarsträhne fiel ihm in die stark gewölbte Stirn, und er hatte die Angewohnheit, sie mit einer ruckartigen Kopfbewegung zurückzuwerfen. Seine winzigen, unsteten Augen schienen hinter der gewaltigen Hornbrille niemals zur Ruhe zu kommen; und seine schmalen Lippen zuckten ständig, als litte er an einem tic douloureux. Sein Kinn war klein und spitz, und indem er es zurückzog, betonte er noch, wie wenig ausgeprägt es war. Er bot keinen erfreulichen Anblick, und doch hatte der Mann etwas an sich - vielleicht, weil er übermäßig angespannt wirkte-, was auf außergewöhnliche Anlagen schließen ließ. Ich habe einmal ein Wunderkind gesehen - einen Schachspieler -, das die gleiche Schädelform und den gleichen Gesichtsschnitt besaß. - S.S. van Dine, Der Mordfall Greene. Köln 1991 (DuMont's Kriminal-Bibliothek 1029, zuerst 1927)

Wunderkind (2)  „Tristram", sagte mein Vater, „soll mir jedes Wort im Wörterbuch auf diese Art rückwärts und vorwärts konjugieren. Jedes Wort, Herr Yorick, wird hierdurch, wie Sie sehen, in eine These oder Hypothese verwandelt. Jede These oder Hypothese erzeugt ihre Propositionen, und jede Proposition hat ihre Folgerungen und Schlüsse, von denen jede den Geist wiederum auf unbetretene Wege der Zweifel und Untersuchungen leitet. Die Kraft dieser Maschine, den Kopf eines Kindes aufzuklären", setzte mein Vater hinzu, „ist unglaublich." — „So groß, Bruder Shandy", rief mein Onkel Toby, „daß sie ihn in tausend Splitter zerschmettern kann."

„Ich vermute", sagte Yorick lächelnd, „es muß daher gekommen sein (denn laß die Logiker sagen, was sie wollen, aus dem bloßen Gebrauch der zehn Prädikamente kann man es nicht hinlänglich erklären), daß der berühmte Vincenz Quirino, abgesehen von vielen anderen bewundernswerten Taten seiner Kindheit, von denen der Kardinal Bembo der Welt eine so genaue Schilderung hinterlassen hat, bereits in einem Alter von acht Jahren imstande gewesen ist, in den öffentlichen Schulen zu Rom nicht weniger als viertausendfünfhundertundfünfzig Sätze über die allerdunkelsten Punkte der allerdunkelsten Theologie vorzubringen und sie dergestalt zu verteidigen und zu behaupten, daß er seine Gegner stumm und dumm gemacht hat!" — „Was ist das", rief mein Vater, „gegen das, was uns von Alphonsus Tostatus erzählt wird, der sozusagen auf den Armen seiner Amme alle Wissenschaften und schönen Künste erlernte, ohne daß ihn eine einzige gelehrt wurde? Was sollen wir von dem großen Piereskius sagen?" — „Das ist ebender Mann", rief mein Onkel Toby, „von dem ich dir schon einmal erzählt habe, Bruder Shandy, der die fünfhundert Meilen von Paris nach Scheveningen und von Scheveningen wieder nach Paris zu Fuß zurücklegte, bloß um den fliegenden Wagen des Stevinus zu sehen. Es war ein sehr großer Mann", setzte mein Onkel Toby hinzu (und meinte Stevinus). — „Das war er, Bruder Toby", sagte mein Vater (und meinte Piereskius), „und er hatte seine Ideen so schnell vermehrt und seine Wissenschaft in einem so erstaunlichen Umfang betrieben, daß, wenn wir einer Anekdote über ihn Glauben schenken dürfen, was wir doch müssen, wenn wir nicht allen Anekdotenglauben ganz und gar verwerfen wollen, sein Vater ihm, als er sieben Jahre alt war, die Sorge für die Erziehung seines jüngeren Bruders, eines Knaben von fünf Jahren, vollständig übertrug und ihn ganz allein schalten und walten ließ." — „War der Vater ebenso weise wie der Sohn?" fragte mein Onkel Toby. - „Ich glaube nicht", sagte Yorick. - „Aber was sind all die", fuhr mein Vater fort (und geriet dabei in eine Art von Enthusiasmus), „was sind all die gegen die Wunderkinder Grotius, Scioppius, Heinsius, Politian, Pascal, Joseph Scaliger, Ferdinand von Cordoba und andere, von denen einige schon im neunten Jahr oder gar noch früher ihre substantiellen Formen ablegten und ohne dieselben fortfuhren zu philosophieren? Andere lasen schon mit sieben Jahren die klassischen Autoren, schrieben mit acht Tragödien; Ferdinand von Cordoba war mit neun schon so weise, daß man dachte, er habe den Teufel im Leib, und zu Venedig gab er solche Proben von seiner Gelehrsamkeit und Güte, daß die Mönche meinten, er müsse der Antichrist sein oder gar nichts. Andere beherrschten mit zehn Jahren vierzehn Sprachen, absolvierten mit elf ihren Kursus der Rhetorik, Poetik, Logik und Ethik, verfaßten mit zwölf ihre Kommentare zu Servius und Martianus Capella und promovierten mit dreizehn in Philosophie, Rechtswissenschaft und Theologie." — „Aber Sie vergessen den großen Lipsius", sagte Yorick, „der am Tag seiner Geburt ein Werk machte." — „Das hätten sie wegwischen sollen", sagte mein Onkel Toby, „und weiter kein Wort davon sagen."  - (shan)

Wunderkind (3)  Aristoteles bemerkt, daß von den Olympischen Siegern nur zwei oder drei ein Mal als Knaben und dann wieder als Männer gesiegt hätten; weil durch die frühe Anstrengung, welche die Vorübung erfordert, die Kräfte so erschöpft werden, daß sie nachmals, im Mannesalter, fehlen. Wie Dies von der Muskelkraft gilt, so noch mehr von der Nervenkraft, deren Aeußerung alle intellektuelle Leistungen sind:  daher werden die ingenia praecocia, die Wunderkinder, die Früchte der Treibhauserziehung, welche als Knaben Erstaunen erregen, nachmals sehr gewöhnliche Köpfe. Sogar mag die frühe, erzwungene Anstrengung zur Erlernung der alten Sprachen Schuld haben an der nachmaligen Lahmheit und Urtheilslosigkeit so vieler gelehrter Köpfe.  - (schop)

Wunderkind (4)  Ohne Schwierigkeit erlernt sie im Alter von fünf Jahren Lesen und Schreiben und, da sie hochbegabt ist, gleich in drei Sprachen. Schon mit neun Jahren übersetzt sie deutsche Gedichte und Prosa ins Polnische und verfaßt Gedichte.

Auf die geistige Entwicklung der Kinder, besonders Rosas, übt die Mutter, großen Einfluß aus. Nicht nur für die Bibel, auch für die klassische deutsche und polnische Dichtung besteht im Hause Luxemburg, in dem kulturelle Werte eine bedeutsame Rolle spielen, großes Interesse.

Die frühe Entfaltung der geistigen Kräfte macht Rosa zum Stolz ihrer Eltern, die nicht der Versuchung widerstehen können, ihr Wunderkind den Besuchern vorzuführen, wobei die junge Rosa mit Trotz reagiert und die ihr angeborene Spottlust und die Gabe nutzt, schnell die schwachen Seiten anderer zu entdecken.

So neckt sie Besucher, die nicht übermäßige Intelligenz zeigen, mit einem Gedicht, das mit der Moral endet: „Der Dumme wird auf Reisen klüger nicht!" - Frederick Hetmann, Rosa L. - Die Geschichte der Rosa Luxemburg und ihrer Zeit. Frankfurt am Main 1979

Wunderkind (6)  Fünf Jahre war der Knabe Jesus, da spielte er an einem Sabbat an der Furt eines Baches. Da sah er, daß die Wasser schmutzig waren, also leitete er sie seitwärts in Gruben zusammen und machte sie so klar, und er bewirkte dies allein durch die Macht seines Wortes.

Und er nahm Lehm und formte daraus zwölf Sperlinge. Es waren aber noch viele Kinder da, die spielten mit ihm.

Und ein Jude, der da sah, was Jesus am Sabbath beim Spielen tat, ging hin und meldete seinem Vater Joseph: Siehe, dein Knabe spielt am Bach und hat Lehm genommen und daraus zwölf Vögel gebildet und den Sabbath entweiht. 

Und Joseph eilte zum Bach und als er sah, was da geschehen war, schrie er und sprach: Wehe, was tust du Verbotenes am Sabbath? Da klatschte Jesus in seine Hände und rief den Sperlingen zu: Fort mit euch! Da wurden die Sperlinge lebendig und flatterten schreiend davon. - Evangelium Thomas' des Israeliten, nach: Die andere Bibel. Hg. Alfred Pfabigan. Frankfurt am Main 1990

Wunderkind (7)  «Ich bin in Grodno geboren, bin aber vor mehr als zwanzig Jahren ausgewandert», murmelte der Rabbi mit vollem Mund, während er eifrig mit Messer und Gabel arbeitete.

« Dann müßt Ihr der berühmte Prediger sein, von dem jetzt noch alle reden!» rief Jankele hingerissen. «Ich erinnere mich nicht, ich war ein kleines Kind, aber die Leute sagen, einen solchen findet man heut nicht mehr.»

«In Grodno hat mein Mann eine Branntweinschenke betrieben», warf die Rebetzin dazwischen.

Ein paar peinliche Sekunden verstrichen, bis der Hausherr zu Jankeles Erleichterung bemerkte: «Ja, aber der Herr (Ihr werdet entschuldigen, Sir, daß ich Euch so nenne, ich kenne Eueren Namen nicht) meint sicher meinen Ruhm als Wunderkind. Mit fünf Jahren predigte ich schon vor vielen hundert Zuhörern, und meine Gewandtheit, die Texte auszulegen und zu deuten, daß sie etwas anderes bedeuteten, als es auf den ersten Blick schien, rührte achtzigjährige Greise, die seit ihrer frü-hesten Kindheit mit der Thora vertraut waren, zu heißen Tränen. Es hieß, einen solchen jungen Maggid hätte man seit Ben Sira nicht erlebt.»

«Warum habt Ihr es aufgegeben?» fragte Manasseh.

«Es hat mich aufgegeben», sagte der Rabbi und ließ zum erstenmal Messer und Gabel ruhen, um die alte Klage anzustimmen. «Ein Wunderkind hat nur kurze Zeit zu leben. Bis zu neun Jahren zog ich noch, doch dann wurde das Wunder mit jedem Jahr geringer, und als ich dreizehn war, erregte meine Bar-Mizwah-Rede** kein größeres Aufsehen als die Reden vieler anderer Jungen. Nachher wurstelte ich noch eine Zeitlang so kindlich wie möglich weiter, aber ich kämpfte für eine verlorene Sache. Mein Alter gewann täglich einen größeren Vorsprung. Wie ja auch geschrieben steht:  ‹Ich bin jung gewesen, und nun bin ich alt.› Vergeblich komponierte ich die kunstvollsten Reden, die man je in Grodno gehört hatte, vergeblich hielt ich einen Kursus über die Gefühle mit Erläuterungen und Beispielen aus dem täglichen Leben ab - die wankelmütige Menge wandte sich jüngeren Attraktionen zu. So gab ich schließich auf und verkaufte Wodka.»

«Ein Jammer! Ein wahrer Jammer!» seufzte Jankele. «Einer, der Ruhm gewonnen hat in der Auslegung der Thora!»

«Was soll der Mensch tun? Er bleibt nicht immer ein Kind», versetzte der Rabbi. «Ja, ich betrieb einen Wodka-Ausschank. Das ist, was ich Herunterkommen nenne. Doch es ist noch Balsam in Gilead. Ich verlor so viel Geld, daß ich auswandern mußte, und da ich in England keine andere Arbeit fand, wurde ich wieder Prediger.»  - Israel Zangwill, Der König der Schnorrer. München 1994 (zuerst 1894)

Wunderkind (8)  Eine Kürschners-Frau, Rosina Sohlin, gienge zu jedermanns Verwunderung über Jahr und Tag schwanger, und als endlich die Geburths-Stunde heran nahet, bringet sie zu eines jeden Schrecken eine solche Miß-Geburth zur Welt, so noch niemahls gesehen worden, über dessen Anblick sie auch selbst vor Schrecken ihren Geist aufgegeben.

Dieses Wunder-Kind trug auf dem Haupte einen Säbel und Türckischen Bund, an den Augen und Ohren hatte es 2 Flügel, an beyden Achseln 2 Köpffe, am Leibe 4 Köpffe und an den Beinen auch 2 Köpffe, welche einen beissenden Thiere ähnlich sahen, die Hände u. Füsse aber denen Gänsefüssen gleichten. Das erschröcklichste war dieses darbey, wenn das Kind sich regte, die Köpffe auch anfiengen, ein jeder insbesondre sich zu bewegen. schrye das Kind, so schryen sie alle, und heulten wie die Hunde. Eben also war dieses abscheulich mit anzusehen, daß wenn man denen Köpffen zu nahe kam, sie grimmiglich um sich herum bissen. Die Haare stiegen einen jeden zu Berge, der solchen Jammervollen Zustand mit ansahe.

Weil man nun dieses Kind nicht aufheben durffte, es auch nicht essen noch trincken wolte, so weynte man, daß es nicht lange leben würde; jedennoch lebte es zu grosser Plage noch 6 Tage. Auch wuchse ihm in Eil ein Schwantz, welcher bis am Hals reichte, und einen Pfeil ähnlich sahe.

Uber alle diese merckliche Zeichen ereignete sich noch dieses: Als man die Frau nebst andern Leichen verscharren wolte, hörte man an dem Sarge ein starckes Klopffen. Weil man nun damit stille hielt, fragte sie: Was man denn mit ihr machen wolte? Hierauf eröfnete man den Sarg, um zu sehen, ob sie wieder lebte. Da richtete sie sich auf, und fragte: Ob das Kind, das ihr so viel Schmertzen gemacht, daß sie habe sterben müssen, auch gestorben sey? Als man nun sagte, daß es gestern verschieden, legte sie sich wieder nieder, mit diesen Worten: Nun gute Nacht, itzt bin ich zufrieden. - Wikipedia

Wunder Kind

 

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