Wohlstand  Das Ende des Faschismus bezeichnet das Ende einer Epoche und eines Universums. Die bäuerliche und volkstümliche Welt ist am Ende. Aus den armseligsten Teilen dieser Welt bezog der Faschismus seine Banden unschuldsvoller, männlicher Meuchelmörder. Am Ende auch die Mittelschichten, deren bürgerliche Kultur noch auf der Volkskultur (ähnlich der gedungener Mörder) basierte: auf der von Bauern, Schäfern, Seeleuten, Armen. Unterschiedlich (von Region zu Region, von Stadt zu Stadt, vom Zentrum zur Peripherie). Exzentrisch, partikularistisch. Also real. Die neue Macht (von der Carlo ein unmittelbarer Teil war) hatte sich nach dem Krieg auf diese realen, aber wahlpolitisch [klerikal-reaktionären] Formen der Kultur gestützt. Das heißt, sie hatte das gleiche getan, was der Faschismus getan hatte. Doch dann hatte diese Macht langsam, und ihr selbst unbewußt, ihr Wesen radikal verändert. Die Kirche, die alle diese verschiedenen populistischen und realen (wahlpolitisch reaktionären) Volkskulturen gemeinsamen Merkmale in sich vereinigte, hatte sich mithin endgültig in den Dienst der Macht gestellt. Mit einemmal galt die Kirche als überholt, verlassen, unnütz, hinderlich. Diese realen (besonderen, volkstümlichen) Kulturen waren verschwunden (oder im Begriff zu verschwinden). Die Macht selbst war es, die sie zerstörte; und mit ihnen die Kirche. Die von dieser Macht (jeden Tag, jede Stunde, jede Minute des Lebens) gepredigte Lebensweise war vollkommen religionsfeindlich. Nichts - in all diesen Jahren - konnte auf der Welt als religionsfeindlicher gelten als beispielsweise das Fernsehen. Über den Bildschirm flimmerten zwar ziemlich häufig offizielle Eröffnungsfeiern in Gegenwart eines lächerlichen Bischofs; noch häufiger sah man religiöse Zeremonien [mit dem Papst höchstpersönlich] usw. Aber dies alles war nichts anderes als die Paradevorführung der Macht: Staatsreligion. In Wahrheit predigte das Fernsehen täglich, Stunde um Stunde, den Hedonismus im Reinzustand; sein Engagement war ganz auf die Verwirklichung des Wohlstands und des Konsums gerichtet. Und die Menschen hatten die Lektion von Grund auf begriffen, palingenetisch (zum erstenmal in der Geschichte). Sie hatten sich verändert. Sie hatten die neuen, von der Kultur der Macht angebotenen Vorbilder zu ihren eigenen gemacht. Ihre eigenen traditionellen Vorbilder hatten sie aufgegeben. Existentiell wurden neue Werte gelebt, die im Bewußtsein zunächst noch ausschließlich Begriffe waren. Das Leben war dem Bewußtsein voraus. Die Toleranz, unabdingbar für die hedonistische Ideologie des Konsums, stellte neue Pflichten auf: die nämlich, sich auf dieselbe Stufe der Freiheiten zu stellen, die von oben her unterschiedslos gewährt wurden. Unvermeidbarer Grund für Neurosen. Andererseits war die existentielle Umsetzung neuer Werte, ohne sie zu kennen, auch wieder ein guter Grund für Neurosen. Die bäuerliche Welt war zusammengebrochen. Die Felder (und Seminare) waren voller Vipern. Die Menschen hatten ihre traditionellen und realen Werte zusammen mit den von der offiziellen Religion aufgezwungenen verloren. Was ersetzte diese Werte? Die letzten Endes ja auch noch die des Kleinbürgertums waren? Niemand - auf Seiten der Macht ~ hatte jemals die Wahrheit gesagt: das heißt, daß die neuen Werte die Werte des Überflusses waren, was die Menschenleben überflüssig und armselig machte. Also tat man so, als wisse man nichts. Carlo sah sich die Faschisten an, die an ihm vorbeizogen. Bei ihnen konnte es sich nur um jene realen Menschen handeln, die die Macht (die Geschichte) in diesem Augenblick wollte. Ihre klassisch mentalen Slogans wie "Gott, Vaterland, Familie" waren reines Gewäsch. Die ersten, die nicht real daran glaubten, waren sie selbst. Vielleicht war von den alten Losungen, die noch einen Sinn ergaben, eine das Wort "Ordnung". Aber das reichte nicht aus, um damit Faschismus zu machen. Die Menschen, die an Carlo vorüberzogen, waren doch armselige Städter, längst vom Angstsog des Wohlstands vereinnahmt, korrumpiert und zerstört von den zusätzlichen tausend Lire, die eine 'entwickelte' Gesellschaft ihnen in die Tasche gesteckt hatte. Es waren unsichere, graue, verängstigte Menschen. Neurotiker. Ihre Gesichter waren straff, schief und blaß. Die Haare der Jugendlichen waren so lang wie die Haare aller jugendlichen Konsumjünger, mit Haarsträhnen und Haarschwänzen aus dem achtzehnten Jahrhundert, Karbonaro-Bärten, Jugendstilmähnen; enge Hosen, die mitleiderregende Eier bedeckten. Ihre Aggressivität, dummdreist und grausam, schnürte einem das Herz ab. Sie taten einem leid, und nichts ist weniger berauschend als einer, der einem leid tut. Ihr Schicksal rief sie zu Arbeiten, die weniger schlecht bezahlt wurden als in den Jahrzehnten zuvor, und zu etwas mehr verbürgerlichten weekends: diese Demonstration war wenigstens einmal etwas anderes. Die Spinolas sind schlimmer als die Caetanos. Die von Caetano Gedungenen konnten noch an ihre Werte glauben, die teilweise falsch, teilweise richtig waren: Asketentum und Männlichkeit waren praktisch reale Fakten. Jetzt waren sie nur noch armselige Gespenster, deren Recht, durch die Stadt zu ziehen, wahrscheinlich nur auf eine Entscheidung des CIA zurückzuführen war. Die wahren Faschisten waren jetzt in Wirklichkeit die Antifaschisten an der Macht. Der Mächtige war Carlo, nicht diese heulenden dummen Bürschchen, die die Ursache ihres Schmerzes nicht kannten.

In diesen Gesichtern alter, vom Wohlstand geschminkter Italiener war das, was keine Neurose war, Vulgarität: dichte schwarze Augenbrauen über schlaffen Augen, blassen Backen, widerlichen, aggressiven Speckschichten, Lasttierärschen. Auch die Vulgarität ist wild antiberauschend. Diese Masse von Menschen schwärmte durch die alte Straße ohne jeden physischen Glanz, ja physisch war sie sogar peinlich und widerwärtig. Es waren Kleinbürger ohne Schicksal, genau in dem Augenblick an den Rand der Weltgeschichte gedrängt, in dem sie mit allen anderen anerkannt wurden. - Pier Paolo Pasolini, Petrolio. Berlin 1994

 

Besitz Leben, angenehmes

 

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