Witwe, Schwarze  Sie war schwarz gekleidet, seit wenigen Monaten verwitwet. Der Gatte war an einem Autorennen in Monza gestorben, wegen eines Reifens, der geplatzt war. Manchmal platzen die Reifen. In Mailand spielte sie die leidgeprüfte Witwe und in Rom die Hure, Entschuldigung. Sie kam im Zug ganz schwarz gekleidet wegen des toten Gatten und weinte dann und wann. Die Schwarze Witwe hatte ein tiefe Stimme, und ihr Busen war tatsächlich wie ein Brett. Ein gut gebautes Skelett, trockene Haut, fleischige Lippen, Zähne so scharf wie Rasierklingen, Vorsicht. Die Lippen und die Zunge soviel du willst, aber die Zähne nicht, nein die darfst du nicht benützen. Sie hatte Schokoladengeschmack im Mund von einer Praline, die sie gegessen hatte. So ist ihr Porträt fast vollständig vom Kopf bis zum Fuß, den Schokoladengeschmack Inbegriffen.

Sie hat sich aufs Sofa gesetzt und ausgezogen. Schwarz gefällt mir, das heißt es erregt mich sofort, schwarz auf der menschlichen Haut. Ha! Auch die Strümpfe waren schwarz, totale Trauer. Diese Dinge wissen die Frauen schon seit der Zeit der alten Ägypter, man sieht das an den Statuen der Königinnen aus schwarzem Granit und an den Mumien in den Vatikanischen Museen, die mit schwarzem Teer geschwärzt sind. Sie machen mir Lust zum Vögeln, wenn mich nicht Respekt vor dem Papst und Angst vor den Wächtern abhielten. Unmensch vergewaltigt Mumie in den Vatikanischen Museen, darüber reden wir später.

Ich freute mich, daß die Schwarze Witwe in meine Höhle gekommen war. Jetzt entfeßle ich die Hölle im Garten, sagte ich mir, wie ein Panzerwagen im Weizenfeld. Ich will dich wie ein Bergwerk aushöhlen, von der Spalte bis zur Kehle. Damit du dich an mich erinnerst, wenn du wieder in Mailand bist.

Jeder hat seine Vorlieben. Manchmal auf dem Sofa, im Winter, wenn es regnet, beim Kaminfeuer, am Abend im Bett, im Sommer auf dem Teppich. Eine harte Unterlage gefällt mir besonders gut. Ich stoße bis zu dem hintersten Winkel des Gartens vor, wo die Geheime Grotte sich befindet, ich habe das Gefühl, einzudringen wo noch niemand eingedrungen ist. Und da fängt das Fräulein oder die Frau an zu schreien vor Lust.

Die Hausbewohner haben sich schon oft beklagt. Auch der Advokat, der wie eine Lokomotive schnarcht, sagt, daß man so nicht schlafen kann, ich muß nämlich früh aufstehen, weil die Gerichtsverhandlungen morgens stattfinden. Niemand hat den Mut ihm zu sagen, er solle zuerst selber aufhören zu schnarchen oder zumindest die Fenster schließen, damit man das Keuchen des Zugs auf den Gleisen nicht hört, wie damals als die Züge noch mit Dampf betrieben wurden. Heute sind zum Glück alle elektrifiziert.

Es gibt Frauen, die gern vergewaltigt werden und ständig auf der Suche sind nach einem Gepäckträger, einem Handlanger oder einem Schmied. Du dagegen willst erregt werden, das ist mir auch recht, ich werde das Zeremoniell befolgen, ich kenne die Spielregeln. Nachher aber mußt du mich eintreten lassen, sonst fange ich gar nicht erst an.

Seltsam, kaum nähere ich mich der Schwarzen Witwe, erschrickt sie und beginnt aus voller Kehle zu schreien, wie eine, die man umbringen will.  - Luigi Malerba, Der Protagonist. Berlin 1989 (zuerst 1973)

Witwe, Schwarze (2)   »Die letzten von euch, die noch die ganze Geschichte kannten, brachten uns ins Spiel. Wir wurden gezüchtet« -die Spinne ließ ein eigentümliches Kichern vernehmen -, »irgendwo gezüchtet zu diesem ehrenvollen Zweck. Wir halten sie recht gut in Schach, die Ameisen. Weißt du, wie sie uns nennen? Die Esser. Ekelig, nicht?«

Zwei weitere Spinnen glitten an ihren Fäden herab und landeten auf dem Schreibtisch. Die drei Spinnen tuschelten miteinander.

»Ist doch ernster, als ich dachte«, sagte der Beißer schließlich. »Ich war wohl nicht ganz im Bilde. Die Stachelträgerin hier —«

Die Schwarze Witwe kam an den Rand des Schreibtischs.

»Riese«, piepste sie mit metallischer Stimme. »Ich möchte mit dir reden.«

»Ja, bitte«, sagte der Mann.

»Es wird einigen Ärger geben. Sie haben sich in Bewegung gesetzt und kommen hierher, sehr viele von ihnen. Wir haben gedacht, wir bleiben besser eine Weile bei dir. Kümmern uns darum.«

»Ich verstehe.« Der Mann nickte. Er leckte sich die Lippen, fuhr sich mit zittrigen Fingern durchs Haar. »Glaubst du - ich meine, wie stehen die Chancen -«

»Die Chancen?« Die Stachelträgerin wiegte den Kopf. »Na ja, wir machen unsere Arbeit schon seit sehr langer Zeit. Seit fast einer Million Jahre. Ich glaube, daß wir ihnen überlegen sind, alles in allem gesehen. Unsere Übereinkunft mit den Vögeln und mit den Kröten -«

»Ich glaube, die Chancen stehen gut«, warf der Beißer fröhlich ein. »Um ehrlich zu sein, wir freuen uns immer riesig auf solche Ereignisse.«

Irgendwo unter den Holzdielen war ein fernes Kratzen zu hören, das Geräusch einer Unmenge winziger Beine und Flügel, ein entferntes, leichtes Vibrieren. Der Mann hörte es und sackte in sich zusammen.

»Seid ihr wirklich sicher? Glaubt ihr, daß ihr das könnt?« Er wischte sich den Schweiß von den Lippen, griff nach der Spritzpistole und lauschte wieder.

Das Geräusch nahm zu, schwoll an unter ihnen, unter dem Fußboden, unter ihren Füßen. Draußen vor dem Haus raschelten die Hecken; ein paar Motten flogen hoch und schlugen gegen das Fenster. Laut und lauter wurde das Geräusch, unten und draußen, überall, ein zunehmendes zorniges, entschlossenes Summen. Der Mann blickte von einer Seite zur andern.

»Seid ihr sicher, daß ihr das könnt?« murmelte er. »Könnt ihr mich wirklich retten?«

»Oh«, sagte die Stachelträgerin peinlich berührt. »Das habe ich nicht gemeint. Ich meinte die Spezies, die Rasse . . . nicht dich als Individuum.«  - Philip K. Dick, Entbehrlich. In: Und jenseits - das Wobb. Sämtliche SF-Geschichten Bd. 1 Zürich 1998

 

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